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Büsis, Chätzlis, Chatzene: Warum verbreiten sich diese neuen Pluralformen?
Aus Dini Mundart vom 06.01.2021.
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Schweizerdeutsch im Wandel «Männers» und «Frauene», was ist bloss mit dem Plural los?

Der Deutschschweizer Bachelor 2020, Alan Wey, spricht ganz selbstverständlich von «interessante Frauene». Bei der einen entdeckt er «ganz vill Probleme», bei einer anderen hat er «zwoi Gfühle» – mit ausgesprochenem e am Schluss! Im Dialekt!

Aber nicht nur das sogenannte Trash-TV wird von neuen «Pluralformene» geflutet, als wären sämtliche Grammatikdämme gebrochen. Immer mehr «Männers», «Frauene» und besonders «Chinderlis» reden von «Themene» oder «Lehrers», von «Büsis» oder «Chatzene». Oft reicht eine einzige Mehrzahlform gar nicht mehr aus – wie in diesem Beispiel hier.

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Marc Lüthis spezielle Pluralform: «Jöbbers»
Aus Sport-Clip vom 22.11.2020.
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«Jöbbers!» Der Umlaut ö, die Endung -er und die zusätzliche Endung -s machen aus «Job» einen Dreifachplural. Ein besonders schwerer Befall von Pluralitis, wie man den Hang zu neuen Mehrzahlformen scherzhaft bezeichnet.

Die unsichtbare Hand des Sprachwandels

Um die Pluralitis zu verstehen, lohnt sich ein Blick ins uralte Räderwerk des Sprachwandels. Seit Jahrhunderten schwächen sich im Deutschen ehemals starke Endungen bei Substantiven ab, die früher den grammatischen Fall sowie Ein- und Mehrzahl angezeigt haben. Die Mehrzahl von «Tag» zum Beispiel war im Althochdeutschen «taga», im Genitiv Plural «tago» – fast wie im Lateinischen. Diese starken Endungen wurden mit der Zeit auf ein simples e abgeschwächt (Tage).

Massnahmen gegen den Nullplural

Weil im Dialekt sogar dieses Endungs-e verschwand, fielen immer mehr Formen zum sogenannten Nullplural zusammen: Die Mehrzahl wurde identisch mit der Einzahl (äi Tag – zäh Tag, äi Ort – zäh Ort). Seit langem behilft man sich deshalb mit verschiedenen sprachlichen Mitteln, um die Mehrzahl wieder eindeutig zu machen. Eines davon ist der Umlaut (Hünd, Täg), ein anderes die Endung -er (Brätter, neuerdings auch Chinder).

Feminine Substantive mit der Endung -i bekamen die besondere Mehrzahlendung auf -ene (Chuchene, Taufene). Das s am Ende eines Wortes (Velos, Chätzlis) ist zwar als Pluralendung im Deutschen eher neu und stark vom Englischen inspiriert. Aber es ist die einfachste und fehlertoleranteste Art, eine Mehrzahl anzuzeigen.

Plural, Pluralia oder Pluräl?

Zugegeben: Aktuell läuft dieser altehrwürdige Sprachwandelprozess etwas aus dem Ruder. Die Endung -ene hat sich auf Substantive mit e-Endung ausgedehnt. So sind wir zu den «Frauene» und «Maskene» und «Datene» gekommen. Umlaute ersetzen ganz selbstverständlich Vokale, so dass wir heute nicht nur «Täg» und «Ört» haben, sondern auch «Kommentär» und eventuell sogar «Pluräl». Und das Plural-s hängt sich seit neustem sogar an «Meersäulis» und «Männers».

Sind wir sprachlich am Verblöden?

Mit Dummheit hat die Pluralfreudigkeit wenig zu tun, eher mit Nachlässigkeit. Vielleicht auch damit, dass in den Schulen weniger Orthografie und Grammatik gepaukt wird als früher. Und dass soziale Normen und Kontrollen an Kraft verloren haben.

Ein weiterer Grund ist, dass heute viele Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer mehrsprachig aufwachsen. Das macht sie sowohl toleranter gegenüber Varianten als auch unsicherer, welche Form in der Mundart korrekt wäre. Also greift man sicherheitshalber zu einer eindeutigen Form und hat dann zum Beispiel «zwoi Gfühle» oder mehrere «Jöbbers».

Und wer weiss: Vielleicht steckt hinter der Pluralitis mehr Sprachwitz und Kreativität, als man vermuten würde!

Radio SRF 1, Freitag, 8.1.2021, 09:40 Uhr

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47 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Barrer  (Daniel Barrer)
    Die Sprachen wandeln sich seit langem: "Coiffeur", "Portemonnaie" aus dem Französischen, "Demokratie", "Philosophie" aus dem Griechischen, "Kaffee" aus dem Arabischen, usw.: Eine Sprache von den Einflüssen anderer Sprachen zu schützen ist unmöglich.
    Und dennoch lässt sich feststellen, dass sich die Komplexität der Umgangssprachen reduziert. Das wäre ein Hinweis auf den "homo deminuere", also den reduzierenden homo sapiens sapiens! Das widerspräche aber der fragwürdigen Makro-Evolutionstheorie!
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  • Kommentar von Aufmerksamer Beobachter  (homo-politicus)
    Ein Einfluss wurde nicht genannt:
    Die zahlreichen Immis aus D in den 90ern. Das hat sich auch auf die Grammatik ausgewirkt, wie etwa: "S Huus, idem i wohne" statt ".., won ich drin wohne."
    Hochdeutsch und die Denkweise der Ds ist sehr explizit, low-contextual. Dagegen verhalten wir CHs uns zwar ebenfalls global gesehen eher low-kontektuell, sind aber in der Sprache exterm high-contextual aufgrund der mehrsprachigen Umzingelung und der Polydialektalität mit immensem Missverständnispotential.
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    1. Antwort von Roger Gasser  (allesrotscher)
      Ich verstehe zwar den Text nicht wirklich im Detail, aber mit Ihrem letzten Wort bestätigen Sie Ihren ganzen vorhergenannten Text aufs klarste! wollten Sie uns etwas mitteilen??
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  • Kommentar von Verena Hottinger  (Verena H.)
    Gfühle, Probleme, Sachene, Sinne: am Akzent dieser Person hört man sofort, dass da ein anderer sprachlicher Hintergrund vorliegt und aus diesem Grund diese Fehler gemacht wurden. Leider geht die Dialektsprache aber auch bei CH-Sprachlern immer mehr verloren. Sehr schade! "Mini Mueter gaat go arbeite", da rollen sich meine Zehennägel auf! Sehr schade, dass Dialekt keinen Stellenwert mehr in der Schule hat. Im Gegenteil: es findet keine Lektion mehr in Dialekt statt, und dies bereits ab KiGa.
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