Elvis und der unsittliche Hüftschwung, die Sex Pistols und ihr Anti-Monarchie-Punksong, Gangsta-Rap und die gewaltverherrlichenden Texte: Moralpaniken rund um Popmusik, oft begleitet von juristischem Hickhack, sind so alt wie das Genre selbst – und enden nicht selten mit Freisprüchen.
Die jüngste Band im Zentrum solcher Debatten: Kneecap. Ein Hip-Hop-Trio aus Belfast, das teilweise auf Irisch rappt und seit ihrer Gründung für anhaltende Aufmerksamkeit sorgt. Frühe Songs wurden aus dem Radio verbannt, nach Fanprotesten dann doch gespielt, während ihre pro-irisch-republikanische Haltung und wiederholte Kritik an Grossbritannien dazu führte, dass staatliche Fördergelder erst gesprochen, dann gestrichen und nach einem gewonnenen Gerichtsverfahren erneut ausbezahlt wurden.
Hisbollah-Flagge am Konzert
Besonders brisant wurde es nach einem Konzert in London Ende 2024: Auf der Bühne tauchte eine Flagge der in Grossbritannien als Terrororganisation eingestuften Hisbollah-Miliz auf. Es folgte ein Gerichtsprozess wegen Terrorismusunterstützung.
Die Vorwürfe trafen auf ein ohnehin aufgeheiztes Umfeld. Kneecap hatten sich zuvor bei Konzerten und an Festivals wiederholt solidarisch mit Palästina gezeigt und sich kritisch oder abwertend gegenüber Israel sowie der britischen Regierung und Premier Keir Starmer geäussert. In der Folge wurden Konzerte und eine US-Tour abgesagt, Ungarn verhängte gar ein Einreiseverbot.
Das Verfahren endete im September 2025 mit einem Freispruch aufgrund eines Verfahrensfehlers.
Auf ihrem neuen Album «FENIAN» zeigt die Band diese Ereignisse nun aus ihrer Sicht. Im Song «Carnival» erscheint das Verfahren als überzeichneter Karneval. «Wenn du alles mitverfolgt hast, was im letzten Jahr passiert ist – und dann wird auf dem Album kein einziges Wort darüber verloren, wärst du total enttäuscht», sagt Liam Óg Ó hAnnaidh alias Mo Chara im Gespräch.
Politik als Haltung
Auch der Nahostkonflikt bleibt auf dem neuen Album Thema. Im Track «Palestine», auf dem ebenfalls der palästinensische Rapper Fawzi zu hören ist, wird die umstrittene Parole «From the River to the Sea» paraphrasiert.
Damit bewegen sich Kneecap in einem Spannungsfeld: Denn Popmusik soll politisch sein, ja, aber bitte nicht eindeutig Partei ergreifen.
In Interviews verteidigt die Band ihr Engagement als Teil einer irischen Tradition, aus ihrer Sicht Unterdrückte zu unterstützen. «Wir sagen nicht, dass jedes einzelne politische Thema von jedem Artist aufgegriffen werden muss», so Mo Chara. «Aber es liegt nicht in unserer Natur als Iren, schweigend zuzusehen, wie diese Dinge geschehen.» Das sei auch der Grund, weshalb Kneecap in der Palästinafrage so klar Partei ergreifen.
Provokation als Selbstverständnis
«Fenian» – ein abwertender Begriff für Iren, den sich die Band nun aneignet – bleibt auch sonst konfrontativ. Kneecap positionieren sich klar – u. a. gegen Keir Starmer – und dürften ihr Label als Provokateure behalten.
Es ist in Ordnung, sich beleidigt zu fühlen. Und es ist in Ordnung, zu provozieren.
«Wir tun genau das, was wir für richtig halten», unterstreicht Mo Chara. Dass das nicht allen gefällt, sei ihnen bewusst: «Kontroversen sind nun mal subjektiv. Es ist in Ordnung, sich beleidigt zu fühlen. Und es ist in Ordnung, zu provozieren. Solange es geschmackvoll geschieht.»
Doch wo genau die Grenze zur Geschmacklosigkeit verläuft, scheint dabei weniger klar als die Debatte darüber.