Wenn einem die Worte fehlen – dann kommt die Stille. Und die gehört dazu. Die Philosophin Barbara Bleisch darüber, wie wir Solidarität zeigen und Empathie fühlen können.
SRF: Ein nationaler Trauertag – was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie erstmals davon hörten?
Barbara Bleisch: Es zeigt die Tragweite des Unglücks. Es ist ein starkes Zeichen. Auch wenn wir als Gesellschaft oft nicht mehr wissen, wie wir miteinander sprechen sollen - in Krisen versuchen wir zusammenzustehen. Das gelingt aber nur, wenn wir die Schuldzuweisungen nicht in den Vordergrund rücken.
Kirchenglocken im ganzen Land, Schweigeminute. Was hat das für einen Wert?
Aus der Traumaforschung wissen wir, wie wichtig es für Betroffene ist, dass das Geschehene anerkannt wird. Einsamkeit in Kombination mit Trauer ist verheerend. Symbole wie Fahnen auf Halbmast können bedeutsam für die Verarbeitung sein. Sie zeigen, dass Betroffene in ihrem Leiden gesehen werden und dass man sie nicht allein lassen will.
Viele von uns suchen nach den richtigen Worten...
Gesten, Rituale, das gemeinsame Schweigen – das sind symbolträchtige Handlungen, wenn Menschen keine Worte haben. Manchmal zeigt sich die Solidarität darin am stärksten: Diese Gesten urteilen nicht und sie verlangen keine Reaktion vom Gegenüber.
Man hält Trauer und Stille oft nicht aus.
Wir denken fälschlicherweise, Trost zu spenden heisse, sofort ein Rezept zu haben. Aber wenn es uns schlecht geht, wenn wir trauern oder verzweifeln, brauchen wir oft keine Ratschläge. Sondern wir brauchen es, dass jemand unsere Ratlosigkeit mit uns aushält. Später können Ratschläge hilfreich sein; aber nicht in der Akutphase.
Die Kraft der Stille, sie ist kein Verstummen?
Nein, sie scheint mir ein angemessenes und ehrliches Schweigen. Oft ist das mehr wert als Worte. Es gibt im Moment nichts schönzureden, nichts zu erklären. Eine solche Katastrophe ist radikal, sinnlos und grausam.
Schweigen ist aber gar nicht so leicht.
Ja, weil der Reflex da ist, den Schmerz wegreden zu wollen. Wie gesagt: Es geht jetzt nicht um Lösungen, es geht ums Eingeständnis, dass es nichts zu lösen gibt. Was geschehen ist, ist fraglos sinnlos. Wichtig ist aber auch: Die Welle der Zuwendung darf nicht gleich wieder verebben. Solidarität ist immens wichtig. Die Betroffenen brauchen sie langfristig.
Das Unfassbare würde man aber gerne rasch «einordnen». Wir suchen Erklärungen.
Wir leben in einer Welt des «Sofortismus». Die schnelle Einordnung, die rasche Reaktion scheinen gefragt. Gerade jetzt sehen wir, wie wichtig eine Ethik der Langsamkeit und Sorgfalt wären. Erst mal auch verstehen, was die Menschen brauchen, die als Ersthelfer vor Ort waren, überlebt haben oder jemanden verloren haben.
Empathie brauche es. Was ist das für eine Kraft?
Es ist die Fähigkeit, sich einzufühlen. Das heisst nicht, mitzuleiden. Empathie heisst, den Schmerz der Betroffenen nicht zu übergehen. Je vertrauter uns eine Situation ist, desto einfacher ist es, sich einzufühlen.
Kann Empathie nicht auch dunkle Seiten haben?
Absolut. Wir sind meist vor allem empathisch mit denen, die uns sympathisch sind. Das kann wirken wie der «Confirmation Bias», der Bestätigungsfehler. Es ist aber wichtig, Verständnis für beide Seiten zu zeigen: angesichts dieser Katastrophe jenseits von Schuldzuweisungen, empathisch zu bleiben. Auch Menschen, die Fehler gemacht haben, durchgehen nun schwere Zeiten.
Gleichzeitig beginnt die Suche nach den Schuldigen. Ist das richtig oder voreilig?
Es ist beides. Es ist richtig, über Fehler aufzuklären für die Prävention und mit Blick auf Strafrecht und Versicherungsfragen. Aber es ist auch wichtig, zwischen absichtlich zugefügtem Unrecht und einem Unglück zu unterscheiden, das niemand wollte. Selbst wenn Fahrlässigkeit im Spiel war, niemand wollte dieses Inferno.
Und wenn wir schweigend nebeneinander stehen, ist das nicht Ausdruck von Leere. Wir schweigen, weil es keine Begründung, keine Deutung, kein Herumvernünfteln gibt. Was passiert ist, ist einfach sinnlos.
Das Gespräch führte Dani Fohrler.