VW trickst – die anderen auch?

VW täuscht Tester mit einer Software, die erkennt, ob ein Fahrzeug gerade geprüft wird – und dann weniger Abgase produziert. Ein Programm, das zwischen Testanlage und Strasse unterscheidet, ist praktisch in allen Autos installiert. Ist VW also kein Einzelfall? Auto- und Umweltlobby sind uneins.

Ein Auspuff an einem Volkswagen-Auto Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Corpus Delicti – gesteuert werden kann es auch über die Software. Das weiss nicht nur Volkswagen. Keystone

Andreas Burgener ist Geschäftsführer von auto-schweiz, dem Verband der Importeure. Von Haus aus ist er Auto-Ingenieur. Für ihn ist die Existenz dieses Programms ganz normal. Denn, wie aus Burgeners Ausführungen hervorgeht: Alle Autos verfügen über ein Programm, das dem Motor anzeigt, wenn sich das Fahrzeug auf dem Prüfstand befindet.

VW-Skandal - kein Einzelfall?

6:44 min, aus Echo der Zeit vom 22.09.2015

Nur so können jene Komponenten ausgeschaltet werden, die bei der Motorfahrzeugprüfung stören würden. Heisst das also, dass möglicherweise nicht nur VW seine Software so ausgestaltet, dass sie Abgaswerte schönt? «Ich gehe von der Unschuldsvermutung aus. Alles andere wäre ein gefährliches Spiel, wie das aktuelle Exempel aufzeigt.»

«  Ich gehe von der Unschuldsvermutung aus.  »

Andreas Burgener
Geschäftsführer von Auto Schweiz

Etwas anders sehen das die Umweltschutzverbände. Kurt Egli erstellt seit Jahren für den VCS die Auto-Umweltliste. Er vergleicht dabei die Abgaswerte, welche die Autohersteller angeben mit dem tatsächlichen Ausstoss. Die Vorkommnisse bei VW überraschen ihn nicht. «Es ist ein grosses Problem bei den Abgaswerten: Was wird getestet und was passiert dann in der Realität?»

Untersuchungen, so Egli, hätten gezeigt, dass bei Dieselfahrzeugen der Ausstoss des Umweltgiftes Stickoxyd um bis zu 30 Mal höher liegen kann, als dies die Hersteller angeben. Zurückzuführen ist das auf die Laborbedingungen, unter denen die Hersteller die Abgaswerte messen. Diese Standard-Tests haben mit dem realen Verhalten von Autofahrern und damit dem Abgasausstoss wenig zu tun.

«  Was wir in den USA gesehen haben, ist nur die Spitze des Eisberges. »

Kurt Egli
VCS

Das gibt auch auto-schweiz-Chef Burgener zu: «Man kann sich in der Tat darüber unterhalten, wie die Realität da abgebildet wird». Die Autoindustrie ist deshalb daran, einen Test zu entwickeln, der für alle Fahrzeuge gilt, egal ob sie aus amerikanischer, europäischer oder japanischer Produktion kommen. Das soll die Vergleichbarkeit verbessern.

Die Abgas-Manipulation verhindere das aber nicht, sagt Kurt Egli: «In Europa sind die Gesetze nicht ganz so streng. Also kann man mit Ausnützung von Gesetzeslücken versuchen, Geld zu sparen. In den USA ist die Gesetzgebung strenger, was vielleicht auch der Grund war, weshalb VW so vorgegangen ist.»

Die lange Erfahrung von Kurt Egli sagt ihm eines: «Was wir in den USA gesehen haben, ist nur die Spitze des Eisberges.» Ob das wirklich stimmt, wird sich weisen. Die US-Umweltbehörde jedenfalls will es genauer wissen. Sie hat angeordnet, Diesel-Fahrzeuge auch von andern Herstellern unter die Lupe zu nehmen. Welche Autobauer betroffen sind, gibt sie nicht bekannt.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • FOKUS: Krisensitzung bei Volkswagen

    Aus 10vor10 vom 22.9.2015

    Fast eine halbe Million Dieselfahrzeuge ruft VW in den USA zurück. In ihnen ist eine Software installiert, die die Abgaswerte geschönt hat. Für den Konzern ist der Skandal eine Katastrophe, die Krisensitzungen sind im Gange.

  • FOKUS: Wie war der VW-Skandal überhaupt möglich?

    Aus 10vor10 vom 22.9.2015

    Wie kann in einem Weltkonzert wie VW derart systematisch und vorsätzlich geschummelt werden? «10vor10» sucht in einem Abgas-Testcenter nach Antworten und befragt einen Experten für Wirtschaftskriminalität.

  • VW-Chef Winterkorn bittet um Entschuldigung

    Aus Echo der Zeit vom 22.9.2015

    «Die Unregelmässigkeiten bei den VW-Dieselmotoren widersprechen allem, für was Volkswagen steht», lässt der VW-Chef per Videobotschaft verlauten.

    Der Konzern rechnet damit, dass viel mehr Fahrzeuge betroffen sind als bisher angenommen und stellt 6,5 Milliarden Euro zurück für allfällige Bussen aus den USA.

    Afra Gallati