«Trink aus – wir müssen gehen» ist das letzte Album der Toten Hosen und umfasst 15 Lieder, die zurückschauen und vorausblicken auf das Ende einer Band, die laut Sänger Campino in erster Linie Dankbarkeit empfindet für all das, was ihr widerfahren ist.
SRF: Campino, weshalb ist die Geschichte der Toten Hosen hier auserzählt?
Campino: Es war ein Bauchgefühl. Vor vielen Jahren haben wir uns gegenseitig versprochen, wenn wir spüren, dass der Tank leer wird, dann wollen wir die Ersten sein, die das erkennen.
Es gibt ein altes Lied von euch: «Das Ende setzen wir uns selbst». Weshalb ist es euch wichtig, dass ihr das Ende nicht an Sachzwänge delegiert, an Krankheit oder Tod?
Man kennt den richtigen Moment nie selbst, aber ich bin überzeugt, dass man besser zu früh geht als zu spät. Es ist unser eigener Anspruch, zu agieren, als zu reagieren.
Auf der Bühne wird es die Toten Hosen weiterhin geben. Am 20. Juni im Zürcher Letzigrund.
Zürich zieht sich durch die Geschichte der Toten Hosen. Von den Anfängen in besetzten Häusern über die Rote Fabrik bis ins Fussballstadion. Wir fühlten uns immer sehr verstanden in der Stadt.
Es gibt nur zwei Arten von Bands. Diejenigen, die aufhören wie die Beatles, und die, die weitermachen wie die Rolling Stones. Werdet ihr endlos touren?
Wir sind auf dem Rückzug. Die Nachspielzeit ist angebrochen. Ich glaube nicht, dass wir bis ins hohe Alter weiterspielen.
Banalisiert das «ewig weitermachen» das eigene, künstlerische Werk?
Glaube ich nicht. Ich mag es auch nicht, wenn sich Leute lustig machen über Bands, die nicht mehr ganz frisch aussehen. Viele Künstler definieren sich über ihre Kunst, es ist ihr Leben. Aber das Modell Rolling Stones wird für uns kaum funktionieren.
Auf eurem Bonus-Album «Alles muss raus» habt ihr 25 Duette mit Weggefährten aufgenommen. Wenige waren so erfolgreich wie ihr. Was waren das für Begegnungen?
Wir treten hier als Fans dieser Musiker auf und unser Lohn waren die Begegnungen mit ihnen. Das sind auch jüngere Bands wie Feine Sahne Fischfilet, welche die Fackel weitertragen. Wolf Biermann ist zu uns in den Proberaum gekommen. Alle Begegnungen waren speziell. Wir machen uns mit diesem Bonus-Album selbst ein Geschenk, während das eigentliche Album die Arbeit war.
Im Streaming-Zeitalter sind selbst Alben wie dieses eher ein Auslaufmodell.
Das gefällt uns natürlich nicht. Es wird zwar mehr Musik gehört als je zuvor, aber in einer Belanglosigkeit wie nie zuvor. Menschen skippen nach drei Sekunden weiter, weil sie nicht mehr bereit sind, sich mit Musik auseinanderzusetzen. Das hat unseren Rückzug auch beeinflusst.
Im Song «Kein Blatt zwischen uns» geht es darum, zusammenzustehen gegen die, die uns spalten wollen. Du singst: «Irgendwann wird man müde, gegen Windmühlen zu kämpfen.» Wann bist du müde?
Immer wieder. Aber ich konnte mich auch immer wieder aufraffen. Wir müssen dagegenhalten. Die Gefahr, dass die AfD in Deutschland die Mehrheit bekommt, ist real.
Welche Wirkungsmacht hat Musik heute noch?
Die Tatsache, dass ein alter Haudegen wie Bruce Springsteen in den USA den Kampf aufnimmt und Trump damit auch wirklich ärgert, zeigt mir, dass Musik noch Kraft hat.
Wir haben uns sehr oft getroffen während eurer langjährigen Bandkarriere. Nun soll tatsächlich Schluss sein. Wie zieht ihr Bilanz?
Mir fallen nur zwei Begriffe ein: Dankbarkeit und Demut. Viele Musiker waren talentierter und besser als wir, hatten einfach weniger Glück. Nichts von unserem Erfolg haben wir in dieser Form verdient. Wir sind beschenkt worden.
Das Gespräch führte Dominic Dillier.