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Trend auf dem Arbeitsmarkt Temporärarbeit gleich prekäre Arbeit?

Legende: Audio Temporärarbeit - bloss Konjunkturpuffer ohne Perspektiven? abspielen. Laufzeit 04:11 Minuten.
04:11 min, aus Echo der Zeit vom 02.03.2018.
  • In der Schweiz haben letztes Jahr 340'000 Menschen temporär gearbeitet; im kaufmännischen Bereich, auf dem Bau, in der Pflege und der Industrie.
  • Rund 2,5 Prozent der Beschäftigten hierzulande arbeiten temporär. Das zeigen die neusten Zahlen des Branchenverbandes Swissstaffing, Link öffnet in einem neuen Fenster.
  • Gewerkschaften kritisieren, dass Temporärarbeit den Angestellten oft keine Sicherheit, wenig Lohn und kaum Perspektiven biete.

Zu seinem 50-Jahr-Jubiläum schenkt sich der Branchenverband Swissstaffing eine Imagekampagne. «Der Lifestyle einer neuen Generation», heisst es da etwa neben Bild einer jungen Angestellten an einer trendigen Bar.

Weiter wird propagiert: «Vieles ausprobieren, wenig auslassen, Erfahrungen sammeln, dazulernen, warten können und sich alle Optionen offenlassen.» Und einem Industriearbeiter werden die Worte in den Mund gelegt: «Temporärarbeiten erhöhen ihre Chancen auf eine Festanstellung.»

Hat Temporärarbeit eine Brückenfunktion...

Es ist ein freundliches Bild von der Temporärarbeit, das Myra Fischer-Rosinger, Direktorin des Branchenverbands Swissstaffing, zeichnet: «Wir wissen, dass etwa die Hälfte der Temporärmitarbeiter ganz bewusst temporär arbeitet.»

Diese suchten gar keine Festanstellung. «Bei den anderen, die eine Festanstellung suchen, funktioniert diese Brücke sehr gut», sagt Fischer-Rosinger. «Wir wissen das aus unseren Studien. Innerhalb eines Jahres bestehen gute Chancen, eine Festanstellung zu finden.»

...oder ist sie bloss ein Konjunkturpuffer?

Weniger gut ist Daniel Lampart, Zentralsekretär des Gewerkschaftsbundes, auf die Temporärarbeit zu sprechen. Temporärangestellte dienten – wie früher die Saisonniers – in erster Linie als Konjunkturpuffer: «In den meisten Betrieben gibt es nur bei Auftragsspitzen Temporärarbeit, also wenn es ausserordentlich viel Arbeit gibt.» Und viele Firmen bauten wenn nötig immer zuerst bei den Temporärarbeitern ab, erst am Schluss beim eigenen Personal.

Temporärarbeit biete zudem kaum berufliche Perspektiven. «Ein grosser Teil der Temporäreinsätze sind Hilfsarbeiten. Das liegt in der Natur der Sache», so Lampart. «Wenn man etwas Anspruchsvolles machen möchte, braucht es eine Einarbeitungszeit, und das ist bei kurzen Temporäreinsätzen nicht der Fall.»

Temporäre sind in ihren häufig wechselnden Einsatzbetrieben auch schlecht integriert: «Kaum hat man angefangen, ist schon wieder Schluss. Man nimmt nicht an betrieblichen Aus- und Weiterbildungsmassnahmen teil. Man hat auch kein Netzwerk im Betrieb. Wenn eine Stelle frei ist, kommt man nicht zum Zug. Und wenn ein Geburtstagsfest ist, ist man als Temporärer nicht dabei.»

Mehr Fachkräfte unter den Temporärarbeitern

Fischer-Rosinger hingegen verweist darauf, dass Temporäre für die Unternehmen immer wichtiger würden –und bei weitem nicht nur unqualifizierte Arbeiten erledigten: «Wir haben Mitarbeiter aus fast allen Branchen und auf fast allen Funktionsstufen. Mehr als zwei Drittel sind Fachkräfte. Knapp ein Drittel ist in Hilfsfunktionen tätig.»

Zudem biete der Verband für weniger Qualifizierte auch Beratungen an: «Dabei können die Personaldienstleister Menschen unterstützen, denen vielleicht eine Qualifikation fehlt, und eine Weiterbildung empfehlen, die für ihren Bildungsrucksack Sinn macht.» So erfülle Temporärarbeit einen wichtigen Zweck: Nämlich mitzuhelfen, dass möglichst viele Menschen gemäss ihren Fähigkeiten eine Stelle im Arbeitsmarkt finden könnten.

Gesamtarbeitsvertrag gegen schwarze Schafe

Einig sind sich beide Seiten darin, dass der seit einigen Jahren geltende Gesamtarbeitsvertrag die Lage in der Temporärbranche verbessert hat: «Bei der sozialen Absicherung, der Aus- und Weiterbildung, aber auch indem es die schwarzen Schafe unter den Temporärbüros schwieriger haben», so Lampart.

Der Branchenverband weist in seiner Imagekampagne ebenfalls ausdrücklich darauf hin, dass der GAV wichtig sei, um den Temporärangestellten – bei aller Flexibilität – mehr Schutz und Sicherheit zu bieten.

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26 Kommentare

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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Viele sind sich nicht im Klaren, wie Temporärarbeit buchhalterisch funktioniert. Temp-Kosten werden nämlich als Sachkosten (Projekt usw.) auf die jeweilige Abteilung gebucht. Sobald eine Festanstellung vereinbart, müssten diese Kosten in die Personalkosten. Das will niemand. Zudem kommt, dass in vielen Firmen das Stellenangebot für einen Temp damit begründet ist, dass die Bewilligung zur Stellenbesetzung von den USA/Deutschland nocht nicht erhalten wurde. idR wird sie auch nicht erteilt.
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    1. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Temporäre Arbeit ist auch Arbeit und gehört somit in die Personalkosten. Und wieso setzen Sie Zustimmung vom Ausland voraus? Denken Sie nur an ausländische Firmen? Aber gerade US-Firmen arbeiten nach meiner Erfahrung mehr mit dem "headcount" und da sind Temporäre ebenfalls aufzuführen, somit zieht der Trick nicht.
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  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    «Temporärarbeiten erhöhen ihre Chancen auf eine Festanstellung.» Es werden hier künstliche Gegensätze geschaffen. In einer Phase wo kapitalistisches Wirtschaften und Extrahieren von menschlichen wie natürlichen Ressourcen ganz offen 'wüten' kann muss der Arbeitsbegriff aus der tödlichen Umklammerung dieses Extraktionskapitalimus erlöst werden. Arbeit mit Lohnarbeit, und diese als die einzig wahre, da in dieser Form kapitalistisch verwert- und ausbeutbar zu betrachten ist verheerend.
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  • Kommentar von frank nüller (frankysrf)
    ich kann die vielen negativen voten gegen temporärarbeit nicht nachvollziehen. meine karriere begann vor 18 jahren mit einem zweiwöchigen temporärjob ohne ausbildung für diese arbeitsstelle. daraus wurden 5 jahren in derselben firma, danach 12 jahre in einer anderen europaweit tätigen firma im selben arbeitsbereich, wo ich nun duch learning by doing einen verantwortungsvollen und gut bezahlten job habe... dank eines temporärjobs !!
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    1. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Vor 18 Jahren. Klar, findet man heute auch noch solche Geschichten, wenn man sucht. Aber die Bedeutung von Temps wurde grundsätzlich geändert. Fragmentierte Lebensläufe werden immer salonfähiger. Es hat auch Vorteile (Flexibilität, Unabhängigkeit, Expertenstatus durch vielfältige Erfahrung), aber auch Nachteile (keine Loyalität zu einer Firma, grundsätzlich monetäre Motivation, Entlöhnung enthält, im Gegensatz zu den Festangestellten keinen Bonus, da Zeitspanne zu kurz).
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