Wie könnte Raiffeisens Notfallplan aussehen?

Raiffeisen ist «too big to fail». Das hat die Nationalbank (SNB) entschieden. Konkret heisst das: Die Genossenschaftsbank muss mehr Eigenkapital beschaffen und einen Notfallplan ausarbeiten. Letzteres könnte schwierig werden.

Raiffeisen-Schriftzug an einem Gebäude spiegel sich in einer Glasfrobt, ein Mann geht vorbei. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Laut Wirtschaftsprofessor Kunz steht Raiffeisen vor einer grossen Herausforderung. Keystone

Bislang galten nur die UBS, die Credit Suisse und die Zürcher Kantonalbank als systemrelevant, sprich als «too big to fail». Nun trifft es auch Raiffeisen: Sollte die Bank in Schieflage geraten, hätte das laut der SNB schwerwiegende Folgen für die Schweizer Wirtschaft.

Um den Anforderungen an eine systemrelevante Bank zu genügen, braucht die Genossenschaftsbank mehr Eigenkapital sowie einen Plan zur Abwicklung im Falle eines Konkurses. Letzteres sei die grössere Herausforderung für Raiffeisen, erklärt Wirtschaftsrechtsprofessor Peter V. Kunz.

Er begründet dies mit der besonderen Struktur der Raiffeisen-Gruppe. «Die Grossbanken UBS, CS und ZKB haben die Möglichkeit, weil sie als Aktiengesellschaften organisiert sind, die systemrelevanten Teile einfach in Tochterfirmen hineinzuschieben», sagt Kunz. Er vergleicht diese Tochterfirmen mit Rettungsbooten. Bei Raiffeisen sei dies aber ganz anders.

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Welche Bank noch?

UBS, CS, ZKB, neu auch Raiffeisen – welche Bank wird als nächstes von der Nationalbank als systemrelevant eingestuft? Professor Peter V. Kunz ist überzeugt, dass Postfinance «heute in einem Jahr» ebenfalls in diese Kategorie fallen wird. «Sie erfüllt die Voraussetzungen als systemrelevante Insitution.»

Raiffeisen-Banken haften gemeinsam

«Dort haben wir einen Konzern mit über 300 Banken, die miteinander verknüpft sind.» Genau dies verhindere, dass man im Notfall ein Beiboot ablassen könne, so der Professor. Diese Organisationsstruktur stehe im Widerspruch zu einem Notfallplan. «Hier hat die Raiffeisen-Gruppe einige Probleme zu lösen», so Kunz.

Denn es sei nicht möglich, die solidarische Haftung aller Raiffeisen-Banken aufzuheben. Mit ihrer Qualifikation als systemrelevante Bank stehe sie deshalb vor einer enormen strukturellen Herausforderung: «Das dürfte das Gesicht der Raiffeisen – zumindest nach den heutigen gesetzlichen Vorgaben – grundsätzlich verändern.»

Genossenschaft ein Vorteil?

Anders sieht das Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Gerade die genossenschaftliche Organisation seiner Bank sei ein Vorteil: «Wir sind eben schon über 300 selbständig rapportierende Banken – mit einer Zentrale.» Die Raiffeisen-Gruppe sei sehr transparent organisiert, die Soll-Bruchstellen seien eigentlich bereits vorhanden. Sprich, falls nötig könnten schlingernde Raiffeisen-Banken abgestossen werden.

Ob Kunz oder Vincenz recht hat, werden erst die Verhandlungen mit der Finma zeigen. Die Finanzmarktaufsicht wird in den kommenden Monaten den Notfallplan mit der Genossenschaftsbank aushandeln.

Vieles ist noch unklar

«Tatsächlich stellen sich hier einige knifflige Fragen», sagt SRF-Wirtschaftsredaktor Jan Baumann. Möglicherweise habe die Nationalbank deshalb so lange gezögert, Raiffeisen als systemrelevant zu bezeichnen. Die Genossenschaftsbank sei vielleicht sogar der schwierigere Fall als die CS, UBS und ZKB, was den Notfallplan angehe.

«Denn alle Raiffeisen-Banken sitzen im gleichen Boot, wenn ein Sturm aufzieht», sagt Baumann. Angenommen, es sollte tatsächlich einmal so weit kommen und in der Schweiz eine Immobilienblase platzen, hätten alle über 300 Raiffeisen-Banken mit denselben Problemen zu kämpfen. Einander zu helfen dürfte in dieser Situation schwierig werden.

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