Cyberwar im Fokus Rüstungskonzern Ruag setzt vermehrt auf Software

Der bundeseigene Rüstungskonzern investiert heute viel mehr Geld in Cyber-Abwehr als zum Beispiel in Panzertechnologie.

  • Die Ruag setzt vermehrt auf Cyber-Abwehr als auf klassische Rüstungstechnologie.
  • Am Sitz in Bern betreibt der Konzern ein Trainingszentrum für Cyber-Sicherheit.
  • Als Nischenanbieter strebt die Ruag in dem Bereich eine Führungsposition an.

Der Schutz vor Cyber-Attacken ist ein boomendes Milliardengeschäft. Auch der Schweizer Rüstungs- und Technologie-Konzern Ruag will davon profitieren.

In Bern, am Hauptsitz der Ruag, befindet sich das Trainingszentrum für Cyber-Sicherheit. Hier können verschiedene Szenarien von Cyber-Attacken geübt werden – und diese beginnen häufig ähnlich, sagt Diego Schmidlin, Leiter des Zentrums.

«  Am Ende entscheidet das Management darüber, ob es einen Teil der IT-Anlage abschaltet oder nicht. »

Diego Schmidlin
Leiter Trainingszentrum

«Ein Angreifer sucht immer den Weg des geringsten Widerstandes, um zu seinem Ziel zu kommen», erklärt er. «Ein grosser Teil dieser Angriffe erfolgt heute durch infizierte E-Mails oder Webseiten.» Sind die Angreifer einmal in einem Computer-System drin, können sie beträchlichen Schaden anrichten: dem Internetkonzern Yahoo haben Kriminelle die Daten von einer Milliarde Kunden gestohlen, und den Grossverteilern Migros und Coop haben Hacker die Web-Shops lahmgelegt.

Er steht vor einer Wand mit Codes zur Abwehr von Cyber-Kriminellen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Diego Schmidlin leitet das Trainingszentrum für Cyber-Sicherheit der Ruag in Bern. SRF/Matthias Heim

Kommunikation ist das A und O

Eine Cyber-Attacke zu bewältigen, habe längst nicht nur mit technischen Fragen zu tun, erklärt Schmidlin: «Wenn wir eine Übung veranstalten, an der sowohl die Techniker als auch das Management teilnehmen, geht es vor allem um Kommunikation. Was ist passiert, was funktioniert noch, was für Möglichkeiten hat das Management? Denn am Schluss entscheidet dieses darüber, ob es jetzt einen Teil der IT-Anlage abschaltet oder nicht.»

Mit solchen Fragen muss sich heute fast jedes Unternehmen beschäftigen. Selbst die Ruag wurde im vergangenen Mai Ziel eines Cyber-Angriffs. Etwas, das jeden Moment wieder passieren könne, sagt Ruag-Chef Urs Breitmeier bei einem Rundgang durch das Trainingszentrum. Eine 100-prozentige Sicherheit gebe es nicht: «Ich kann nicht sagen, ob gerade jetzt ein Angriff auf die Ruag stattfindet.»

«  Ich kann nicht sagen, ob gerade jetzt ein Cyber-Angriff auf die Ruag stattfindet. »

Urs Breitmeier
Ruag-Chef

Er vertraue aber den Cyberspezialisten innerhalb des IT-Teams der Ruag, so Breitmeier, «dass sie mir rechtzeitig melden, wenn sie einen Angriff entdecken und mir auch aufzeigen, wann es angebracht ist, gewisse Entscheidungen zu fällen».

Wachstumsmarkt mit Platz für Nischen

Die Ruag habe damals alle verfügbaren Mittel einsetzen müssen, um grösseren Schaden abzuwenden. Trotzdem sei es den Angreifern gelungen, eine kleinere Menge an Daten zu stehlen. Dieser Vorfall habe ihm gezeigt, dass sich Cyber-Attacken kaum vermeiden liessen. Viel mehr müssten Unternehmen oder Behörden lernen, mit solchen Angriffen umzugehen, ist Breitmeier überzeugt: «Es geht darum, dass man solche Angriffe erkennen und möglichst schnell wieder in den Normalbetrieb übergehen kann, und genau diesen Weg verfolgen wir bei der Ruag.»

Die Ruag sieht deshalb im Bereich rund um die Cyber-Sicherheit noch viel Potenzial, zumal in Zukunft noch viel mehr Geräte und Infrastruktur miteinander verbunden sein werden und auch anfälliger für Cyber-Angriffe werden als heute.

Urs Breitmeier rechts neben einem Schild mit blauem Schriftzug «RUAG» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Urs Breitmeier will die Ruag zum führenden Berater in Sachen Cyber-Sicherheit machen. Keystone

Allerdings sind in diesem Geschäftsfeld bereits unzählige Rüstungskonzerne, Software-Unternehmen und IT-Firmen tätig. Trotzdem glaubt der Ruag-Chef, dass es Platz hat für sein Unternehmen: «Wir möchten als Nischenanbieter in ganz bestimmten Bereichen eine führende Position mindestens in Europa, aber auch weltweit einnehmen. Dieser Bereich ist die Beratung und ganz ausgewählte Produkte, die auf Datenverkehr und Dokumentenkontrolle fokussiert sind.»

Ruag hat sich britischen Anbieter einverleibt

Die Ruag will also Technologie und Beratungen anbieten. Als mögliche Kunden hat die Ruag etwa Energieunternehmen, Spitäler oder Telekomfirmen im Fokus. Und die Pläne sind ehrgeizig: Heute macht die Ruag mit der Cyber-Sicherheit pro Jahr 15 Millionen Franken Umsatz – bis in drei Jahren sollen es bereits 100 Millionen sein.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Ruag vor wenigen Tagen die britische Sicherheitsfirma Clearswift mit 140 Angestellten übernommen. Gleichzeitig hat sie einen ehemaligen, hochrangigen Spezialisten der Nato eingestellt, der ab kommendem Jahr den Bereich Cyber-Sicherheit leitet.

«  Wir investieren bedeutend mehr in Cyber, als wir zum Beispiel in Panzertechnologie investieren. »

Urs Breitmeier
Ruag-Chef

Die Ruag ist als Rüstungskonzern gross geworden. Allerdings sind die zivilen Aufträge inzwischen in der Mehrzahl – und gerade den zivilen Bereich will das Unternehmen weiter ausbauen, sagt Ruag-Chef Breitmeier: «Wir investieren bedeutend mehr in Space und Cyber als wir zum Beispiel in Munition oder Panzertechnologie investieren. Das hat mit diesem Paradigmenwechsel zu tun.»

Die Ruag wird also immer mehr zu einem Software- und IT-Konzern. Ein Paradigmenwechsel, der übrigens von der Politik gewollt ist – schliesslich ist die Ruag noch heute vollumfänglich Eigentum des Bundes.