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Funktioniert eine Viertagewoche?
Aus Echo der Zeit vom 10.08.2021.
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Weniger arbeiten Viertagewoche – das Arbeitsmodell der Zukunft?

Die Viertagewoche wird zurzeit heiss diskutiert. Das hat mit verschiedenen Pilotprojekten zu tun. Auch in der Schweiz testen Firmen vereinzelt die Viertagewoche. Funktioniert das tatsächlich ohne zusätzlichen Stress? Nicht ohne neue Prozesse sagt die Firma Awin.

Florian Wallner von Awin hatte zwei Herzen in seiner Brust, als seine Chefs ihm von ihrer Idee der Viertagewoche erzählten. «Als Mitarbeiter fand ich es eine fantastische Initiative, als Führungskraft habe ich mich gefragt, wie wir die gleiche Arbeit in kürzerer Zeit schaffen sollen.» Florian Wallner leitet den Schweizer Standort der deutschen Firma Awin, die im Marketingbereich tätig ist.

Nicht ohne neue Prozesse

Ihnen sei schnell klar geworden, ohne Veränderungen führe eine verkürzte Arbeitswoche zu einer Arbeitsverdichtung und damit zu einer Mehrbelastung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sagt Florian Wallner: «Wir haben Prozesse umgekrempelt, Leerläufe gesucht und neue Tools eingeführt, die Abläufe effizienter machen.»

Wir haben Prozesse umgekrempelt, Leerläufe gesucht und neue Tools eingeführt, die Abläufe effizienter machen
Autor: Florian Wallner Leiter Standort Schweiz, Awin

Anpassungen seien zwingend, sagt Gudela Grote von der ETH Zürich. «Sonst haben wir dasselbe Problem wie bei Pensumsreduktionen.» Wenn Angestellte ihr Pensum reduzieren, würden Firmen die Aufgaben der Person teilweise nicht auf das tiefere Pensum anpassen. «Dann arbeiten Angestellte gleich viel, aber für weniger Geld.» Eine Verdichtung der Arbeit erhöhe das Burnout-Risiko, sagt Grote.

Muss ich wirklich nur an vier Tagen erreichbar sein?
Autor: Gudela Grote Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie ETH Zürich

Entscheidend sei auch, wie eine Firma die Erreichbarkeit regle, sagt die Arbeits- und Organisationspsychologin. «Muss ich dann wirklich nur in diesen vier Tagen erreichbar sein?», das sei eine wichtige Frage, die am Schluss darüber entschiede, ob Angestellten mit einer Viertagewoche gestresster sind, als wenn sie fünf Tage arbeiten.

Jokerkarten für Spitzenzeiten

Es sei tatsächlich nicht immer einfach, am freien Tag nicht zu arbeiten, sagt Florian Wallners Kollege Tony Riedel: «Manchmal gibt es Sachen, die sind einfach dringend, das kennt doch jeder.» Er versuche aber schon ganz klar zu priorisieren, wann es wirklich nötig sei, am freien Tag einen Anruf oder eine Mail zu beantworten.

Manchmal gibt es Dinge, die sind dringend, das kennt doch jeder.
Autor: Tony Riedel Mitarbeiter und Teamleiter, Awin

Damit das Arbeiten am freien Tag die Ausnahme bleibt, habe jede Chefin und jeder Chef eine beschränkte Anzahl Jokerkarten, erklärt Florian Wallner. Diese dürfe er oder sie einsetzen, wenn gerade extrem viel zu tun ist und die Mitarbeitenden mehr als vier Tage gebraucht werden, sagt Schweiz Standortleiter Wallner.

Pilotprojekt bisher ein Erfolg

Inzwischen wird die Viertagewoche bei Awin seit mehreren Monaten gelebt. Das Management begleitet das Pilotprojekt eng und führt alle paar Wochen bei der Kundschaft und bei den Angestellten Umfragen durch. Bisher sei das Fazit positiv, sagt Virpy Richter, Mitglied der Geschäftsleitung bei Awin.

Island schaltet auf Viertagewoche um

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Was nach Wunschdenken klingt, ist in Island Realität. Nachdem die Viertagewoche mit 35 Stunden jahrelang getestet wurde, hat die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung nun das Recht auf fünf Stunden kürzere Arbeitszeiten – bei vollem Lohn.

Island verspricht sich davon eine Win-Win-Entwicklung mit mehr Lebensqualität einerseits und höherer Produktivität andererseits.

Das neue System wurde während drei Jahren in einer Studie mit einem Prozent der Angestellten getestet und zeigte erstaunliche Resultate: Weniger Burnouts und zufriedenere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei gleichbleibenden oder sogar verbesserten Leistungen.

«Auch die Produktivität ist nicht gesunken – im Gegenteil», sagt Virpy Richter. Das bestätigt auch Mitarbeiter Tony Riedel. «Wir haben so viele Projekte durchgeführt wie ich es noch nie gesehen habe.» Er spüre deswegen aber keine Mehrbelastung – im Gegenteil. Er und seine Kollegen hätten in den letzten Monaten gelernt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, sagt Tony Riedel.

Virpy Richter will das Projekt noch länger laufen lassen. Das sei gut, sagt Gudela Grote. Denn solche Arbeitsmodelle müssten Firmen über längere Zeitfenster testen. Die anfängliche Euphorie könne verfliegen, wenn sich herausstelle, dass der Arbeitsalltag mit dem neuen Modell doch etwas zu dicht geworden ist.

Was halten Sie von einer Viertagewoche? Ein längst überfälliger Schritt oder ein Risiko wegen Arbeitsverdichtung und Mehrbelastung? Schreiben Sie uns in den Kommentaren.

Echo der Zeit, 10.08.2021, 18.00 Uhr

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99 Kommentare

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  • Kommentar von Adrian Müller  (Andymüller)
    In etlichen berufszweigen könnte es möglich sein. Gleiches gehalt für 4 tage als für 5. Ich komme aus der gastronomie und da ist es undenkbar aussert der kunde zahlt 1/4 mehr für das was er bestellt. Also unmöglich.
    1. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Alternativ müssten die Angestellten 20% weniger bekommen für 20% weniger Arbeit. Wäre logisch. Wenn's nicht reicht kommt dann Moonshining zum Tragen.
    2. Antwort von Willy Gruen  (wgruen)
      Wer etwas nicht will, dem ist eben gar nichts möglich.
  • Kommentar von Heiner Zumbrunn  (Heiner Zumbrunn)
    Das Problem ist nicht die Firma, sondern die Kunden. Also die gleichen, die dann bald nur 60 % also reduziert arbeiten. Würde man den Auftragnehmenden das Recht zugestehen, eine Firma nur 4 Tagen offen zu halten und 3 Tage zu ruhen ist das einfach realisierbar. Bauzeiten würde sich um 20 % verlängern. Oder man wartet länger, um ein Ersatzgeräte zu bekommen oder die Kosten steigen.
    Im Grundsatz gut, es liegt an uns Konsumenten, wenn es nicht klappt.
    1. Antwort von Stefan Frei  (Fred)
      Es muss ja nicht das die ganze Belegschaft „nur“ von Mo. - Do. arbeitet. Die einen von Mo. - Do. andere von Di. - Fr. und ein Teil könnte sogar von Mi. - Sa. Somit ergäbe sich sogar eine längere Präsenz. Natürlich nur wenn das Person dafür ausreicht.
  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Alle die wollen könnten auch heute schon - natürlich mit Einbussen - 80%, 60% oder gar 20% arbeiten. Falsch ist wenn der Staat, für die, die wollen 100% verbietet.
    Auch dem Klima wird es nicht helfen, wenn Menschen mit mehr Freizeit noch mehr mit ihren Vehikeln durch die Gegend rösten, Unnötiges konsumieren, Abfall generieren und die Umwelt mit Events belasten.
    1. Antwort von Christoph Stadler  (stachri)
      @Baron: Ich empfehle ihnen am Samstag auch noch arbeiten zu gehen, falls Sie nicht wissen, wie man seine Freizeit sonst noch gestalten kann.