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Lokführermangel: Versagen des SBB-Managements
Aus ECO vom 18.05.2020.
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SBB gesteht Fehler ein Weshalb in den Führerständen Personalmangel herrscht

Die SBB hat zu wenig Lokführer. Den Engpass hat das Unternehmen vor allem selbst verursacht.

Hans-Ruedi Schürch ist seit über 30 Jahren SBB-Lokführer. Er leistet seit Jahren viel mehr, als er müsste: «Wir treiben eine Bugwelle von Arbeitszeit vor uns her, die schon ein paar Dutzend Mannjahre ausmacht. Die müssen wir irgendwann abbauen».

Die SBB hat vergangenen Herbst bekannt gegeben, dass sie bis in sechs Jahren rund 1000 neue Lokführerinnen und Lokführer benötigt. Was sie nicht sagte: Das sind fast 30 Prozent des Gesamtbestandes.

Zu dünne Personalreserve

SEV-Gewerkschafter Hans-Ruedi Schürch warnt die SBB seit langem vor einem Unterbestand und zweifelt auch an den Bestandszahlen, welche die SBB seiner Gewerkschaft regelmässig mitteilen: «Wir haben nie recht gewusst, wie sie gerechnet haben und fanden, dass dieser Bestand so nicht sein kann. Sonst würden sie nicht dauernd nach Personal suchen».

Blick über die Schulter in den Führerstand einer Lokomotive.
Legende: Fast 30 Prozent der Lokführer und Lokführerinnen muss die SBB in den nächsten Jahren ersetzen. Keystone

Die SBB gesteht Fehlplanungen ein. Vor allem 2019 sei man überrascht worden, sagt Claudio Pellettieri, Leiter Zugplanung und Rangier SBB: «Die geplanten Abgänge, die anstehenden Pensionierungen hatten wir in der Planung berücksichtigt. Mehrleistungen hatten wir aber ganz klar zu defensiv geplant. Zum Beispiel Events. Und damit die Auswirkungen auf den Tourenplan der Lokführerinnen und Lokführer.»

2019 haben die SBB tatsächlich so viele Sonderfahrten geleistet wie noch nie. Diese machen allerdings nur wenige Prozent der gesamten Fahrleistung aus. Aber sie liessen die ohnehin knappen Lokführer-Reserven offenbar rasch schmelzen.

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Claudio Pellettieri, SBB: «Wir haben zu defensiv geplant»
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Erst im vergangenen Jahr hat die SBB ihre Lokführer-Ausbildung intensiviert: mehr und grössere Klassen.

Coronakrise verzögert Lokführer-Ausbildung

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Wegen der Coranakrise hat die SBB ihren Fahrplan in den vergangenen Wochen deutlich ausgedünnt. Das hat zwar den Mangel an Lokführerinnen und Lokführern etwas entschärft und gab dem bestehenden Personal Gelegenheit, zumindest einige der vielen Überstunden abzubauen.

Gleichzeitig traf sie aber auch die Lokführer-Ausbildungsklassen. Vor allem die Fahrtrainings auf den Lokomotiven liessen sich nicht durchführen.

Laut SBB beträgt die zeitliche Verzögerung etwa zwei Monate. Etwa 250 Anwärterinnen und Anwärter befinden sich derzeit in Ausbildung.

Doch strukturelle Probleme sind damit nicht behoben. Zum Beispiel die Einsatzmöglichkeiten, sagt Walter von Andrian, Chefredaktor der Schweizer Eisenbahnrevue: «Lokführer sind heute nicht mehr polyvalent einsetzbar. Es gibt immer mehr Fahrzeugtypen, sodass einer nur diesen Zug fahren kann, der andere nur jenen. Sie haben auch keine umfassende Streckenkenntnis mehr.»

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Walter von Andrian, Schweizer Eisenbahnrevue: «Einer kann nur diesen Zug fahren, der andere nur jenen.»
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Lokführer im Leiharbeitsverhältnis

Bedarfsspitzen müssen die SBB bereits heute mit zugemieteten Lokführern abdecken. Diese mietet sie von privaten Unternehmen wie MEV in Basel.

Den Systemführer der Schweizer Bahnbranche als Kunden zu haben, zahlt sich für Geschäftsleiter Tommaso di Benedetto aus: «Für uns ist es ein Segen. Wir können den SBB als akkreditierter Dienstleister lösungsorientiert helfen».

Das Unternehmen bildet jährlich bis zu 60 Anwärterinnen und Anwärter aus. Die meisten arbeiten bereits als Lokführer in Nachbarländern.

Lange Vorlaufzeit

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Der Arbeitsmarkt für Lokführerinnen und Lokführer ist seit Längerem ausgetrocknet. Viele Schweizer Bahnunternehmen suchen darum händeringend nach Personal.

Das Problem: Selbst ein erfahrener, ausländischer Lokführer braucht ein halbes Jahr zusätzliche Ausbildung, bis er das Schweizer Schienennetz befahren darf. Bei einem Berufseinsteiger sind es rund eineinhalb Jahre.

Für die Umschulung eines ausländischen Lokführers investiert MEV bis zu 120'000 Franken. Mieten die SBB einen Lokführer, kostet sie das pro Arbeitstag zwischen 800 und 1200 Franken.

Claudio Pelletieri relativiert: «Natürlich sind das gewisse Kosten, gedacht für die Abdeckung von Bedarfsspitzen. Es ist aber nicht die grosse Menge».

Berufsbild hat Schaden erlitten

Ein ausgetrockneter Arbeitsmarkt und Fehlplanungen sind zwei Gründe für den SBB-Lokführermangel. Es gibt noch einen weiteren: die Abwertung des Berufsbildes «Lokführer».

Mit Sprüchen wie jenem vom «führerlosen Zug» beispielsweise. «Wenn man den Leuten suggeriert, euch braucht es in ein paar Jahren nicht mehr – was eigentlich keiner glaubt, der etwas von Eisenbahn versteht – dann findet man auch niemanden, der das mit Herzblut macht», so Walter von Andrian.

Die SBB geht davon aus, dass sich die Lage bei den Lokführern erst 2022 wieder entspannt.

ECO, 18.05.2020, 22.25 Uhr

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Markus Bossert  (EEE)
    Kenne jemanden, der sich als Teilzeit-Lockführer bewerben wollte. Er hätte auch alle fachlichen Voraussetzungen erfüllt. Man würde ihn angeblich auch gerne nehmen.
    Aber..
    ..wir hätten nun eine Erklärung, warum es Lockführer-Mangel gibt: Die extrem unflexiblen Bedingungen für die Ausbildung. Ausbildung als Teilzeit-Lockführer ist schon fast chancenlos.
    Aus welchem Jahrhundert kommt denn diese Ausbildungsform? Da kriegt man prmär jene Kandidaten, die sonst nichts finden auf dem Stellenmarkt.
    1. Antwort von Manuela Fitzi  (Mano)
      Sie sagen es. Während des Studiums hatten wir auch einen Dozenten von der SBB. Er hat uns ermutigt, wir sollten uns doch bewerben, sie brauchen qualifizierte Verwaltungsangestellte mehr denn je. Er war noch echt sympathisch, hat uns inspiriert, die Hälfte der Frauen meiner Klasse hat sich beworben (die andere Hälfte hat in einer Bank gearbeitet). Wir alle wurden abgesagt, alle mit der Begründung: überqualifiziert. Krasse Bilanz! Wir haben uns nur noch gefragt, im Vergl. zu was. Oder wen.
  • Kommentar von Noah Schmid  (Schmid)
    Autonom fahrende Züge ist technisch gesehen wesentlich einfacher zu realisieren als autonom fahrende Autos. Ein Zug muss nicht bei abwechselnden Wetter- und Strassenbedinungen auf einer Strasse gehalten werden und dank Fahrplan ist nicht einmal mit Gegenverkehr zu rechnen. Ein Zug muss auch keinen unerwartenden Objekten auf einer Strasse ausweichen oder mit komplexen Baustellen zurecht kommen.
    1. Antwort von Renato Schmid  (renato46)
      Das sind aber ziemlich viele Behauptungen für jemanden, der offensichtlich nicht den kleinsten Schimmer von der Eisenbahn hat. Den Tag, an dem ein 1000 Tonnen schwerer Zug ganz autonom in Zürich an den Prellbock einfährt, werden wir alle nicht erleben. Die abwechselnden Wetterbedingungen haben auf der Schiene übrigens einen viel grösseren Einfluss als auf der Strasse.
    2. Antwort von Noah Schmid  (Schmid)
      Flugzeuge können schon seit Jahrzehnten autonom fliegen und auch das ist technisch wesentlich komplexer als einen Zug automatisch zu Bremsen. Trotzdem, für die meisten Flugzeugabstürze sind mit Abstand aber nicht etwa die Autopiloten sondern die Piloten verantwortlich.
    3. Antwort von Noah Schmid  (Schmid)
      Übrigens noch apropos Bremsen: Kein Mensch kann auf glatter Fahrbahn so schnell bremsen, wie das Antiblockiersystem und das gibt es bereits seit 40 Jahren.
  • Kommentar von Benedikt Rosenberg  (Amadeus)
    Das schlimmste an der ganzen Sache ist, dass solche Managerentscheide, bei der SBB allenfalls auch politische, eigentlich nie Konsequenzen mit sich tragen, ausser das bei Versagen ein goldener Fallschirm mitgeliefert wird.