Am Donnerstag schoss der Amazon-Konzern über 30 Satelliten ins All, um ein globales Satelliten-Internet aufzubauen. Eine direkte Konkurrenz zu Elon Musks Starlink.
Veraltete Regeln
Eine Uno-Charta regelt die Nutzung des Weltraums. Doch diese ist veraltet und stammt aus einer Zeit, lange bevor private Akteure mit ihren Satelliten das All fluteten. Die Regeln sind verbindlich, aber es gibt keine Weltraumpolizei, die sie überwacht, sagt Kathrin Altwegg, Astrophysikerin und Professorin an der Universität Bern. «In der Verordnung steht, dass man den Weltraum nutzen darf, aber zum Nutzen aller. Es darf niemand zu Schaden kommen.»
Exponentielle Zunahme von Weltraumschrott
Neben 14'500 aktiven Satelliten umkreisen unzählige Bruchstücke von Raketen und alten Satelliten die Erde. Kollidieren diese miteinander, entstehen schnell Tausende neue Trümmerteile.
Eine bemannte Mondmission wird unmöglich, weil das Risiko einer Kollision zu gross ist.
Auch Guido Schwarz vom Swiss Space Museum sagt, dass selbst kleine Schrottpartikel bei einer Kollision katastrophale Folgen haben können, da sie extrem schnell sind. «Die durchschnittliche Aufprallgeschwindigkeit zweier Objekte im Orbit liegt bei etwa 11 Kilometern pro Sekunde – das ist zehnmal schneller als eine Gewehrkugel.» Solche Kollisionen können ganze Trümmerwolken verursachen, die wiederum weitere Satelliten mitreissen, sagt Schwarz.
«Das ist ein Prozess, der davonläuft», warnt die Astrophysikerin Kathrin Altwegg. Die Kollisionen nehmen exponentiell zu und könnten den Weltraum bald so stark belasten, dass zukünftige Missionen, insbesondere bemannte Flüge zum Mond oder Mars, extrem gefährlich oder gar unmöglich werden. «Das Risiko einer Kollision wird zu gross», ist Altwegg überzeugt.
Kipppunkt ist erreicht
«Der Kipppunkt ist erreicht», betont Altwegg. Wenn nicht sofort reagiert werde, sei der Prozess nicht mehr aufzuhalten. Zwar gebe es eine Verpflichtung, nicht mehr funktionierende Satelliten wieder aus der Umlaufbahn zu entfernen und in der Atmosphäre verglühen zu lassen.
Doch selbst wenn sich die meisten Akteure daran halten, verbleibt bei Tausenden Satelliten ein Rest als Schrott in der Umlaufbahn. Um das Problem wirklich in den Griff zu bekommen, müsste diese Quote auf null reduziert werden – ein unrealistisches Ziel, sagt Altwegg.
Was könnte helfen?
Kathrin Altwegg fordert eine globale Strategie: Anstatt dass jeder Staat oder jedes Unternehmen eigene Satelliten ins All schickt, müssten Satelliten geteilt werden, ähnlich wie es bei terrestrischen Antennen der Fall ist. Angesichts der aktuellen politischen Lage erscheint eine solche Zusammenarbeit jedoch schwierig, sagt Altwegg.
Der Weltraum um die Erde ist zu einem dicht befahrenen Gebiet geworden.
Ein kleiner Schritt
Das Artemis-Abkommen, das von den USA initiiert wurde und dem sich auch die Schweiz angeschlossen hat, ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Es verpflichtet die Unterzeichnerstaaten zu nachhaltigem Handeln im Weltraum. Doch die grossen Player wie SpaceX, Amazon und chinesische Anbieter sind nicht Teil dieses Abkommens, was dessen Wirksamkeit einschränkt.
Die Zukunft des Weltraums ist ungewiss
Ein Ende des drohenden Verkehrschaos im Weltraum ist nicht in Sicht. Der Weltraum um die Erde ist zu einem dicht befahrenen Gebiet geworden, dessen Risiken nicht unterschätzt werden dürfen, sagt Guido Schwarz vom Swiss Space Museum.