Ein Konzert mit den Hosen ist, wie wenn man eine Jugendliebe wieder trifft: Man weiss sofort, warum man damals verknallt war. Erinnert sich aber auch an die Gründe, warum es dann trotzdem Funkstille gab.
Als Teenie segelte ich mit den Toten Hosen «Unter falscher Flagge», zog mit der «Opel-Gang» um die Häuser und begab mich auf den «Kreuzzug ins Glück». Der rumpelige Punkrock der Düsseldorfer roch nach Freiheit und Rebellion – also nach allem, was man sich in den engen Tälern des Berner Oberlands sehnlichst wünschte.
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Bild 1 von 4. Die Toten Hosen 1986 in Berlin: Die Stilpolizei war da eventuell gerade im Urlaub. Bildquelle: Imago / Brigani – Art.
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Bild 2 von 4. 1987 vor der Kreuzberger «Scheissladen», der dem echten Heino gehört. Bildquelle: Imago / Brigani – Art.
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Bild 3 von 4. Die Stilpolizei war offenbar 1993 immer noch im Urlaub. Bildquelle: Imago / Brigani – Art.
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Bild 4 von 4. 1995 spielen die Toten Hosen eine Reihe von Konzerten im Knast, z.B. auch in der Justizvollzuganstalt Düsseldorf. Bildquelle: Imago / Brigani – Art.
Campino war eine Art Pubertätsberater, der einem erklärte, wie die Welt funktionierte und dass man nicht alles kaufen sollte, wo «Kauf mich!» draufsteht. Doch später kam dann die Entfremdung: Songs mit Schlagereinschlag, die an der Belanglosigkeit schrammten oder gar arg auf Bierzelt getrimmt waren. Da ging ich in Pausenmodus.
Faust in die Luft und ab geht's
Und nun also das Wiedersehen im Zürcher Letzigrund. Die Toten Hosen haben mittlerweile 45 Jahre auf dem Bandbuckel. Doch gleich mit dem ersten Song «Opel-Gang» wird klar, dass die sechs nicht die Absicht hegen, den Abend sachte anzugehen oder sich zu benehmen, wie das andere Menschen um die 60 vielleicht tun würden.
Was folgt ist ein wilder Ritt quer durch die insgesamt 16 Studioalben. Die schnellen Songs kommen roh, kantig und mit sehr viel Energie daher. Charmebolzen Campino sputet trotz 30 Grad über die Bühne und weist das Publikum an, dass man jetzt hier bitteschön mal nicht schlapp machen solle wegen der Hitze. «Wir wollen die ganze Hütte springen sehen!»
Kollektive Bierseligkeit
Besagtes Publikum hätte die Aufforderung gar nicht gebraucht. Vor der Bühne übt sich die jüngere Hosen-Fan-Abteilung im wilden Pogo und wenn Campino eine Mitsing-Hymne wie «Steh auf, wenn du am Boden bist» anstimmt, liegen sich 50'000 Menschen im Letzigrund kollektiv in den Armen.
Natürlich gibt’s dann auch ein kleines Bisschen Horrorschau im Set oder anders formuliert: Nummern, bei denen Die Toten Hosen hart am Kitsch- oder Bierzeltwind segeln. Wenn das ganze Stadion «Tage wie diese» mitsingt, oder zu «Zehn kleine Jägermeister» hüpft, wähnt man sich kurzzeitig an einer Schlagerparade.
Doch man verzeiht den Hosen vieles, weil sie trotz des Erfolges nie Starallüren entwickelt haben, sondern sympathisch bodenständig geblieben sind. Das zeigt sich im Letzigrund einmal mehr. Ausserdem haben viele ihrer 3.5-Gitarren-Akkord-Songs mit Mitsing-Chörli etwas bestechend Authentisches.
Bald Schluss mit Live-Konzerten?
Die Toten Hosen haben angekündigt, dass «Trink aus, wir müssen gehen!» ihr letztes Album sein soll. Vielleicht ist also auch bald Schluss mit Live-Konzerten. Aktuell sei zwar noch so viel Sprit im Tank, dass man noch Vollgas geben könne, sagt Campino im Interview mit SRF. «Aber irgendwann wird's auch Zeit, die Karre abzugeben.»
Am Ende des 2.5-stündigen Konzertabends im Letzigrund bleibt die Gewissheit, dass Jugendlieben manchmal ein Wiedersehen verdient haben. Die Hosen-Gang hat den Motor noch mal ordentlich aufheulen lassen. Klar, doch: Die Karre ist mittlerweile etwas in die Jahre gekommen und hat ein paar Rostbeulen. Aber noch fährt sie äusserst zuverlässig. Es wäre schade, sie jetzt schon in die Schrottpresse zu stecken.