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Neurologe Martin Inderbitzin Jahreswechsel: Nachsicht mit sich selber statt Selbstoptimierung

Zum Jahreswechsel nehmen sich viele Menschen vor, disziplinierter, belastbarer oder effizienter zu werden. Der Neurowissenschaftler und Bauchspeicheldrüsenkrebs-Betroffene Martin Inderbitzin sagt im Gespräch, warum er einen anderen Zugang wählt – und was ihm hilft, wenn Orientierung fehlt.

Martin Inderbitzin

Neurowissenschaftler und Neurologe

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Im Jahr 2012, kurz nachdem Martin Inderbitzin seinen Doktortitel in Neurowissenschaften erhalten hatte, bekam er mit 32 Jahren die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs – mit einer geringen Überlebenschance von 5 Prozent. Seitdem hat er mehr Zeit im Krankenhaus verbracht als viele Menschen in ihrem ganzen Leben. Während seiner ersten Chemotherapie beschloss er, dass er sich für einen Triathlon anmeldet, obwohl er diesen Sport noch nie zuvor ausgeübt hatte. Gleichzeitig gründete er die gemeinnützige Organisation MySurvivalStory.org, die Menschen auf der ganzen Welt hilft, mit den seelischen und emotionalen Belastungen von Krebs umzugehen. Noch heute geht Martin Inderbitzin alle 3 Monate zur Kontrolle

SRF: Der Jahresanfang ist oft verbunden mit dem Wunsch, sich zu verbessern. Was macht der allgegenwärtige Ruf nach Selbstoptimierung mit Ihnen?

Martin Inderbitzin: Ich merke, wie stark der Gedanke der Selbstoptimierung geworden ist: schneller, besser, weiter. Für mich funktioniert das nicht. Ich möchte nicht ständig an mir arbeiten müssen.

Geh es leicht an, aber geh es an.

Ich möchte Mensch sein dürfen – mit allem, was dazugehört. Auch mit Seiten, die schwierig oder unangenehm sind.

Warum fällt es uns so schwer, die unangenehmen Seiten bei uns selbst zu akzeptieren?

Weil wir uns selbst oft strenger beurteilen als andere. Bei Mitmenschen haben wir Verständnis für Überforderung oder Traurigkeit. Uns selbst gegenüber fehlt diese Grosszügigkeit häufig. Dabei wäre sie gerade dort wichtig.

Übung um den Fokus neu auszurichten

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Schritt 1: Die erste Geschichte

Nehmen Sie ein Blatt Papier und schreiben Sie alles auf, was eine Situation schwierig macht.

  • Was genau nervt?
  • Was belastet mich?
  • Was fühle ich dabei?

Alles sammeln, soch nichts bewerten oder lösen.

 Schritt 2: Perspektive wechseln

Drehen Sie das Blatt um und stellen Sie sich drei Fragen:

Was habe ich bis jetzt schon getan, um diese Herausforderung zu meistern?

  • Grosszügig sein. Auch kleine Schritte zählen.
  • Alles auflisten, was bereits da ist.

Wer oder was könnte mir helfen?

  • Menschen
  • Situationen
  • Struktur
  • Agenda
  • Pausen
  • Ausmisten
  • Unterstützung annehmen

Welche Emotion möchte ich bewusst kultivieren?

  • Zum Beispiel: Neugier, Vertrauen, Zuversicht
  • Eine Emotion, die ich anzapfen möchte

Schritt 3: Wahrnehmen statt bewerten

  • Drehen Sie das Blatt zurück.
  • Lesen Sie die erste Geschichte nochmals.
  • Beobachten Sie Ihren Körper
    (z. B. Spannung, Enge, Unruhe)

Dann:

  • Drehen Sie das Blatt erneut.
  • Lesen Sie die zweite Geschichte.
  • Beobachten Sie wieder, was im Körper passiert.

Warum wirkt diese Übung?

Der Neurowissenschaftler Martin Inderbitzin sagt: Beide Geschichten sind Konstruktionen unseres Gehirns. Sie sind nicht objektiv wahr, sondern erzählen Wirklichkeiten.

Diese Übung hilft, bewusst zu wählen, welcher Geschichte man Aufmerksamkeit schenkt. Man darf weiterhin genervt oder traurig sein – und den Fokus dennoch auf das richten, was unterstützt und weiterbringt.

Viele Menschen wünschen sich weniger Stress. Was hilft aus Ihrer Erfahrung wirklich?

Ich verstehe diesen Wunsch gut. Mir hilft ein einfacher Leitsatz: «Go easy but go». Geh es leicht an, aber geh es an. Man darf klein starten. Es braucht keinen grossen Plan, keinen Marathon. Ein erster Schritt reicht.

Warum ist dieser erste Schritt so entscheidend?

Weil Motivation oft nicht vor der Bewegung entsteht, sondern durch sie. Man wartet häufig darauf, sich bereit zu fühlen. Aber dieses Gefühl kommt oft erst, wenn man losgeht. Bewegung verändert etwas – auch im Kopf.

Wie können wir unser Gehirn auf weniger Stress trainieren?

Indem ich meinen Fokus bewusst lenke. Unser Gehirn kann sich nur auf sehr wenig gleichzeitig konzentrieren. Aufmerksamkeit ist eine begrenzte, aber steuerbare Ressource.

Wenn ich meinen Fokus auf das richte, was mir hilft, in Balance zu kommen, dann wächst genau das.

Wenn ich mich ständig auf das konzentriere, was mich stresst, verstärke ich diesen Zustand. Der Körper schüttet mehr Cortisol aus, das gesamte System bleibt im Alarmmodus.

Was heisst das konkret?

Wenn ich meinen Fokus stattdessen auf das richte, was mich beruhigt und mir hilft, in Balance zu kommen, dann wächst genau das. Im Körper passiert dann etwas anderes. Die physiologische Reaktion verändert sich. Ruhe erzeugt Ruhe. Das ist kein positives Denken, sondern eine reale körperliche Reaktion.

Das heisst, der Fokus entscheidet mit darüber, wie wir uns fühlen?

Ja. Nicht alles lässt sich kontrollieren. Aber worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, macht einen Unterschied. Und genau dort beginnt für mich Veränderung.

Das Gespräch führte Sandra Schiess.

Doku über Martin Inderbitzin: Das Leben neu Denken

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Was passiert im Gehirn in einer Orientierungskrise? Martin Inderbitzin stellt mit einer Umkehrbrille seine Welt auf den Kopf und simuliert mit diesem Experiment Gefühle, wie sie ihn bei seiner Krebsdiagnose heimgesucht haben. Die ganze Doku gibt es auf Play Suisse zum Streamen.

Radio SRF 1, 1.1.2026, 6:20 Uhr ; 

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