Die «Punks der Schweizer Kindermusik» sind zurück. Seit 20 Jahren beschallt Jägermeister Marius Tschirky mit seiner kultigen Jagdkapelle Kinderstuben quer durchs Land mit borstigem St. Galler-Dialekt. Mit dem Album «Mir sind alles Waldchind» gibt's zum 20-Jährigen Bestehen neue Jagdmusik, obwohl es sich finanziell immer weniger lohnt.
SRF: Im Oktober wirst du 50. Wie altert man würdevoll in einer Branche, in der das Zielpublikum konstant sechs bleibt?
Der Samichlaus ist ja auch alt und bleibt ein Superstar.
Gibt's ein Höchstalter für Kindermusikstars?
Wenn man irgendwann nur noch ein abgerotzter alter Typ ist, der Kinderlieder singt, wird's schwierig. Authentisch bleiben ist das Credo.
Ich wollte nie Kindermusikstar werden. Ich finde zwar toll, dass ich es bin – aber es ist einfach passiert.
Apropos authentisch: Weshalb verkleidet ihr euch eigentlich?
Die Inszenierung lässt mich Grenzen ausloten. Da ich nicht als Tschirky auf der Bühne stehe, kann ich wüst reden und bin freier.
Drehen wir die Zeit zurück. Wieso hast du die Jagdkapelle vor 20 Jahren gegründet?
Ich wollte nie Kindermusikstar werden. Ich finde zwar toll, dass ich es bin – aber es ist einfach passiert.
Wie denn?
Musik mache ich schon lange. Mit fünfzehn spielte ich auf der Sternenbühne am Openair St. Gallen. Damals noch Indie-Rock. Die Band hiess Another Noise. Mitte zwanzig gründete ich als Pädagoge den ersten Waldkindergarten der Schweiz. Nebst «Fuchs du hast die Gans gestohlen» gab's nicht viel Liedgut für Waldkinder, also begann ich selbst, Songs zu schreiben. Kurz darauf steckte ich meine Band in Jägerkostüme und wir fuhren plötzlich Gagen ein.
Die spannende Nische lohnt sich leider immer weniger.
Wie rentabel ist das Kindermusik-Business?
Bis vor Kurzem etwas vom Rentabelsten, das man mit Musik machen konnte. Wir verkauften CDs und spielten Konzerte en masse. Jedes Raiffeisen-Fest braucht schliesslich noch eine Kinderband.
Was hat sich verändert?
Seit alle streamen, werden wir zwar gehört wie noch nie, verdienen aber einfach nichts mehr.
Kannst du das beziffern?
Wenn jemand unser neues Album auf einem Streamingdienst ganz durchhört, kriegen wir 4 Rappen. Ein Satz Gitarrensaiten kostet 25 Franken – diese Rechnung geht nicht mehr auf.
Was verdienst du letztlich mit der Jagdkapelle?
3400 Franken im Monat. Als wir noch CDs verkauften, war es das Doppelte.
War also früher alles besser?
Nein, aber wenn wir eine CD machten, wussten wir, dass wir uns mit den Einnahmen daraus die nächsten Aufnahmen wieder finanzieren können. Heute arbeite ich mir meinen Allerwertesten ab, weil ich jetzt auch Grafiker und Merch-Designer bin, um Geld zu sparen, damit wir Musik machen können.
Ich sang «I bi der Specht und mir isch's schlecht. Oh, je mi ne!» während uns weibliche Europe-Fans in der ersten Reihe ihre Brüste zeigten.
Wie beeinflusst die heutige Streamingkultur die Kindermusik im Allgemeinen?
Ich glaube, sie macht sie schlechter. Nicht weil wir keine guten Ideen mehr hätten, aber man schreibt viel eher seichte «Schallalaa-Schallalii-Songs», in der Hoffnung, damit mehr Klicks zu generieren. Die spannende Nische lohnt sich leider immer weniger.
Für dich ein Grund, bald wieder im Waldkindergarten zu unterrichten?
Nein. Vorerst rege ich mich einfach öffentlich ein wenig darüber auf und mache darauf aufmerksam, wie schief die Lage ist.
Zurück zur Jagdkapelle: Dein unvergesslichster Showeindruck der letzten zwanzig Jahren?
2009 spielten wir vor der Rockband Europe an der Neueröffnung der Berner Eissporthalle PostFinance Arena. Kinder waren keine da, dafür fuhren mehrere Cars mit italienischen Europe-Fans vor. Ich sang «I bi der Specht und mir isch's schlecht. Oh, je mi ne i han so Chopfweh!» während uns weibliche Europe-Fans in der ersten Reihe ihre Brüste zeigten.
Das Gespräch führte Claudio Landolt.