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Lehrlinge in Nischenjobs - ein Einblick
Aus News-Clip vom 05.08.2021.
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Start ins Berufsleben Berufslehren: Was die Jungen wollen – und was nicht

Vom KV bis zu Nischenberufen wie Orgelbauer: Das Angebot der Lehren ist gross. Und es verändert sich ständig.

In diesen Tagen starten rund 60'000 junge Menschen in der Schweiz ins Berufsleben: mit einer Lehre.

Die beliebtesten der 245 verschiedenen Grundausbildungen sind das KV, der Gesundheitsbereich oder Detailhandel, zunehmend auch Informatik.

Die häufigsten Berufslehren

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Neu abgeschlossene Lehrverträge EFZ im Jahr 2020:

1. Kaufmann/-frau (alle Profile) 12'768
2. Fachmann/-frau Gesundheit 4’979
3. Detailhandelsfachmann/-frau 4’196
4. Fachmann/-frau Betreuung 3’951
5. Informatiker/in 2’237
6. Elektroinstallateur/in 1’946
7. Logistiker/in 1’771
8. Zeichner/in 1’504
9. Koch/Köchin 1’487
10. Landwirt/in 1’420

Quelle: Berufsberatung.ch / Bundesamt für Statistik

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FOKUS: Berufslehren im Wandel
Aus 10 vor 10 vom 04.08.2021.
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«Orgelbau ist cool»

Doch es gibt Berufe, für die sich jährlich nicht mal eine Handvoll Lehrlinge entscheidet, wie zum Beispiel Orgelbauer.

Einer von ihnen ist Jérôme Hostettler, der nun sein zweites Lehrjahr beginnt: «Den ganzen Tag am Bildschirm zu sitzen, passt mir nicht», sagt der 17-Jährige. «Ich wollte etwas mit den Händen machen. Dafür ist Orgelbau sehr cool.»

Ihn fasziniere es, das grösste und mächtigste Instrument zu bauen, das es gibt. «Mir gefällt die Mischung aus Handwerk und Musikalischem.»

Ausdauer und Konzentration seien dabei gefragt. Jérôme arbeitet viel mit Holzverarbeitungsmaschinen, auch Kreissägen. «Da muss man konzentriert bleiben, sonst wird es gefährlich.»

Orgelbau tönt vielleicht altmodisch, doch auch hier hat die Digitalisierung Einzug gehalten. Es werde viel am Computer mit CAD gezeichnet. Zudem baue man zunehmend Elektronik ein für die Steuerung einer Orgel, sagt Jean-Marc Pittet, der seit 40 Jahren Orgeln baut: «Ich habe auch heute nicht das Gefühl, ausgelernt zu haben.»

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Einer von jährlich nur 3 Orgelbau-Lehrlingen: Jérôme Hostettler
Aus News-Clip vom 23.07.2021.
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Kleinstberufe kämpfen ums Überleben

Seltene Berufe wie Orgelbauer seien nicht gefährdet, sagt Romain Rosset, Präsident des Vereins «Netzwerk Kleinstberufe», ein vom Bund unterstütztes Projekt. Auch wenn es nur sehr wenige Lehrstellen gebe. «Altmodisch oder am Aussterben sind sie deshalb noch lange nicht», sagt Rosset. In der Schweiz gibt es rund 60 Berufslehren, bei denen jährlich weniger als 20 Lernende beginnen.

Neue Materialien, Formen oder neue Fertigungstechniken machten solche Berufe modern und zukunftssicher, sagt er. Zum Beispiel im Instrumentenbau. Inzwischen könnten sogar Blockflöten auf 3D-Druckern hergestellt werden.

Doch es gibt auch Kleinstberufe mit mehr Problemen wie Küfer, Weber oder Glasmaler. In diesen Branchen gebe es zwar viele Einzelbetriebe, die jedoch aus Ressourcengründen keine Lehrlinge ausbilden könnten, sagt Rosset.

«Die müssen zuerst schauen, dass sie selbst genug Arbeit haben, um überleben zu können», Romain Rossets Verein ist nun daran, Lehrbetriebs-Verbünde aufzubauen und die Administration zu vereinfachen.

Die seltensten Berufslehren

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Neu abgeschlossene Lehrverträge EFZ im Jahr 2020:

1. Industriekeramiker 1
Schuhmacher 1
Korb- und Flechtwerkgestalterin 1

2. Glasmaler/in 2
Gusstechnologe 2
Klavierbauer/in 2
Messerschmied/in 2

3. Geigenbauer/in 3
Orgelbauer/in 3
Vergolder/in-Einrahmer/in 3

4. Büchsenmacher 4
Holzbildhauer/in 4
Papiertechnologe/-technologin 4
Qualitätsfachperson Mikrotechnik 4

Quelle: Berufsberatung.ch / Bundesamt für Statistik

Ungewisse Kaminfeger-Zukunft

Die 18-jährige Obwaldnerin Deborah Cina hat im Juli erfolgreich ihre Kaminfeger-Lehre abgeschlossen. Als eine von 62 in der ganzen Schweiz.

«Ich wusste schon als Kind, dass ich diesen Beruf lernen will», sagt sie. Der Schlüsselmoment sei eine Szene im Film «Mary Poppins» gewesen, in der Kaminfeger auf dem Dach tanzen.

Auch wenn sich die Realität etwas anders präsentiert, ist sie noch immer begeistert. Sie lerne fast täglich etwas Neues: «Keine Heizung ist gleich», sagt Deborah.

Doch die Zukunft des Kaminfegers ist teils ungewiss. Dies vor allem, weil immer mehr Ölheizungen durch moderne Wärmeheizungen ersetzt werden, die den Kaminfegern nichts mehr zu tun geben.

In diesem Jahr hätten sich in der Deutschschweiz erst 30 Lehrlinge für die Kaminfegerlehre entschieden, heisst es bei der Berufsbildungsschule Winterthur auf Anfrage von SRF. Die Nachfrage werde in den nächsten Jahren wohl rückläufig sein, sagt Hans Kaufmann, Kaminfeger und Lehrmeister von Deborah Cina.

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«Natürlich ist es anstrengend», Kaminfegerin Deborah Cina über ihren Beruf
Aus News-Clip vom 23.07.2021.
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Um sich in die Zukunft zu retten, will die Branche nun Lüftungsmessungen von Wärmeheizungen durchführen. Das soll bald auch in die Lehre aufgenommen werden. «Wir dürfen nicht stehen bleiben», sagt Deborah Cina, sonst sei die Gefahr gross, dass der Beruf bald nicht mehr existiere.

Berufslehren verändern sich ständig

Berufslehren sind stets im Wandel. Alle fünf Jahre wird jede Lehre überprüft. Stimmt die Qualität? Entspricht sie noch den Anforderungen der Wirtschaft?

Würde man diese Überprüfung unterlassen, so hätte dies mittelfristig happige Folgen, sagt Sonja Studer, Leiterin Berufsbildung beim Industrieverband Swissmem: «Die Wirtschaft hätte Mühe, Arbeitskräfte zu finden, die den aktuellen Anforderungen gerecht werden.» Und: «Jugendliche, die aus der Berufslehre kommen, hätten Mühe, einen Arbeitsplatz zu finden», sagt Sonja Studer.

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FOKUS: Sonja Studer zum Thema Berufslehren
Aus 10 vor 10 vom 04.08.2021.
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Micha Hasler beginnt gerade das dritte Lehrjahr als Textiltechnologe. Sein Beruf ist komplett überarbeitet worden, er lernt anders als alle Jahrgänge vor ihm.

So muss er Techniken des Digitaldrucks beherrschen. Und er muss im Arbeitsalltag stets Ausschau danach halten, wie Wasser, Strom oder Gas eingespart werden können – Stichwort Nachhaltigkeit.

Zudem ist der Unterricht neu gestaltet worden. «Wir lernen nicht mehr fachspezifisch, sondern haben typische Arbeitssituationen, die wir in der Schule durchnehmen», sagt Micha Hasler. Es gehe etwa um die Aufgabenstellung: Ein Gastronomiebetrieb braucht neue Tischdecken – was ist dafür zu tun? «Dadurch wird das vernetzte Denken viel mehr gefördert», meint er.

Vernetztes Denken ist gefordert

Die Berufslehre der Automatiker steht vor einer solchen Totalrevision. Andrin Eicher ist Automatiker-Lehrling im dritten Lehrjahr. Bei Siemens lernt er, wie man Steuerungen für Bahnen, Maschinen oder Lichtsignal-Anlagen baut.

Die Anforderungen stiegen, sagt er. Es habe mit zwei Programmier-Zeilen begonnen, jetzt könne es ganze Seiten geben. «Und dort merkt man schon: Es wird schwieriger.» Er merke schon als Lehrling, wie rasch sich die Welt und mit ihr die Kundenwünsche veränderten.

Automatiker müssten heute viel vernetzter denken, sagt Benjamin Kurz. Er leitet die Ausbildung bei Siemens Schweiz. Dies, weil sich Maschinen mit der Robotik und der Automationstechnik umgestalten.

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Automatikerlehrling Andrin Eicher: «Es wird immer schwieriger.»
Aus News-Clip vom 22.07.2021.
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Kurz vor der Revision stehen derzeit etwa auch die Berufslehren der Logistiker/in, der Gärtner/in oder der Elektroinstallateur/in.

Die Erfindung neuer Berufe

Manchmal sind die Bedürfnisse der Unternehmen auch so verändert, dass Berufslehren neu entwickelt werden. So gibt es etwa seit 2020 den Beruf der/des Qualitätsfachmanns/frau Mikrotechnik.

Neue Berufe (EFZ)

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- Carrosseriereparateur/-in (ab 2021)
- Betriebsinformatiker/-in (ab 2021)
- Qualitätsfachmann/-frau Mikrotechnik (seit 2020)
- Medizinproduktetechnologe/-in (seit 2018)
- Hotel-Kommunikationsfachmann/-frau (seit 2017)
- Hörsystemakustiker/-in (seit 2016)
- Fachmann/-frau öffentlicher Verkehr (seit 2015)

Quelle: SBFI (Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation)

Die Entwicklung einer neuen Berufslehre ist ein aufwändiger Prozess. Die Trägerschaft des Berufs, etwa der Verband der Maschinenindustrie, arbeitet dazu mit Bund und Kantonen zusammen, aber auch mit anderen Berufsverbänden und den Sozialpartnern.

Viele Fragen sind zu beantworten: Ist der Bedarf des Arbeitsmarkts da? Können genügend Lehrstellen entstehen? Wie lange soll die neue Grundbildung dauern? Hat der Beruf Entwicklungspotenzial?

Bis eine neue Berufslehre steht, kann es fünf Jahre dauern. «Die Revision hört ja nicht damit auf, dass man neue Inhalte festlegt», sagt Sonja Studer von Swissmem. «Lernmedien müssen neu konzipiert, der Unterricht gestaltet, Berufschullehrer und Ausbildnerinnen in den Betrieben geschult werden.» Das Problem sei aber erkannt: «Der technologische Wandel nimmt sich nicht einfach fünf Jahre Zeit und wartet, bis eine Berufsreform fertig ist.»

Enorm viel Arbeit, die im Hintergrund geleistet wird, um die Berufslehre neuen Realitäten in Gesellschaft und Wirtschaft anzupassen.

10vor10, 04.08.2021

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Michael Scherrer  (Michael)
    Unsere Tochter hat jetzt die Lehre als Schreinerin begonnen. Die drei ersten Betriebe haben ihr keine Schnupperlehre angeboten, weil sie nicht für Frauen eingerichtet sind. Da gäbe es noch Potential…
  • Kommentar von Stefan Wild  (Stefan Wild)
    Gebäudeinformatiker/in EFZ (2021)
    Hat diese Woche bei uns angefangen. :)
  • Kommentar von Olaf Schulenburg  (freier Schweizer)
    Ein sehr trauriges Bild. Vorwiegend in Dienstleistungsberufe. Das Handwerk stirbt mehr und mehr aus, Maurer, Schreiner, Maler, Zimmermann, Bäcker, Schuhmacher, Strassenbauer, alles verschwindet und im gleichen Masse des Verschwindens machen wir und abhängig vom Ausland. Da lohnt es sich dann nicht mehr über die EU zu schimpfen wenn wir um’s Leben von ihr abhängig sind. Abhängig weil wir selber diesen CH - Fachleuten keine gescheiten Löhne und Arbeitsbedingungen ermöglichen wollen. Geiz ist geil
    1. Antwort von Andy Gasser  (agasser)
      Nein es ist eine positive Entwicklung. Die Schweiz hat hochqualifizierter Nachwuchs in anspruchsvollen Berufen. Auch guge Handwerker brauchts nach wie vor, aber nicht so viele wie Informatiker, Kaufleute oder Pflegende. Es ist richtig in höhere Ausbildungen zu investieren.
    2. Antwort von Ursula Schmid  (Uschmid)
      Ganz wichtig ist, dass sich gelernte Handwerker weiterbilden, um Leitungsfunktionen und Planung übernehmen zu können.
    3. Antwort von Olaf Schulenburg  (freier Schweizer)
      @Gasser: Sie haben meines Erachtens meinen Kommentar nicht richtig gelesen denn ich schreibe von der zunehmenden Abhängigkeit der Schweiz vom Ausland im Bereich Produktion. Dazu sei noch gesagt, dass das Schweizervolk erst neulich die Zuwanderung per Volksabstimmung gestoppt hat. Also noch einmal ein Faktor mehr der in eine Abhängigkeit führt. Irgendwann hat es einfach genug „hochqualifizierte“ die alle führen wollen. Letztlich muss jemand produzieren.