«Die Grenze ist das erste, das Reisende von unserem Land sehen und doch schenken wir ihr kaum Beachtung», sagt der Tessiner Fotograf Gabriele Spalluto.
Die Schweiz grenzt an fünf Länder. Insgesamt gibt es 692 Grenzübergänge. Bei 175 gibt es, respektive gäbe es, noch ein Zollhäuschen oder eine Dienststelle. Sie alle hat Spalluto fotografiert.
Fragt sich, wie man auf eine solche Idee kommt. Spalluto ist in Balerna im Südtessin aufgewachsen. Die Grenze und Ausflüge ins benachbarte Italien gehörten zu seinem alltäglichen Leben.
Doch dann kam Covid.
Die Grenze war zu. Plötzlich bekam sie eine neue Bedeutung. Der 30-Jährige begann, sich für die oft so anonymen Orte zu interessieren.
«Ich interessiere mich für Architektur und fragte mich, was es dort eigentlich gibt.» Denn eigentlich seien es ja ziemliche Nicht-Orte, mit nur einem bestimmten Zweck.
Gleichzeitig präge die Grenze unsere Schweizerische Identität. Spalluto zog also los. Ein Jahr lang reiste er mit seiner Kamera quer durchs Land.
Alle Grenzübergänge fotografiert er aus derselben Perspektive. Im Vordergrund: Die letzten Meter der Schweiz. In der Distanz: «das Fremde».
Wieso? «Einerseits aus ästhetischen Gründen, aber auch, um die Gedanken anzuregen», so Spalluto.
Vermehrt höre man im Tessin den Wunsch nach stärkerer Grenzsicherung. «Doch was ist es, das uns dort auf der anderen Seite Angst macht? Wir wissen ja eigentlich, was auf der anderen Seite ist.»
Doch zurück zu den Fotografien. Gibt es denn etwas, das alle Schweizer Grenzübergänge gemeinsam haben?
«Sehr wenig. Natürlich weht immer irgendwo die Schweizer Flagge und fast immer hat es ein eher hässliches Vordach mit der Aufschrift Zoll, Dogana oder Douane und dem Namen des jeweiligen Übergangs.»
Aber eigentlich sei jeder Ort anders.
«Meine Fotoserie ist eigentlich eine Sammlung seltsamer Postkarten aus der Schweiz», sagt Gabriele Spalluto.
Gerade bei den Zollgebäuden gebe es eine grosse Heterogenität. «Diese Diversität der Grenzübergänge ist spannend», schwärmt Spalluto.
«Es gibt Grenzübergänge mitten in der Natur. Am Grossen St. Bernhard ist die Grenze mitten im Tunnel. Bei manchen stehen verlassene Häuser.»
«Im Kontrast zu diesen gibt es aber auch Grenzübergänge, bei denen brutal viel passiert. Da stauen sich die Lastwagen und es arbeiten vielleicht 50 Personen vor Ort.»
Sein liebster Grenzübergang? «Die Symmetrie in Ramsen ist einzigartig. Das ländliche Beggingen gefällt mir aber auch sehr gut, oder das Gebäude im Zentrum Basels. Und Indemini werde ich nie vergessen, weil die Anreise so lange dauerte.»
Was bleibt? «Das Publikum ist ziemlich fasziniert», erzählt Spalluto. Die Bilder lösen Erinnerungen aus. Es entstehen spannende Gespräche.
Zu jeder Fotografie, zu jedem Grenzübergang, gibt es irgendeine persönliche Geschichte.