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Musik-Blog Patent Ochsner schreiben keine Songs für Spotify

Darf man 2019 Erwartungen haben an ein Album einer Band, deren Songs längst Schweizer Kulturgut sind? Auf gar keinen Fall darf man das. Man muss. Und so katapultiert mich «Cut Up», welches am 24. Mai 2019 erscheint, in eine Zeit zurück, in der alles so war, wie es für mich richtig schien.

«Cut Up», das zehnte Studio-Album von Patent Ochsner, erscheint am 24. Mai 2019.
Legende: «Cut Up», das zehnte Studio-Album von Patent Ochsner, erscheint am 24. Mai 2019. PD (Ausschnitt aus dem Albumcover)

Ich habe in meinem Leben ein einziges Mal Strassenmusik gemacht. Das war 1991. Ich war 17, wollte «Bälpmoos» jederzeit hören können und hatte gerade kein Geld, mir das Patent Ochsner-Debut «Schlachtplatte» zu kaufen. Ich stellte mich also auf die Strasse und sang mich 32 Franken lang peinlich. Ja liebe Leute. Es gab eine Zeit, da waren Alben mit diesem Preis angeschrieben und ein Päckli Zigis kostete CHF 2.60.

Gregi Sigrist

Gregi Sigrist

Musikjournalist für Pop/Rock von Schweizer Radio und Fernsehen

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Im Musik-Blog schaut er auf, unter und hinter aktuelle Musikthemen und ihre Nebengeräusche.

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Knapp 30 Jahre später kostet Musik nichts mehr und das Verlangen nach ein bisschen Selbstzerstörung die Welt. Wie zum Teufel soll ich mir also 2019 das zehnte Patent Ochsner-Album anhören? Am besten durch eine Prise ehrlichen Selbstbetrug.

Ich betrinke mich ein bisschen. Und zwar zusammen mit einem Streaming-Link der Plattenfirma und den damit verbundenen Songs, die mir die Welt bedeuten sollen. Ich stelle mir vor es gäbe kein Internet, kein Spotify, keine Gratiskultur und bin plötzlich ganz nah am Gefühl, dass dem Wort Besitz wieder eine positive Konnotation verleihen kann. Der Besitz eines Albums. Ein Album? Ja. Eine Handvoll Songs, welche man mit nach Hause bringt oder nimmt und sein Eigen nennt.

Erster Eindruck

Vergesst den ersten Eindruck. «Cut Up» springt euch wahrscheinlich nicht direkt an. Wieso nicht? Weil es sich nicht an die Songwriting-Regeln der Gegenwart hält. «Cut Up» möchte aufgelegt, angehört und als Album wahrgenommen werden. Und dies mit der schwierigen Ausgangslage, dass darauf Songs aus unterschiedlichsten musikalischen Richtungen mit teils weit auseinanderliegenden Ursprungs-Jahrgängen und sehr diversen musikalischen und textlichen Ansätzen aufeinander – oder besser – zueinander treffen.

Die Magnetwirkung der Gegensätze

Sofortige und wohltuende Heimat findet man in Hubers Lebensthemen. Auch auf «Cut Up» spielen aufgewühlte Zwischenräume von sehnsüchtigen Zielvorstellungen eine tragende Rolle. Verreisen, nach Hause kommen, sich verlieren, sich finden, stossen, ziehen, gestossen werden, sich ziehen lassen, gezogen werden – oder wie aus gross klein, aus hell dunkel, aus oben unten usw. und umgekehrt wird – bieten den Songs eine enorme Breite und die Grundlage der Tiefe, die man kaum beim ersten Hören erleben kann.

Klar bleibt bereits beim ersten Hören: Der Texter Büne Huber hat immer noch Flügel und Fühler. Und er benutzt sie mit unglaublicher Sensibilität, Scharfsinn und bestechendem Instinkt.

Die Schönheiten von «Cut Up»

Bevor ich fünf Nummern des Albums herausstreichen möchte, muss ich die Grösse des musikalischen Kosmos der Patent Ochsner-Musiker unterstreichen. Die Leistung der Band ist nicht nur überzeugend. Diese Band, die so ziemlich alles spielen könnte, beweist einmal mehr ihr uneitles Verständnis in punkto Songdienlichkeit. Hier spielen alle für den Song, für die Vision des Songwriters und den Spirit, der das Publikum erreichen soll. Ganz besonders spürbar ist das in meinen Top 5 von «Cut Up»:

  • «Ohni di»

Das Element Of Crime-Cover ist für mich der stärkste Song des Albums. Wie schon bei «Wysses Papier» (auf dem Album «Stella Nera», 1997) macht hier Büne Huber eine Sven-Regener-Komposition zu seiner eigenen. Stark. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Huber in Sachen Song-Adaption kein Routinier ist.

  • «Hüenerhof»

Wie «Füdlifingerfritz» («Liebi, Tod & Tüüfu», 2005) oder «Gummiboum» («Rimini Flashdown Part 2», 2012) ist «Hüenerhof» der Ausreisser des aktuellen Albums. Schmunzelnd denkt man ganz kurz an Züri Wests «Güggu», fühlt sich streckenweise im Groove von Züri Wests «Mojito» und fragt sich dann, ob das vielleicht der erste und einzige Patent Ochsner-Song ist, den auch Kuno Lauener singen könnte.

  • «Für immer uf di»

Es gibt Songs, die brauchen ein Vierteljahrhundert, um den Zustand einer reifen Frucht zu erreichen. So geschehen bei «Für immer uf di», der eine halbe Ewigkeit in Hubers Songköcher steckte. Jetzt haben Patent Ochsner für die Nummer die richtige Form gefunden. Ein Song voll von engagierter Gelassenheit. Der Toast und das Umarmungsstück des Albums.

  • «Dr Zug (fahrt us dr Stadt)»

In der Unaufgeregtheit dieses Songs liegt die Gefahr, dass man durch seine vorhandene Breite den Zugang zur Tiefe verpassen kann. Umso schöner, wenn man sie findet.

  • «Kreis»

Ob sich der Kreis beim Goodbye-Song an Polo Hofer vor allem schliesst oder doch eher öffnet, ist mir noch nicht ganz klar. Klar ist, dass beides schön ist. Und schön ist, wie respektvoll und wertig die musikalischen Referenzen der Rumpelstilz-Nummer «Die gfallene Ängel» in «Kreis» einfliessen.

Keine Zeit mehr für halbe und lauwarme Sachen

Wenn Büne Huber singt, er habe keine Zeit mehr für halbe und lauwarme Sachen, dann unterstreicht das die Haltung, mit welcher Patent Ochsner Musik machen. Kompromisslos. Während sich andere beim Songwriting Gedanken über aktuelle Hörgewohnheiten und Spotify-Mechanismen machen – macht Büne Huber mit seiner Band Musik.

Es sind Songs, die für ihn und die Band jetzt passieren müssen. Was mit ihnen danach passiert, ist zwar alles andere als egal – aber letztendlich doch zweitrangig.

So klingt es, wenn man seine Seele in Popmusik steckt und dabei den Gedanken ausschliesst, an wen man sie eventuell verkaufen könnte.

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