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Pakiaka, ein neuer Unverpackt-Laden in Tafers. Ein Beispiel von vielen neuen Firmen, die trotz Corona gegründet wurden.
Aus Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 30.09.2020.
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Trotz oder wegen Corona? Überraschende Zahlen: Trotz Krise gründen viele neue Firma

Auch während der Coronakrise wollen sich viele selbstständig machen. Die unsicheren Zeiten haben sie nicht aufgehalten.

Grégory Grin ist erstaunt: «Wir haben mit dem Gegenteil gerechnet», sagt der Direktor von Fri Up, der Organisation des Kantons Freiburg, die Firmen bei ihrer Gründung berät. «Wir haben im Moment so viele Beratungen für Neugründungen wie noch nie. Es ist unser bestes Jahr.» Bereits 2019 war ein Rekordjahr für Fri Up, nun haben die Beratungen noch einmal um zehn Prozent zugenommen.

So viele Beratungen für Firmengründungen haben wir noch nie gemacht.
Autor: Grégory GrinDirektor Fri Up

Diese Tendenz bestätigen auch die Zahlen des Kantons Freiburg. Demnach gab es zwar im April einen Einbruch. Spätestens seit Juni sind die Zahlen der Neueinschreibungen aber höher als im Vorjahr. Zusammengerechnet gab es zwischen Januar und September 2020 etwas mehr Neueinschreibungen als 2019. Konkurse gab es im gleichen Zeitraum übrigens weniger als 2019, was wohl aber auf die Unterstützungsmassnahmen der Behörden zurückzuführen ist. Das könnte sich korrigieren.

Ähnlich sieht es schweizweit aus. In den ersten neun Monaten wurden über 33'600 neue Firmen gegründet. Das sind 2.5 Prozent, oder gut 800 mehr als im Rekord-Vorjahr 2019, meldet das IFJ Institut. Vor allem in den Bereichen Handwerk und Beratung.

Dies ausgerechnet während der Coronakrise, in der die Zahl der Arbeitslosen in die Höhe geschnellt ist, die Wirtschaft einen grossen Einbruch erlitten hat und die Aussichten unsicher sind. Wieso wollen sich trotzdem viele selbstständig machen?

Der Lockdown gab den Impuls

«Genau das haben wir sie auch gefragt», sagt Grégory Grin. Die Antwort der meisten künftigen Selbstständigen: Während des Lockdowns hätten sie Zeit zum Nachdenken gehabt. Das Projekt hätten sie seit einem Moment in der Schublade, nun sei der Zeitpunkt gekommen, es zu verwirklichen: Der Lockdown als Bestätigung.

Viele möchten nun etwas Neues versuchen.
Autor: Grégory GrinDirektor Fri Up

«Viele sind zum Entschluss gekommen, dass sie nicht 30 Jahre in derselben Firma arbeiten möchten. Sie möchten etwas versuchen», so Grin.

Viele Teilzeit-Selbstständige

Dies spürt auch das Pendant von Fri Up im Kanton Bern. Auch bei Be Advanced sind Beratungen immer gefragter, sagt Sprecherin Deborah Bass: «Viele entscheiden sich dabei für das Modell als Teilzeit-Selbstständige.» Sie hätten schon lange eine Idee im Hinterkopf und möchten dies nun umsetzen, aber weiterhin ein fixes Standbein als Angestellter haben. «Sie möchten eine gewisse Sicherheit behalten und nicht gleich alles auf eine Karte setzen», sagt Bass.

Keine neue Pandemie-Branche

Die Krise fördert Opportunitäten, heisst es bei Be Advanced und bei Fri Up. Beide sagen jedoch auch, dass es eine grosse Diversität bei den Gründungen gebe. Die wenigsten seien wegen Corona an sich entstanden. Klar habe das Coronavirus die Digitalisierung beschleunigt und die Nachfrage zum Beispiel an lokalen Produkten gesteigert. Darum habe sich in Freiburg zum Beispiel die Firma Local Impact neu gegründet, die online Angebote von kleineren Händlern zusammenträgt.

In den allermeisten Fällen habe das Coronavirus die Ideen aber einfach beschleunigt, einen Kick gegeben, auch, weil gewisse Entwicklungen einen Schub erhielten.

Ein Beispiel einer neu gegründeten Firma

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Zwei Frauen stehen in einem Laden
Legende: Rebekka Gross hat den Laden mit ihrer Mutter eröffnet Oliver Kempa/SRF

Pakiaka, so heisst der neue Laden im freiburgischen Tafers. Reis, Teigwaren, Linsen, Nüsse, aber auch Putzmittel oder Seife kann man da seit Ende September kaufen. Alles ist jedoch unverpackt. Kundinnen und Kunden bringen ihre eigenen Behälter mit.

Die Idee dazu habe sie schon lange gehabt, sagt Rebekka Gross. Bisher habe der Moment einfach nicht gepasst. Während des Lockdowns hätten sie und ihre Mutter viel Zeit zum Nachdenken gehabt: «Wir konnten in dieser Zeit unsere Vision schärfen. Was wollen wir rüberbringen?»

Ihren Job als Kinderbetreuerin hat sie darum an den Nagel gehängt und während der Corona-Krise den neuen Laden eröffnet.

Die Pandemie habe dabei natürlich auch geholfen. Lokale Produkte von Landwirten seien beliebter geworden. «Wir haben das Beste aus Corona gemacht und die Zeit genutzt, um möglichst schnell öffnen zu können.»

Dieser Trend zeichne sich in der Wirtschaftswelt seit einiger Zeit ab, sagt Deborah Bass von Be Advanced: «Es gibt viele Junge, die sich selber verwirklichen wollen, aber auch 50-Jährige, die lange in einem Unternehmen gearbeitet haben, die Kinder mittlerweile ausgezogen sind und sie sich nun verwirklichen möchten.» Dieser Trend, den es schon vor Corona gab, scheint von Corona nicht gebremst zu werden.

Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 30.09.2020, 17:30 Uhr ; Heute Morgen, 02.10.2020, 06:00 Uhr

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Jede Katastrophe, Krise, Epi- und Pandemie, fördert Fantasie und Kreativität von Menschen - äusserst positiv! Der Offenverkauf von Grundnahrungs- und Lebensmitteln, war früher "usus" in den Läden, Reformhäusern. So können alle KonsumentenInnen ihren effektiven Alltags-Bedürfnissen entsprechend Lebensmittel bewusst einkaufen und mit ihren eigenen, langlebigen, umweltfreundlichen Gefässen, Netzen, etc! Dies bremst automatisch auch den Wegwerf-Effekt, da man nur soviel kauft, wie man benötigt!
    1. Antwort von Nicolas Dudle  (Nicolas Dudle)
      Gratuliere zu einem lesbaren und verständlichen Kommentar, dem ich übrigens auch inhaltlich absolut zustimme.
  • Kommentar von Markus Hunziker  (MH1)
    Vielleicht haben einige in der Corona-Krise auch gesehen, dass die Firmen vom Staat unterstützt werden und dadurch das Risiko sinkt. Nach dem Motto: Gewinn für mich, Verluste deckt der Steuerzahler.
    1. Antwort von Nicolas Dudle  (Nicolas Dudle)
      Wie wäre es, hier einmal das Positive zu sehen? Kleinteiligere Wirtschaft mit geringeren Auslandabhängigkeiten, Relokalisierung der Lieferketten, kreative Selbstverantwortung, Innovationskraft usw.
  • Kommentar von Urs Ernst Romer  (uro)
    Die Darstellungen sind ja gut und recht. Ein wichtiger Grund für die Suche nach einer Veränderung ist der Zwang. Der aktuelle Arbeitgeber wird von der Krise getroffen und entlässt ein Teil der Belegschaft. Die Arbeitssuche wird immer schwieriger - also entschliesst man sich für die Selbständigkeit. Als Berater selbständig zu werden ist umstritten. Die Menschen brauchen Arbeit und Einkommen und keine Berater. Ich wünsche allen viel Glück und K u n d e n!