Nach der monatelangen Winterpause kehrt das Leben in die Schweizer Wälder und Gärten zurück. Was wie ein einfaches Nickerchen wirkt, ist in Wahrheit eine physiologische Höchstleistung. Die Strategien, mit denen Tiere die nahrungsarme Zeit überbrücken, unterscheiden sich dabei drastisch.
Jährliche Diät für den Igel
Für den Igel endet im März eine kräftezehrende Zeit. Da er im Winter keine Insekten oder Würmer findet, zehrt er ausschliesslich von seinen Fettreserven. Dieser radikale Energieverbrauch hinterlässt Spuren: Nach dem Erwachen im März wiegen viele Igel bis zu 40 Prozent weniger als vor dem Winterschlaf.
Nach dem Erwachen muss es darum schnell gehen. Die Igel brauchen rasch Insekten und Würmer als Futter. Wenn es spät nochmals schneit und der Boden gefriert, kann das für die Igel darum tödlich enden.
Wenn man abends im Park unterwegs ist und ein Husten hört, dann ist das oft ein Igel.
Aber es gibt grössere Gefahren, sagt Jean-Michel Hatt, Ärztlicher Direktor des Universitären Tierspitals Zürich: «Beim Igel ist es einerseits der Verkehr – andererseits Parasiten wie Lungenwürmer. Wenn die sich stark vermehren, können die Igel nicht mehr atmen.»
Das sei auch hörbar. «Wenn man Abends im Park unterwegs ist und ein Husten hört, dann ist das oft ein Igel», sagt Jean-Michel Hatt.
Vergessliche Nagetiere
Eichhörnchen bleiben den Winter über aktiv, reduzieren aber ihre Bewegungen auf ein Minimum. Kurz vor der Winterruhe sind sie jedoch auf Achse und legen Wintervorräte an, auf die sie zurückgreifen. Weil andere Tiere ihnen diese gerne stehlen, vergraben sie ihre Vorräte an verschiedenen Orten.
Alle Verstecke können sie sich aber meist nicht merken – und diese Vergesslichkeit hat ökologische Folgen: Aus den verbliebenen Nüssen wachsen neue Bäume, was die Eichhörnchen unfreiwillig zu wichtigen Forstarbeitern macht.
In die Ferien flattern
Dass Zugvögel die Schweiz verlassen und wiederkehren, ist bekannt. Aber es treten noch andere flugfähige Wesen die reise gen Süden an – und zwar Falter. Schmetterlinge wie der Distelfalter mit seiner auffälligen orangen Zeichnung legen tausende Kilometer zurück. Sie machen Winterferien in Marokko und anderen Ländern im Mittelmeerraum.
Eine ausserordentliche Leistung, sagt Schmetterlingsforscher Hans-Peter Wymann: «Dass so kleine Tiere es schaffen, hunderte oder tausende Kilometer zurückzulegen, ist ein Riesenphänomen».
Allerdings überleben viele Schmetterlinge die Reise über das Mittelmeer und die Alpen nicht. Nur ein kleiner Teil von ihnen kommt für die Sommersaison in der Schweiz an. Sie machen das einerseits aus Futtergründen und wegen eines natürlichen Drangs zur Ausbreitung: Wenn sie in den Süden fliegen, legen sie Eier – und dasselbe nach der Rückreise in den Norden. Wie die Falter den Weg hin und zurück finden, ist nicht restlos geklärt.
Tiefkühlfrösche und Schildkröten
Einige Froscharten nutzen eine Methode, die an Science-Fiction erinnert: Sie lassen sich über den Winter fast komplett einfrieren. In diesem Zustand stoppen Herzschlag, Atmung und Stoffwechsel nahezu vollständig. Ein körpereigenes Frostschutzmittel auf Glukosebasis schützt die Zellen vor der Zerstörung durch Eiskristalle.
Steigen die Temperaturen im Frühjahr, tauen die Amphibien unbeschadet wieder auf. In der Schweiz sind solche Frösche allerdings nicht heimisch. Hier vergraben sie sich eher im Schlamm.
Ähnlich ist es bei Schildkröten, die in der Schweiz als Haustiere gehalten werden: Sie überwintern gerne im Kühlschrank. Drei bis fünf Monate bei etwa fünf Grad, das reinste Beauty-Treatment.