In den letzten Jahren haben viele Arbeitgeber dringend Leute gesucht, die Erwerbslosigkeit war sehr tief. Eigentlich könnte man annehmen, dass dann auch mehr Arme eine Arbeit finden, mit der sie ihren Lebensunterhalt bezahlen können.
Doch an der Armutsquote – also am Verhältnis zwischen armen Leuten und der gesamten Bevölkerung – hat sich wenig verändert.
Armutsquote reagiert verzögert
Wenn die Arbeitslosigkeit steigt, gibt es nicht sofort mehr Armut. Anna Koukal, die das Armutsmonitoring des Bundes leitet, erklärt es so: «Wenn ich heute meinen Job verliere, falle ich nicht gleich in die Armut. Denn mein Einkommen ist abgesichert.» Wer arbeitslos wird, erhält nämlich Arbeitslosengeld.
Wenn es auf dem Arbeitsmarkt gut läuft, aber gleichzeitig die Lebenshaltungskosten steigen, kann sich ein paradoxes Bild ergeben.
Und auch wenn die Arbeitslosigkeit sinke, gebe es nicht sofort weniger Armut. Die Armutsquote reagiert mit Verzögerung. Aber auch für Armutsbetroffene wird es einfacher, eine Stelle zu finden, wenn die Konjunktur gut läuft, besonders für junge Erwachsene, so die Ökonomin.
Aber dieser Effekt sei vergleichsweise klein. Denn es gebe viele weitere Faktoren, die die Armutsquote beeinflussen. «Wenn es auf dem Arbeitsmarkt gut läuft, aber beispielsweise die Lebenshaltungskosten steigen, sind das gegenläufige Effekte. So kann sich ein paradoxes Bild ergeben», sagt Koukal.
Wenn also gleichzeitig mit den Einkommen die Lebenshaltungskosten steigen, bleiben auch gleich viele arm. So können etwa steigende Miet- und Gesundheitskosten arg aufs Budget schlagen.
Um aus der Armut zu finden, gibt es zwei Möglichkeiten: ein höherer Lohn oder ein höheres Arbeitspensum. Im Armutsmonitoring des Bundes haben die Forschenden auch gefragt, warum Personen zum Teil nur in einem 20-Prozent-Pensum arbeiten.
Dazu Koukal: «Personen mit tiefer Erwerbstätigkeit geben häufiger an, gesundheitliche Einschränkungen zu haben oder unterbeschäftigt zu sein. Letztere wollen mehr arbeiten, aber es gelingt nicht.»
Dazu kommt: Die meisten Kitas betreuen Kinder nur zu Bürozeiten, während viele Armutsbetroffene in der Nacht oder an Wochenenden arbeiten. Das macht es auch komplizierter, Zeit für eine Umschulung zu finden, um so später mehr zu verdienen.
Diese strukturellen Hürden zu überwinden, ist die Krux. Das Armutsmonitoring zeigt aber: Das System der sozialen Sicherheit verhindert bereits sehr viel Armut in der Schweiz.
Raus aus der Armut – aber wie?
Bleibt also die Frage: Was bräuchte es, um die Armut in der Schweiz zusätzlich zu vermindern? Patrick Leisibach vom Thinktank Avenir Suisse findet, man müsse Armutsbetroffene gezielter unterstützen.
Dazu brauche es bessere Daten. Das Armutsmonitoring sei da ein Schritt in die richtige Richtung. «Viele politische Forderungen zur Armutsbekämpfung wie Mindestlöhne und Prämienverbilligungen bis weit in den Mittelstand sind wenig treffsicher», so Leisibach.
Bund erarbeitet Armutsstrategie
Laura Brechbühler von Caritas Schweiz sieht das anders. Um Armut frühzeitig aufzufangen, brauche es mehr Sozialleistungen: «Zu den notwendigen Massnahmen gehören ein Ausbau der Prämienverbilligung, eine Verbilligung der familienexternen Kinderbetreuung oder auch Weiterbildungsmöglichkeiten.»
Brechbühler setzt grosse Hoffnungen in die Armutsstrategie des Bundes, die bald ausgearbeitet wird. Es brauche endlich eine nationale Armutspolitik. Bis eine solche ausgearbeitet ist, dürfte es aber noch eine Weile dauern.