Der Kinostart von «Michael» rückt das Leben von Michael Jackson erneut ins Rampenlicht. Im Zentrum seiner Karriere stand ein aussergewöhnlich intensiver Fankult, der weltweit Millionen erfasste. Die Literaturwissenschaftlerin Christine Lötscher erklärt, wie sich die Fankultur bis heute verändert hat.
SRF: Wie definieren Sie Fankult?
Christine Lötscher: In der Wissenschaft sprechen wir eher von Fankulturen. Damit sind Praktiken und Verhaltensweisen von Fangruppen gemeint, die sich um bestimmte Stars oder Inhalte bilden. Diese Gruppen haben gemeinsame Aktivitäten, einen eigenen Stil und treffen sich online wie offline.
Fans sind heute viel aktiver beteiligt. (...) In den 1980er-Jahren stand eher die individuelle Begeisterung im Vordergrund.
«Fankult» ist eher ein umgangssprachlicher Begriff und beschreibt oft eine übersteigerte, fast religiös wirkende Form von Hingabe an einen Star.
Was machte die Fankultur um Michael Jackson aus?
Michael Jackson war in den 1980er-Jahren ein globales Phänomen. Er hat die Popkultur stark geprägt und sehr intensive Fan-Gefühle ausgelöst, ähnlich wie zuvor die Beatles oder Elvis.
Damals gab es noch kein Internet, aber MTV und Musikvideos, wodurch eine neue visuelle Nähe entstand. Das führte zu einem sehr breiten und intensiven Fandom.
Wie hat sich das Fan-Sein seit den 1980er-Jahren gewandelt?
Der wichtigste Wandel hängt mit dem Internet und den sozialen Medien zusammen. Fans sind heute viel aktiver beteiligt. Sie erstellen Inhalte, schneiden Videos, kommentieren und tauschen sich in Communities aus.
Heute entstehen sehr dynamische und ständig aktive Fangemeinschaften.
Fan-Sein bedeutet heute stärker, selbst Teil einer Community zu sein und diese mitzugestalten. In den 1980er-Jahren stand dagegen eher die individuelle Begeisterung im Vordergrund.
Wie haben soziale Medien das Fan-Sein verändert?
Soziale Medien haben die Möglichkeiten der Vernetzung noch einmal stark erweitert. Fans können heute direkt auf Inhalte reagieren, sich global organisieren und in Echtzeit über neue Entwicklungen austauschen. Dadurch entstehen sehr dynamische und ständig aktive Fangemeinschaften, die früher in dieser Form nicht möglich waren.
Hat sich auch die Beziehung zwischen Fans und Stars verändert?
Ja, sehr stark. Stars sind heute durch Social Media viel präsenter und scheinbar näher. Fans können kommentieren, reagieren und erhalten Einblicke in private Momente. Dadurch entstehen sogenannte parasoziale Beziehungen, also das Gefühl einer Art Freundschaft oder Nähe, obwohl die Beziehung einseitig bleibt.
Zugehörigkeit spielt eine zentrale Rolle. Ebenso wie Identität und gemeinschaftliches Erleben.
Bei früheren Stars wie Michael Jackson war die Distanz deutlich grösser und die Beziehung stärker von Bewunderung geprägt.
Gibt es heute noch vergleichbare Fan-Phänomene wie bei Michael Jackson?
Am ehesten bei globalen Stars wie Taylor Swift oder BTS. Dort sieht man sehr grosse Fangemeinschaften mit intensiver Beteiligung. Besonders im K-Pop-Bereich geht es nicht nur um die Musik, sondern stark auch um die Gruppe als Ganzes, ihre Figuren, ihren Stil und die Inszenierung als Idole.
Fans reisen zu Konzerten, tauschen sich stark untereinander aus und entwickeln eigene Kulturen rund um den Star. Dabei spielt Zugehörigkeit eine zentrale Rolle ebenso wie Identität und gemeinschaftliches Erleben.
Das Gespräch führte Lisa Wickart.