Gian Marco Schmid ist mit einer kleinen Schwester und einer alleinerziehenden, alkoholakranken Mutter aufgewachsen. Das hat den heute 46-jährigen Bündner geprägt und sein bisheriges Leben beeinflusst.
Taub auf einem Ohr
Als 12-Jähriger hatte Gian Marco Schmid ein Karzinom auf dem Trommelfell, das operiert werden musste. «Das ging ordentlich schief», sagt er. «Die Mutter hat die Nachbehandlung vergessen.» Seither ist er auf dem linken Ohr taub. Er begann Gedichte zu schreiben, die in Liedtexten mündeten. Für Gian Marco das Tor zur Musik – zum Rap.
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Bild 1 von 9. Gian Marco Schmid wuchs mit einer kleinen Schwester bei seiner alleinerziehenden und alkoholabhängigen Mutter auf. Bildquelle: zVg.
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Bild 2 von 9. Ab der dritten Klasse wohnte Gian Marco mit seiner Familie in einem Quartier in Domat/Ems. Hier hat er angefangen, Texte zu schreiben. Bildquelle: SRF Screen.
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Bild 3 von 9. Die Parterre-Wohnung sei ideal gewesen, um abzuhauen. Bildquelle: SRF Screen.
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Bild 4 von 9. Als Gimma war Gian Marco Schmid zehn Jahre professioneller Rapper. Die Texte: voller Geschichten aus seinem Leben. Bildquelle: SRF Screen.
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Bild 5 von 9. Draussen fand für Gian Marco Schmid in der Kindheit das normale Leben statt. Zuhause war der Alltag von seiner alkoholkranken Mutter geprägt. Bildquelle: SRF Screen.
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Bild 6 von 9. Dass der Alkohol die Mutter damals im Griff hatte, sei ihm erst später klar geworden. Als 9- oder 10-Jähriger habe er für seine Mutter im Laden sogar Alkohol geholt. Bildquelle: SRF Screen.
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Bild 7 von 9. Die mit den Tattoos verbundenen Erinnerungen bleiben. Bildquelle: Keystone/Arno Balzarini.
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Bild 8 von 9. Er litt jahrelang unter Depressionen, die er mittlerweile überwunden hat. Bildquelle: SRF Screen.
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Bild 9 von 9. Jetzt, wo er seine Geschichten in einem Buch niedergeschrieben hat und die Traumata verarbeitet sind, kann Gian Marco Schmid seinen dritten Frühling geniessen. Bildquelle: SRF Screen.
Seine frühen Texte handelten von seiner Unzufriedenheit mit Lehrern, der ersten Liebe und familiären sowie sozialen Themen. Das Schreiben wurde für ihn zu einem Ventil für alles, was sich in seiner Kindheit aufgestaut hatte. Viele Leute seien nicht davon ausgegangen, dass ihm das passiert ist, worüber er rappt. «Die Menschen sahen seine Musik als Entertainment», sagt Schmid.
Leben im Exzess
Doch dann kam er der Erfolg – schnell und heftig. «Es ist eine aussergewöhnliche Jobkarriere in der Schweiz, wenn man mit 25 Jahren sagen kann, ich bin professioneller Rapper.» Gian Marco Schmid lässt die Schattenseiten des Erfolgs nicht aus. Schon mit seinem ersten fünfstelligen Scheck habe er die Bodenhaftung komplett verloren.
Er lebte den Exzess, den man von einem Rapper erwartete: wilde Partys, sinnlose Ausgaben und eine Entourage, die ihn begleitete. Er könne keine Noten lesen, habe kein ausgeprägtes Taktgefühl, sei auf einem Ohr taub, lande trotzdem in der Hitparade und kriege dafür viel Geld. «Das fühlt sich an wie ein Jahrhundert-Bankraub», meint Gian Marco Schmid. Zehn Jahre hat er damit sein Leben finanziert.
Zwischen Himmel und Hölle
Trotz der turbulenten Umstände seiner Kindheit mit einer alkoholkranken Mutter, Drogen und Verwahrlosung bezeichnet sich Schmid als «super glückliches Kind». Draussen schien ihm der Alltag mit Schule, Sport und Freunden normal. Doch hinter dieser Fassade verbargen sich Aggressionen und «komische Erziehungsmethoden», sagt Schmid. «Ich bin mit Pornofilmen aufgeklärt worden». Erst als er erwachsen war, sei ihm diese Abnormität bewusst geworden.
Ein wichtiger Anker in dieser Zeit war seine Grossmutter. Jedes Wochenende habe er bei ihr verbracht und tauchte in eine andere Welt ein: eine Welt der Liebe, Fürsorge, des Kochens, Wanderns und Spielens. Seine Grossmutter und seine Tante wussten um seine Situation und hätten Verantwortung für ihn übernommen.
Verarbeitung und dritter Frühling
Nach seinem Rückzug aus dem Musikbusiness arbeitete Schmid als Werbetexter und in der Jugendarbeit. Das Schreiben blieb sein wichtigstes Ventil. Als seine Mutter 2023 verstarb, zu der er seit zehn Jahren keinen Kontakt mehr hatte, schrieb er innerhalb von acht Tagen ein Buch: «Abschiede von Mutter». Es war ursprünglich nicht als Buch konzipiert, sondern als persönlicher Verarbeitungsprozess, um eine Bilanz zu ziehen und einen fairen Abschluss zu finden.
Das Buch wurde ein Erfolg und führte zu über 50 Lesungen. Diese rissen alte Wunden auf und holten Traumata hervor, die Gian Marco Schmid in Therapiestunden aufarbeitete. Auch seine Depressionen, unter denen er litt, seien weg. Die Behandlung habe ihm eine markante Lebensverbesserung gebracht. Er fühle sich wohl und ist in seinem «dritten Frühling» angekommen.