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Musik für Motivation Warum viele Skistars auf Power-Songs setzen

Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie weiss, weshalb Power-Songs bei Sportlerinnen und Sportlern so beliebt sind.

Ob vor dem Ski-Rennen oder im Fitnessstudio: Viele Menschen schwören auf Musik zur Motivation. Am Phänomen Power-Song muss etwas dran sein.

Einer, der weiss, was im Hirn passiert, ist der emeritierte Professor für Neuropsychologie, Lutz Jäncke. «Ein Song kann motivierend sein und uns anregen bestimmte Sachen zu tun», bestätigt der Hirnforscher. Er verblüfft mit der Aussage: «Auch eine ruhige Ballade kann leistungssteigernd wirken.»

Wenn man zu Emotionen, die man so erlebt, noch Musik hört, dann löst das sehr viel aus.
Autor: Corinne Suter Skirennfahrerin

Das liegt im Wesentlichen daran, dass die Songs, die für uns motivierend sind, eine ganze Menge anregen. Musik kann unser vegetatives Nervensystem ansprechen. Insbesondere wird das Belohnungssystem im Hirn stimuliert, was zur Ausschüttung von Dopamin und anderen Transmittern führt. Das verändere unsere Gefühle, mache uns aktiver und bereite die Motorik vor.

So wirkt Musik auf das Gehirn

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Musik hat eine bemerkenswerte Wirkung auf unser Gehirn und aktiviert eine Vielzahl von Hirnregionen, sagt der Hirnforscher Lutz Jäncke. Sie kann Emotionen hervorrufen, Erinnerungen wecken und sogar körperliche Reaktionen auslösen. Im Detail stimuliert Musik unter anderem folgende Hirnregionen:

  1. Auditorischer Kortex: Dieser Bereich ist für die Verarbeitung von Klängen verantwortlich und analysiert Tonhöhe, Rhythmus und Melodie.
  2. Limbisches System: Besonders die Amygdala und der Hippocampus spielen eine Rolle bei der emotionalen Verarbeitung und der Verknüpfung von Musik mit Erinnerungen. Der Hippocampus ist für das bewusste Gedächtnis wichtig. Die Amygdala ist für die Intensität von Emotionen und besonders für unangenehme Emotionen wichtig.
  3. Präfrontaler Kortex: Hier werden Erwartungen an die Musik, Vorhersagen und komplexe kognitive Bewertungen verarbeitet.
  4. Belohnungssystem: Der Nucleus accumbens als Teil des oben bereits erwähnten limbischen Systems wird aktiviert, wenn Musik Freude bereitet, was Dopamin freisetzt und ein Gefühl von Glück gelegentlich sogar Lust (Gänsehaut) erzeugt. Das Belohnungssystem und das limbische System sind im Übrigen evolutionär alte Hirngebiete.
  5. Motorischer Kortex: Rhythmische Musik kann den Bewegungsdrang stimulieren und ist eng mit der Koordination von Bewegungen verbunden. Wir sprechen hier auch von der audiomotorischen Kopplung: Rhythmische Musik triggert und synchronisiert unsere Bewegungen.

Insgesamt kann man festhalten, dass Musik eine ganzheitliche Aktivierung des Gehirns bewirkt und sowohl emotionale als auch kognitive Prozesse beeinflusst.

Quelle: Lutz Jäncke, Hirnforscher

Rezept für den richtigen Motivationssong

«Eine mathematische Formel, die für alle Menschen gilt, gibt es nicht», sagt Jäncke. Aber motivierende Lieder haben Gemeinsamkeiten: Meist sind es erregende Stücke mit hohem Tempo, grossen Lautstärkevariationen und eingängigen Melodien, die zum Mitsingen einladen. Entscheidend sei, dass wir den Song kennen und persönlich etwas damit verbinden. Dadurch wird ein grosses Potpourri von Reaktionen in unserem Gehirn ausgelöst.

Wenn man sich wirklich aktivieren muss, etwa vor einem Endspiel oder einem Olympia-Finale, dann brauche es Songs, die das Aktivierungsniveau von einem normalen auf ein höheres Level bringen. «Dafür ist laute Musik mit einem schnellen Rhythmus und Variationen der Lautstärke perfekt geeignet», sagt der Neurowissenschaftler.

Balladen für die Leistungssteigerung

Gerade im Leistungssport gebe es das Phänomen, dass Athletinnen und Athleten in entscheidenden Situationen aufgeregt oder zu stimuliert seien. «Wir wissen aus der Forschung, dass Überaktivierungen zu Leistungseinbussen führen», sagt Hirnforscher Jäncke.

Solche Sportlerinnen und Sportler müssen sich beruhigen und fokussieren, um in einen optimalen Zustand zu kommen. In solchen Situationen sei entspannende Musik entscheidend.

Routine versus Abwechslung

Beides hat Vor- und Nachteile, sagt Jäncke. Wer immer den gleichen Song für die Motivation hört, muss nur wenige Takte hören, damit die gewünschte emotionale Reaktion automatisch ausgelöst wird.

«Musik hilft mir, mich von bestimmten Gedanken abzulenken, die vor dem Start aufkommen können.
Autor: Stefan Rogentin Skirennfahrer

Der Nachteil sei die Gewöhnung: «Irgendwann verliert selbst ein fantastisches Lied wie ‹We Are The Champions› von Queen seine Kraft», weiss der Neurowissenschaftler Jäncke. Abwechslung kann neue, frische Impulse liefern. Ideal seien, verschiedene Songs für unterschiedliche Ziele im Köcher zu haben – mal eine erregende, mal eine beruhigende Variante.

Warum Skirennfahrer Stefan Rogentin mit einem Zwang brechen musste

Musik ist für Stefan Rogentin ein wichtiger Teil seiner Routine. «Sie hilft mir, mich von bestimmten Gedanken abzulenken, die vor dem Start aufkommen können.» Er hat sich eine Spotify-Playlist mit seinen Lieblingssongs angelegt, die er im Shuffle-Modus laufen lässt. Das Repertoire sei querbeet. Dann kommt einfach, was gerade kommt. Doch das war nicht immer so, sagt Rogentin.

Skifahrer am Start eines Rennens auf der Skipiste.
Legende: Stefan Rogentin am Start in Wengen 2023. Er fuhr in der Abfahrt auf Platz 13. Keystone/Jean-Christophe Bott

«Ich dachte, ich müsse vor dem Start ein ganz bestimmtes Lied hören, um schnell zu sein». Damit habe er bewusst aufgehört, weil dieses Ritual zum Zwang wurde. Heute pusht er seine Motivation vor dem Rennen mit einer Auswahl von Lieblingsliedern.

Radio SRF 3, 17.1.2026, 6:20 Uhr

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