Ob vor dem Ski-Rennen oder im Fitnessstudio: Viele Menschen schwören auf Musik zur Motivation. Am Phänomen Power-Song muss etwas dran sein.
Einer, der weiss, was im Hirn passiert, ist der emeritierte Professor für Neuropsychologie, Lutz Jäncke. «Ein Song kann motivierend sein und uns anregen bestimmte Sachen zu tun», bestätigt der Hirnforscher. Er verblüfft mit der Aussage: «Auch eine ruhige Ballade kann leistungssteigernd wirken.»
Wenn man zu Emotionen, die man so erlebt, noch Musik hört, dann löst das sehr viel aus.
Das liegt im Wesentlichen daran, dass die Songs, die für uns motivierend sind, eine ganze Menge anregen. Musik kann unser vegetatives Nervensystem ansprechen. Insbesondere wird das Belohnungssystem im Hirn stimuliert, was zur Ausschüttung von Dopamin und anderen Transmittern führt. Das verändere unsere Gefühle, mache uns aktiver und bereite die Motorik vor.
Rezept für den richtigen Motivationssong
«Eine mathematische Formel, die für alle Menschen gilt, gibt es nicht», sagt Jäncke. Aber motivierende Lieder haben Gemeinsamkeiten: Meist sind es erregende Stücke mit hohem Tempo, grossen Lautstärkevariationen und eingängigen Melodien, die zum Mitsingen einladen. Entscheidend sei, dass wir den Song kennen und persönlich etwas damit verbinden. Dadurch wird ein grosses Potpourri von Reaktionen in unserem Gehirn ausgelöst.
Wenn man sich wirklich aktivieren muss, etwa vor einem Endspiel oder einem Olympia-Finale, dann brauche es Songs, die das Aktivierungsniveau von einem normalen auf ein höheres Level bringen. «Dafür ist laute Musik mit einem schnellen Rhythmus und Variationen der Lautstärke perfekt geeignet», sagt der Neurowissenschaftler.
Balladen für die Leistungssteigerung
Gerade im Leistungssport gebe es das Phänomen, dass Athletinnen und Athleten in entscheidenden Situationen aufgeregt oder zu stimuliert seien. «Wir wissen aus der Forschung, dass Überaktivierungen zu Leistungseinbussen führen», sagt Hirnforscher Jäncke.
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Bild 1 von 5. Für Franjo von Allmen ist Musik ein wichtiger Teil der Rennvorbereitung. Er hört zum Aufwärmen etwa System Of A Down, Heavy Metal, Hard Techno oder Hard Style bis kurz vor dem Start. Das bringe ihn in gute Stimmung. «Ich kriege Lust darauf, anzugreifen.». Bildquelle: Keystone/Alessandro della Valle.
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Bild 2 von 5. Ob im Training oder vor dem Start – Musik spielt im Leben von Jasmine Flury eine wichtige Rolle. Sie hört Pop querbeet und holte 2023 an den Alpinen Skimeisterschaften in der Abfahrt Gold. Bildquelle: Keysteone/Jean-Christophe Bott.
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Bild 3 von 5. Auch für Corinne Suter ist Musik wichtig. «Musik hilft mir, mich abgrenzen zu können und bei mir zu sein», sagt die Skirennfahrerin. Je nach Stimmung hört sie Rock oder Ländler. Aktuell höre sie viele Schweizer Mundart-Songs. Bildquelle: Keystone/Alessandro della Bella.
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Bild 4 von 5. Der Freiburger Skirennfahrer Alexis Monney hört keine Musik. «Musik macht mich eher unkonzentriert», sagt der 26-Jährige. Bildquelle: Keystone/Jean-Christophe Bott.
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Bild 5 von 5. Malorie Blanc hört viel Musik zur Motivation. Ihr Repertoire sei gross, nur traurige Musik höre sie fast nie, weil das zu schwer sei. «Partymusik ist geil», findet die 22-jährige Walliserin. Bildquelle: Keystone/Jean-Christophe Bott.
Solche Sportlerinnen und Sportler müssen sich beruhigen und fokussieren, um in einen optimalen Zustand zu kommen. In solchen Situationen sei entspannende Musik entscheidend.
Routine versus Abwechslung
Beides hat Vor- und Nachteile, sagt Jäncke. Wer immer den gleichen Song für die Motivation hört, muss nur wenige Takte hören, damit die gewünschte emotionale Reaktion automatisch ausgelöst wird.
«Musik hilft mir, mich von bestimmten Gedanken abzulenken, die vor dem Start aufkommen können.
Der Nachteil sei die Gewöhnung: «Irgendwann verliert selbst ein fantastisches Lied wie ‹We Are The Champions› von Queen seine Kraft», weiss der Neurowissenschaftler Jäncke. Abwechslung kann neue, frische Impulse liefern. Ideal seien, verschiedene Songs für unterschiedliche Ziele im Köcher zu haben – mal eine erregende, mal eine beruhigende Variante.
Warum Skirennfahrer Stefan Rogentin mit einem Zwang brechen musste
Musik ist für Stefan Rogentin ein wichtiger Teil seiner Routine. «Sie hilft mir, mich von bestimmten Gedanken abzulenken, die vor dem Start aufkommen können.» Er hat sich eine Spotify-Playlist mit seinen Lieblingssongs angelegt, die er im Shuffle-Modus laufen lässt. Das Repertoire sei querbeet. Dann kommt einfach, was gerade kommt. Doch das war nicht immer so, sagt Rogentin.
«Ich dachte, ich müsse vor dem Start ein ganz bestimmtes Lied hören, um schnell zu sein». Damit habe er bewusst aufgehört, weil dieses Ritual zum Zwang wurde. Heute pusht er seine Motivation vor dem Rennen mit einer Auswahl von Lieblingsliedern.