Dass Zugvögel in den Süden fliegen, ist bekannt. Doch sie sind nicht die einzigen Tiere, die für den Winter wärmere Gegenden suchen. Auch Schmetterlinge ziehen im Herbst nach Süden und kehren im Frühling wieder zurück. Ab März erreichen die ersten Wanderfalter die Schweiz.
Dieses Verhalten nennt sich Schmetterlingswanderung. «Es ist ein Phänomen, dass so kleine Tiere eine solche Strecke zurücklegen können», sagt Hans-Peter Wymann. Er ist Buchautor, wissenschaftlicher Illustrator und betreute während 20 Jahren die Schmetterlingssammlung am Naturhistorischen Museum in Bern.
Wanderung löst viele Fragezeichen aus
Warum Schmetterlinge diese lange Reise auf sich nehmen, ist gemäss Wymann nicht restlos geklärt. Grundsätzlich geht man davon aus, dass sie versuchen, ihre Lebensräume zu erweitern.
«Die Schmetterlingswanderungen sind möglicherweise ein Versuch, neue Gebiete zu erschliessen, in denen Nahrungspflanzen für die Raupen häufig vorkommen», sagt der Experte.
Dort haben die Tiere die Möglichkeit, sich fortzupflanzen. Verändert sich die Vegetation oder fehlt Nahrung, kehren sie zurück.
Die meisten bleiben über den Winter
Nur ein kleiner Teil der Arten wandert. Dazu gehören bekannte Schmetterlinge wie der Admiral, der Monarch oder der Distelfalter. Der Grossteil der heimischen Schmetterlinge überwintert in der Schweiz.
Um die Wanderungen zu untersuchen, markieren Forschende die Tiere. Beim Distelfalter wurden Tausende Individuen mit Klebepunkten oder Farbtupfern auf den Flügeln versehen.
So konnten die Forschenden nachweisen, dass in Nordskandinavien markierte Distelfalter später in Marokko wiedergefunden wurden. Das entspricht einer Strecke von über 2000 Kilometern.
Beim Totenkopfschwärmer, einem grösseren und kräftigeren Falter, brachten Forschende kleine Sender an, um seine Flüge über die Alpen zu verfolgen.
So orientieren sich die Schmetterlinge
Wie wissen Schmetterlinge, wohin sie fliegen? «Man vermutet, dass sie sich ähnlich wie Zugvögel am Erdmagnetfeld orientieren», sagt Wymann.
Die Orientierung ist das eine, die Wanderung zu bewältigen das andere. Wie die Schmetterlinge mit ihrem minimalen Energietank grosse Distanzen zurücklegen, ist gemäss Hans-Peter Wymann ein Rätsel.
Ohne Pause über das Mittelmeer
Besonders kritisch wird es, wenn sie über Meere oder Wüsten fliegen, wo keine Nahrungsaufnahme möglich ist. Der Distelfalter beispielsweise durchquert die Sahara über 1000 bis 2500 Kilometer, ohne Nahrung aufnehmen zu können. «Der Nektar ist ein extrem effizienter Kohlenhydratspeicher», sagt Wymann.
Bekannte Wanderfalter
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Bild 1 von 4. Zu den Wanderfaltern gehören unter anderem der Admiral... Bildquelle: Keystone/Sigi Tischler.
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Bild 2 von 4. ...der Monarch... Bildquelle: AP/Nati Harnik .
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Bild 3 von 4. ...der Distelfalter... Bildquelle: Keystone/Steffen Schmidt.
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Bild 4 von 4. ...oder der Totenkopfschwärmer. Bildquelle: Imago/Imagebroker.
Die Reise des Distelfalters von Nordafrika in die Schweiz ist trotz der enormen Distanz erstaunlich schnell. Der Experte schätzt, dass ein Falter die Strecke von Marokko bis nach Südmitteleuropa in etwa einer Woche bis zehn Tagen zurücklegt.
Möglich wird dies durch günstige Bedingungen wie Rückenwind, der den Tieren Geschwindigkeiten von rund 35 Kilometern pro Stunde ermöglicht.
Eine Reise mit vielen Risiken
Das Wetter entscheidet oft über Erfolg oder Scheitern. Schmetterlinge sind auf Wärme und Sonne angewiesen. Kälte, Regen oder starker Gegenwind können tödlich sein.
Gelangen sie in eine Schlechtwetterfront, insbesondere über dem Meer, endet die Reise häufig abrupt. Nur ein kleiner Teil übersteht die lange Wanderung.