Emanuela Chiapparini von der Berner Fachhochschule hat das Projekt «Peer-Arbeit» initiiert, das derzeit in den Städten Bern, Neuchâtel und Biel anläuft. Im Interview erklärt sie, warum herkömmliche Angebote oft scheitern und wie Armutserfahrene diese Lücke füllen können.
SRF: Frau Chiapparini, warum ist es so schwierig, armutsbetroffene Menschen mit den bestehenden Angeboten zu erreichen?
Emanuela Chiapparini: Viele Betroffene schämen sich. In unserer Gesellschaft herrscht oft das Gefühl vor, Armut sei eine persönliche Niederlage oder sogar selbstverschuldet. Das ist aber falsch, denn meist sind politische oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen die Ursache. Aus Scham ziehen sich die Menschen sozial zurück, anstatt Hilfe zu suchen.
Ihr Projekt setzt nun auf sogenannte Peers – also ehemals selbst Betroffene. Warum ist dieser Ansatz vielversprechender?
Wir haben aus anderen Bereichen, etwa der Psychiatrie, gelernt, dass Menschen mit ähnlichen Erfahrungen einen besseren Zugang zueinander finden. Ein Peer weiss aus eigener Erfahrung, wie sich Armut anfühlt. Das schafft Vertrauen und dient als Vorbild.
Die Motivation der meisten ist, anderen das zu geben, was ihnen selbst damals gefehlt hat.
Diese Basis ist entscheidend, damit sich Betroffene öffnen und Unterstützungsangebote annehmen, um aus der sozialen Isolation herauszufinden.
Das Projekt startet mit 16 Peers. Wer sind diese Menschen?
Es ist eine vielfältige Gruppe mit und ohne Migrationshintergrund. Sie sprechen Deutsch und Französisch und bringen ihre Erfahrungen aus Bereichen wie der Sozialberatung oder der Hilfe für Wohnungslose und Jugendliche ein.
Wie werden die Peers auf ihre Aufgabe vorbereitet?
Die Ausbildung fokussiert auf das Erfahrungswissen. Es geht darum, die eigene Rolle als Peer zu verstehen, die eigenen Stärken und Grenzen zu kennen und zu lernen, wann man selbst Unterstützung braucht. Ein zentraler Punkt ist von Anfang an der Aufbau von Vertrauen innerhalb der Gruppe. Die Motivation der meisten ist, anderen das zu geben, was ihnen selbst damals gefehlt hat: eine Person, die Ähnliches durchgemacht hat.
Was ist das langfristige Ziel dieses Pilotprojekts?
Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet. Wir wollen herausfinden, was genau die Arbeit der Peers bewirkt und unter welchen Bedingungen sie am erfolgreichsten ist. Diese Erkenntnisse sollen dann als Grundlage dienen, damit auch andere Kantone ihre Sozialpolitik gezielt weiterentwickeln können.
Das Gespräch führte Sandra Schiess.