- Am 9. Juni 2026 fand bei SRF der «Tag der Schweizer Literatur» statt: Alles drehte sich rund um Schweizer Sagen und Mythen.
- Der Schriftsteller Wilfried Meichtry entwickelte live eine neue Sage – mit Beteiligung des Publikums.
Helvetia
Der Erste, der die seltsame Frau sah, war ein Kuhhirt auf der Älggialp, weit oberhalb von Sachseln. Der erfahrene Älpler, der im Begriffe war, seine Kühe auf die Weide zu führen, glaubte zuerst an eine übernatürliche Erscheinung.
Wie aus dem Nichts – so erzählte er später – sei die Frau plötzlich vor ihm gestanden. Er sei kein sehr ängstlicher Mann, doch als er gesehen habe, dass die Frau, die ein langes weisses Kleid trug, das in den Hüften durch einen Gürtel zusammengehalten wurde, mit einem Speer und einem Schild bewaffnet war, hätten seine Knie leicht gezittert. Zum Glück sei sie friedlich gewesen, wirklich schlau aber sei er aus ihr nicht geworden. Die Schweiz sei in Gefahr, habe sie immer wieder gesagt, sie müsse möglichst schnell nach Bern. Dann sei die Frau, die auf dem Kopf einen Lorbeerkranz trug, wie der Älpler ihn vom Hornussen kannte, wieder verschwunden und er habe sich, ohne weiter darüber nachzudenken, auf den Weg in die Sennerei gemacht.
Nur einen Tag später wurde die Frau auf der Bundesterrasse in Bern gesichtet. Der frisch pensionierte Gymnasiallehrer Josef Luginbühl war auf seinem täglichen Spaziergang, als die Frau in dem auffällig langen Kleid, das Luginbühl an eine römische Toga erinnerte, mit schnellen Schritten auf ihn zukam.
«Sie haben mich nicht ins Bundeshaus gelassen», sagte sie entsetzt. «Ich habe nur zehn Tage Zeit.»
«Zeit ... wofür?», fragte Luginbühl.
«Ich... ich muss die Schweiz retten!»
Luginbühl stutzte. Was war mit dieser Frau?
«Bitte», flehte sie ihn an, «helfen Sie mir.»
«Ich helfe immer gerne», antwortete er freundlich.
«Sie sind wunderbar!», strahlte ihn die Frau an und bat ihn, kurz zu warten. Dann wandte sie sich ab und ging mit schnellen Schritten zu einer nahe gelegenen Sitzbank, unter der sie einen Speer und einen Schild mit grossem Schweizer Wappen hervorholte. Was hatte das zu bedeuten? Luginbühl bekam es plötzlich mit der Angst zu tun und suchte mit schnellen Schritten das Weite.
«Warten Sie», rief die Frau verzweifelt und rannte mit Speer und Schild hinter ihm her. Luginbühl beschleunigte seine Schritte und rief um Hilfe. Kurz darauf hörte er hinter sich laute Stimmen. Als er sich umwandte, beobachte er, wie Sicherheitskräfte des Bundeshauses die Frau in Gewahrsam nahmen. Luginbühl blieb stehen und atmete aus. Dann setzte er seinen Spaziergang fort und kam kurz darauf an jener Sitzbank vorbei, unter der die Frau Speer und Schild hervorgeholt hatte. Was war das? Mitten auf der Sitzfläche lag ein eleganter Lorbeerkranz, der aus tiefgrünen Blättern geflochten war. Luginbühl konnte sich keinen Reim darauf machen. Weil er einen Termin beim Zahnarzt hatte, packte er den Lorbeerkranz in seine Tasche und nahm sich vor, ihn später im Bundeshaus abzugeben. Die Begegnung mit der seltsamen Frau beschäftigte Luginbühl während der ganzen Dentalhygiene, die er noch nie zuvor so schmerzlos überstanden hatte. Wieder zuhause wollte er sogleich den Lorbeerkranz ins Bundeshaus bringen. Als er seine Wohnungstür öffnete, erstarrte er. Vor ihm stand im langen Kleid die fremde Frau, hielt in der linken Hand den Schild und rechts den Speer, der eine kunstvoll geschwungene, blattförmige Klinge hatte.
«Sie haben meinen Lorbeerkranz!», sagte die Frau bestimmt.
«Bitte ... entschuldigen Sie», stotterte Luginbühl und griff nach dem Kranz in seiner Tasche.
«Ich... ich wollte ihn gerade ins Bundeshaus bringen.»
«Genau das wollte ich verhindern», antwortete die Frau, nahm den Lorbeerkranz und betrat, ohne dass sie Luginbühl dazu einlud, seine Wohnung.
«Wie haben Sie mich gefunden?», fragte er erstaunt.
«Sie haben gesagt, dass Sie mir helfen», sagte die Frau, legte Speer, Schild und Lorbeerkranz auf den Teppichboden ab und liess sich in Luginbühls Lesesessel fallen.
«Ja, schon», antwortete Luginbühl, «aber ... wer ... wer sind Sie denn eigentlich?»
«Ich bin Helvetia», blickte ihn die Frau ernst an. «Ich erwache immer dann auf der Älggialp zum Leben, wenn die Schweiz in Gefahr ist.»
Luginbühls Aufzeichnungen machen klar, dass er der Frau nicht glaubte. Sie müsse ihm beweisen, dass sie Helvetia sei, forderte er sie auf, dann erst könne er ihr helfen. Die Frau war einverstanden, verlangte aber, dass er auf das Schweizerkreuz ihres Schildes schwöre, keiner Menschenseele zu erzählen, was sie ihm nun anvertraue. Wenn er es trotzdem tue, werde er für immer spurlos verschwinden. Luginbühl amüsierte sich innerlich und legte den gewünschten Eid ab. Was dann geschah, brachte ihn, den studierten Historiker, so sehr ins Staunen, dass er es später bedauerte – so steht es in seinen Aufzeichnungen – keine Tonaufnahme von den Erzählungen der Frau gemacht zu haben. Kenntnisreich berichtete sie von einer Vielzahl von historischen Ereignissen und Figuren quer durch die Schweizer Geschichte, die sie alle – so behauptete sie – persönlich getroffen hatte. 1847 habe sie General Henri Dufour aufgesucht und ihn aufgefordert, den Sonderbundskrieg, den bislang letzten Bürgerkrieg der Schweiz, so human wie möglich zu führen, um eine dauerhafte Spaltung des Landes zu vermeiden. Ein Jahr später habe sie die späteren Bundesräte Ulrich Ochsenbein und Jonas Furrer, die beide in der Kommission für die neue Bundesverfassung sassen, heimlich darin beraten, wie die neue Verfassung der Schweiz zu gestalten sei, damit sich das Land zu einer stabilen Demokratie entwickeln könne.
Josef Luginbühl, der am Gymnasium Burgdorf Geschichte unterrichtet hatte, war beeindruckt vom historischen Wissen der Frau. Alles, was sie sagte, war historisch korrekt. Als er sie nach weiteren Begegnungen fragte, berichtete sie, wie sie im Ersten Weltkrieg General Ulrich Wille in einem impulsiven Streitgespräch klar gemacht habe, dass seine Deutschlandfreundlichkeit eine grosse Gefahr für die Schweiz darstelle und seine Hauptaufgabe darin bestehe, die Neutralität zu wahren. Im Zweiten Weltkrieg habe sie in der Villa Cranz in Interlaken eine Nacht lang mit General Henri Guisan die Lage der Schweiz erörtert. Zwei Tage später, am 25. Juli 1940, habe der General dann auf dem Rütli ohne jedes Manuskript vor Offizieren eine Rede gehalten, die für den Widerstandswillen der Schweiz wegweisend gewesen sei.
«Der Rütli-Rapport», flüsterte Luginbühl fast andächtig vor sich hin.
Die tief im Polstersessel versunkene Frau blickte ihn fragend an. »Sind Sie nun überzeugt davon, dass ich Helvetia bin?»
«Aber wie können Sie so lange leben?», wich Luginbühl aus. «Woher kommen Sie? Wer schickt Sie?»
Entschieden schüttelte die Frau den Kopf. «Das würden Sie nicht verstehen.»
«Und warum weiss niemand von ihrer Existenz?» bohrte Luginbühl weiter.
«All die Persönlichkeiten, die ich aufgesucht habe», antwortete die Frau, «haben wie Sie ihr Schweigen mit einem Eid auf meinen Schild besiegelt.»
«Hat eigentlich immer alles so gut geklappt wie bei Dufour, Wille und Guisan?»
«Bei weitem nicht», sagte die Frau ernst, «bis heute kann ich mir nicht verzeihen, dass ich am 13. Juni 1782 zu spät nach Glarus gekommen bin.»
«Was geschah in Glarus?», fragte Luginbühl.
«An diesem Tag wurde dort eine Unschuldige enthauptet. Die Dienstmagd Anna Göldin. Wegen angeblicher Hexerei.»
Luginbühl war beeindruckt und staunte.
«Einmal habe ich meine Kompetenzen unerlaubt überschritten», bemerkte die Frau leicht verschmitzt.
«Ach!», bemerkte Luginbühl neugierig.
«Ja, 1972 war das, am 5. Februar.»
«Was war da?»
«Die 17jährige Marie-Theres Nadig gewann sensationell Gold in der Frauenabfahrt der Olympischen Spiele.»
«Und was haben Sie damals gemacht?»
«Das bleibt mein Geheimnis», winkte Helvetia ab. «Ich wollte etwas für den Frauensport in der Schweiz tun. Ein Jahr, nachdem das Frauenstimmrecht endlich eingeführt worden war, wollte ich die Schweizer Frauen auch im Sport weiterbringen.»
«Also gut ... H e l v e t i a», sagte Luginbühl und nannte die Frau zum ersten Mal bei ihrem Namen, «ich helfe ihnen.»
In den darauffolgenden Tagen fuhren Helvetia und Luginbühl, der seiner Gefährtin Alltagskleider besorgt hatte, mit dem Zug durch die Schweiz und befragten viele Menschen nach den Gefahren, die das Land bedrohten. Am Ende ihrer Reise kamen sie nach Zürich, wo Luginbühl im Hotel Helvetia Zimmer reserviert hatte. Beim Abendessen machten sich die beiden an die Auswertung ihrer Umfrage. Dabei wurde schnell klar, dass die Schweiz im Jahre 2026 vor einer Vielzahl von Problemen und Herausforderungen stand, die nicht innerhalb von zehn Tagen zu lösen waren. Die zunehmende Zahl der Kriege auf der Welt, der Klimawandel und das Artensterben besorgten sehr viele Menschen, ebenso die stetig anwachsende Hektik und Nervosität in der Gesellschaft, der individuelle Stress, der Verlust des Gemeinschaftsgefühls und die schwindende Dialogbereitschaft in der Politik.
Am nächsten Morgen war Helvetia verschwunden. Auf dem Frühstückstisch fand Luginbühl die kurze Notiz «Treffe Sie in drei Tagen um Punkt 18 Uhr in Basel auf der Kleinbasler Seite der Mittleren Rheinbrücke». Luginbühl war sehr beunruhigt und fand sich drei Tage später um die verabredete Zeit in Basel ein. Helvetia aber war nicht da. Luginbühl setzte sich auf die Brückenmauer und hielt Ausschau nach seiner Gefährtin.
«Sie waren mir ein guter Begleiter», vernahm er plötzlich eine vertraute Stimme in seinem Rücken. Luginbühl wandte sich um. Helvetia sass auf dem Brückenkopf und blickte melancholisch rheinabwärts. Umhang, Speer und Schild waren an die Mauer angelehnt.
«Haben Sie einen Weg gefunden», fragte Luginbühl, «die drohenden Gefahren von der Schweiz abzuwenden?»
Helvetia blieb stumm. Sie hatte den Kopf müde auf den rechten Arm gestützt.
«Ich muss mich jetzt von Ihnen verabschieden», sagte sie nach einer Weile ernst. «Die zehn Tage sind um.»
«Nein», sagte Luginbühl, «bitte, sagen Sie mir, ob ich etwas für die Schweiz tun kann.» Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als sich Helvetia mit all ihren Requisiten vor seinen Augen auflöste. Luginbühl sprang auf, wollte sie mit beiden Armen festhalten – und griff ins Leere. Dann erst sah er, dass sich um ihn eine Menschenmenge gebildet hatte, die ihn verwundert und mitleidig anblickte. Nach einer Weile trat eine ältere Frau an ihn heran. «Ist alles in Ordnung mit Ihnen?», fragte sie voller Mitleid. Luginbühl war schnell klar, dass nur er Helvetia gesehen hatte. Ohne jedes weitere Wort erhob er sich und machte sich auf den Weg in Richtung Bahnhof. Seitdem gilt Josef Luginbühl als vermisst.
Nach dem Verschwinden von Helvetia kam es in der Schweiz zu einer Reihe von seltsamen Vorkommnissen. An einem Stammtisch im Entlebuch entbrannte ein heftiger Streit, der den Wirt das Schlimmste befürchten liess. Als einer der Streithähne halb ausser sich das Gasthaus verlassen wollte und drei Zweifränkler auf den Tisch legte, um sein Bier zu bezahlen, fingen die Geldstücke auf dem Stammtisch plötzlich zu tanzen an. Sie drehten synchrone Pirouetten, vollführten kleine Sprünge und schwebten kurzeitig alle drei über der Tischplatte. Nicht nur der Stammtisch, sondern das ganze Gasthaus geriet in den Bann der tanzenden Geldstücke. Es wurde mucksmäuschenstill in der Gaststube. Mitten im kleinen Tanz fingen die Rückseiten der Zweifränkler, auf denen die stehende Helvetia abgebildet ist, so hell zu leuchten an, dass die Leute kaum mehr hinschauen konnten. Dann war das Schauspiel plötzlich zu Ende und die Zweifränkler lagen Rückseite nach oben auf dem Stammtisch. Es heisst, dass die Wirtshausbesucher lange stumm dastanden, ehe sich die Stammtischrunde wieder hinsetzte und ihren Konflikt mit ein paar wenigen Worten beilegte. Ähnliche Vorkommnisse soll es in jenen Wochen in der ganzen Schweiz gegeben haben.
Ungewöhnlich war in jenen Wochen auch ein Vorfall in Genf, wo zu dieser Zeit eine Konferenz für bedrohte Brutvogelarten in der Schweiz stattfand. Es erregte grosses Aufsehen, als man beobachtete, wie im Jardin Anglais, in unmittelbarer Nähe der monumentalen Statuen von Helvetia und Geneva, die dort gemeinsam auf einem Sockel stehen, mehrere bedrohte Vogelarten zu nisten begannen. So wurden – was höchst ungewöhnlich war – nicht nur Steinkäuze und Wachtelkönige gesichtet, sondern auch der scheue Ortolan sowie der prächtige Wiedehopf.
Auch im Berner Bundeshaus kam es zu einem sehr ungewöhnlichen Vorfall. In unregelmässigen Abständen fielen im National- und Ständeratssaal immer wieder die Mikrofone aus, so dass die Politiker und Politikerinnen ihre Reden und Anträge nicht zu Ende formulieren konnten. Die Techniker fanden keine plausible Erklärung für die Pannen. Erst nach und nach realisierte man, dass die Mikrofone immer dann ausfielen, wenn die Politiker aneinander vorbeiredeten, sich nicht zuhörten und unablässig ihre eigene Position wiederholten.
Das Schicksal von Josef Luginbühl ist bis heute ungewiss. Weil er allein lebte, wurde sein Verschwinden lange nicht bemerkt. Als Polizeikräfte schliesslich seine Wohnung öffneten, stiess man auf ein Manuskript, das den Titel trug: «Helvetia und ich. Eine wahre Geschichte». Unter Historikern, Germanisten und Psychologen entstand schnell eine heftige Kontroverse. Während die einen in Luginbühls Text einen dilettantischen literarischen Versuch eines pensionierten Gymnasiallehrers sahen, lasen andere seine Aufzeichnungen als sachlichen Bericht und warnende Hinterlassenschaft eines vorbildhaften Schweizers, die jede Bürgerin und jeder Bürger dieses Landes kennen sollte. Man muss kein Hellseher sein, um vorauszusagen, dass diese absonderliche Geschichte bald schon in den schweizerische Sagensatz eingehen wird.
Themen in diesem Liveticker
- Die Sage von Helvetia zum Nachhören
- Machen Sie sich bereit
- Helvetias Begleiter? Ein pensionierter Geschichtslehrer
- Ein paar Sagen aufs Ohr zum Überbrücken
- Meichtry gibt Einblick in den Schreibprozess
- Letzter Aufruf: Wo mischte Helvetia schon früher mit?
- Die Figuren der Sage stehen – Meichtry legt los
- Aufgepasst: Meichtry enthüllt die Anfangsszene der Sage
- Die vielen Gesichter der Helvetia
- Ein offenes Ohr: Mit wem soll Helvetia sprechen?