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Unicredit gegen Commerzbank Ein Deal mit politischer Sprengkraft – die Hintergründe

Die italienische Grossbank Unicredit will die deutsche Commerzbank übernehmen. Ein Test für die Europäische Union.

Darum geht es: Unter der Führung von Andrea Orcel, dem ehrgeizigen Investmentbanker und ehemaligen UBS-Top-Shot, erlebte das Mailänder Finanzinstitut Unicredit einen beeindruckenden Aufschwung. Jetzt wollen die Italiener ihre Position in Deutschland und damit grenzübergreifend deutlich ausbauen. Im grössten europäischen Markt besitzt die Commerzbank ein fest verankertes Firmenkundengeschäft und gilt als führende Bank für den Mittelstand. Genau auf dieses Geschäft hat es Unicredit abgesehen.

Signet der Unicredit
Legende: Unicredit will wachsen durch Effizienzsteigerungen, höhere Renditen und gezielte Expansion in Europa. Keystone / LUCA ZENNARO

Steckbrief Unicredit – die Universalbank

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  • Sitz: Mailand
  • Gegründet: 1998 (aus mehreren Bankenfusionen)
  • CEO: Andrea Orcel
  • Geschäft: Universalbank mit Fokus auf Firmenkundengeschäft, Vermögensverwaltung und Privatkunden
  • Präsenz: Aktiv in zahlreichen europäischen Ländern, besonders stark in Italien, Deutschland sowie Mittel- und Osteuropa
  • Wichtige Tochter: Hypovereinsbank in Deutschland
  • Mitarbeitende: Rund 75'000
  • Kunden: Mehr als 15 Millionen
  • Besonderheit: Gilt nach Jahren des Umbaus wieder als eine der profitabelsten Grossbanken Europas
  • Strategie: Wachstum durch Effizienzsteigerungen, höhere Renditen und gezielte Expansion in Europa
  • Aktuelle Rolle: Grösste Aktionärin der Commerzbank mit knapp 30 Prozent Anteil

Unicredit will wachsen: Professor Florian Heider ist wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung: Unicredit kenne das Geschäft mit mittelständischen Kunden aus ihrem Heimmarkt bestens. Zudem sei die Bank – ähnlich wie die Commerzbank – stark in Osteuropa präsent. Hinzu komme, dass die Mailänder bereits vor mehr als zwanzig Jahren die deutsche Hypovereinsbank übernommen hätten. Mit einem Kauf der Commerzbank würde Unicredit ihren Expansionskurs in Deutschland konsequent fortsetzen. Strategisch sei das deshalb durchaus schlüssig, so Heider.

Commerzbank-Gebäude und Logo-Schild von unten.
Legende: Die Commerzbank gilt in Deutschland als strategisch wichtiges Institut für die Industrie und den Mittelstand. Keystone / MICHAEL BRANDT

Steckbrief Commerzbank – die Bank für den Mittelstand

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  • Gegründet: 1870
  • CEO: Bettina Orlopp
  • Geschäft: Firmenkundengeschäft, Mittelstandsfinanzierung und Privatkundenbank
  • Bedeutung: Eine der wichtigsten Banken für den deutschen Mittelstand
  • Mitarbeitende: Rund 42'000
  • Kunden: Etwa 11 Millionen Privat- und Firmenkunden
  • Finanzkrise: Musste 2008/09 vom deutschen Staat gestützt werden
  • Grund der Krise: Hohe Belastungen nach der Übernahme der Dresdner Bank während der globalen Finanzkrise
  • Umbau: Jahrelange Restrukturierungen, Filialabbau und Kostensenkungen
  • Heutige Lage: Deutlich profitabler als noch vor wenigen Jahren, aber weiterhin kleiner als viele europäische Konkurrenten
  • Politische Bedeutung: Gilt in Deutschland als strategisch wichtiges Institut für die Industrie und den Mittelstand

Anteile ausgebaut: In den vergangenen zwei Jahren baute Unicredit ihren Anteil an der Commerzbank aus und hält heute knapp 30 Prozent der Aktien. Die Commerzbank hingegen kämpfte über Jahre mit einer schwachen Profitabilität, tiefgreifenden Konzernumbauten und den Nachwirkungen der globalen Finanzkrise. Der deutsche Staat musste das Institut damals stützen, nachdem es infolge der milliardenschweren Übernahme der Dresdner Bank in Turbulenzen geraten war.

Deutsche Bundesregierung «not amused»

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Der Bund hält heute mehr als 12 Prozent der Aktien an der Commerzbank – und hat als zweitgrösster Aktionär ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. Die Bundesregierung hat den Übernahmeambitionen der Italiener bislang jedoch eine klare Abfuhr erteilt. Bundeskanzler Friedrich Merz formulierte es kürzlich so: «Feindliches und aggressives Vorgehen lehnen wir entschieden ab.»

In der Zwickmühle: Dass ausgerechnet eine italienische Bank ein deutsches Geldhaus übernehmen will, stösst in der deutschen Politik auf wenig Begeisterung. «Deutschland bekennt sich zwar zu Europa und zu einer grenzüberschreitenden Wirtschaft», sagt Professor Florian Heider. Doch die Bundesregierung befinde sich in einer Zwickmühle: Einerseits müsse sie die wirtschaftlichen Vorteile einer solchen Übernahme erklären, andererseits nationale Interessen verteidigen. «Dabei kann sich Europa solche nationalen Rivalitäten in der heutigen geopolitischen Lage nicht mehr leisten.»

Nationen versus Europa: Was Florian Heider beschreibt, verweist auf ein grundlegendes Problem: Investitionen und Finanzierungen enden in Europa noch immer häufig an nationalen Grenzen. Der italienische Ökonom Marcello Messori vom Schuman Centre for Advanced Studies bei Florenz stimmt seinem deutschen Kollegen zu: «Die grösste Schwäche der EU liegt in der Zersplitterung ihrer nationalen Märkte – insbesondere im Finanzsektor. Diese Fragmentierung erschwert es, innovative Investitionen ausreichend zu finanzieren und voranzutreiben.»

Weiterer Stellenabbau befürchtet

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Die Gewerkschaften stemmen sich gegen eine Übernahme der Commerzbank. Sie warnen vor Stellenabbau, Filialschliessungen und einem Verlust an Mitbestimmung. Rückendeckung erhalten sie aus Teilen der deutschen Politik: Dort überwiegt die Sorge, dass ein wichtiges Institut für den Mittelstand unter ausländische Kontrolle geraten könnte.

Kapitalmarktunion für Europa: Diesen «Finanz-Nationalismus» versuchen Brüssel und viele Ökonomen seit Jahren zu überwinden. Eine europäische Kapitalmarktunion soll helfen, den fragmentierten Bankenmarkt enger zusammenzuführen. Professor Marcello Messori warnt indes: «Wer vor allem kurzfristige nationale Interessen schützt, schwächt am Ende die EU. Ein isoliertes Deutschland wird in der heutigen konfliktreichen Welt kaum dauerhaft eine bedeutende Rolle spielen.» Die einzige Chance liege darin, die Kräfte zu bündeln, um international überhaupt noch mitspielen zu können. Im Spiel der Grossen: mit den USA und China. Andernfalls drohe Europa der schleichende Bedeutungsverlust.

Was ist eine Kapitalmarktunion?

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Mit der Kapitalmarktunion will die Europäische Union die fragmentierten Finanzmärkte Europas enger verknüpfen. Unternehmen sollen einfacher grenzüberschreitend an Kapital gelangen, Investitionen leichter fliessen. Grössere europäische Banken könnten dabei helfen, den Binnenmarkt stärker zu integrieren und international wettbewerbsfähiger zu werden. Ausgerechnet eine mögliche deutsch-italienische Grossbank könnte nun zum Lackmustest für dieses Projekt werden. Allerdings: Fortschritte gibt es bislang nur teilweise – viele Reformen scheitern weiterhin an nationalen Interessen und politischen Vorbehalten.

Rendez-vous, 15.5.2026, 12:30 Uhr

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