Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Neues Album und Konzert Wie Morrissey vom Poeten zum Hassprediger wurde

Als Sänger der englischen Kultband «The Smiths» wurde er zur britischen Musik-Ikone. In den letzten Jahren irritierte er viele seiner Fans mit rassistischen Aussagen. Heute erscheint sein mit Verschwörungstheorien gespicktes, neues Album. Am Samstag spielt er live in Zürich.

Genau betrachtet, ist der Weg von Steven Patrick Morrissey, diesem melancholischen Poeten der Aussenseiter und Sonderlinge zum verbitterten Wutbürger, gar nicht so ungewöhnlich. Schon seine frühen Songs mit den Smiths trugen eine grosse Portion Groll in sich. Er hat sich auch schon in jungen Jahren rassistisch geäussert: «Ich hasse Pakistaner nicht, aber ich mag sie überhaupt nicht», sagte er zu Beginn seiner Karriere als Sänger.

Person singt in ein Mikrofon auf der Bühne.
Legende: Morrissey bei einem Auftritt 2014 in Rom. Keystone

Vom Tierrechtsaktivisten zum Rassisten

Parallel zu Morrisseys Aktivismus für Tierrechte in den frühen 80ern, aus dem auch das Smiths-Album «Meat is Murder» entstand, bekamen seine Aussagen einen immer giftigeren Charakter. Zum Umgang der chinesischen Bevölkerung mit Tieren äusserte er den Satz: «Die Chinesen sind eindeutig eine Unterart.»

Einsatz für Tierrechte: Morrissey auf einer amerikanischen Briefmarke
Legende: Einsatz für Tierrechte: Morrissey auf einer amerikanischen Briefmarke. Imago/Capital Pictures

Auch seine Tirade gegen eine englische Musikshow irritierte. «Offensichtlich muss man heutzutage per Gesetz schwarz sein, um zu ‹Top of the Pops› zu kommen», sagte er in einem Interview mit dem Musikmagazin «Melody Maker».

Nationalismus als Konstante

Später kamen Aussagen dazu wie «England den Engländern» und Hitler sei ein Linker gewesen. Auch bekannt ist sein Hass auf Londons Bürgermeister Sadiq Khan, der indischer Abstammung ist und deshalb mitschuldig am von Ausländern geprägten Strassenbild Londons.

Nationalismus war immer schon Teil von Morrisseys Geschichte.

Scharfsinniger Beobachter

Trotz all der unappetitlichen Dinge, die er in den letzten Jahren äusserte und für die er sich einsetzt, war Morrissey auch einer der grössten Sänger seiner Generation.

Als Frontmann der Smiths war er ein Künstler von tiefgründigem Witz und scharfsinniger Beobachtungsgabe. Einer, der ein besonderes Talent dafür besass, Gefühle von unerwiderter Liebe, sozialer Ausgrenzung und Entfremdung in melancholische Songs zu verpacken.

The Smiths im Kurzportrait

Box aufklappen Box zuklappen
The Smiths mit Morrissey (2.v.l) und Johnny Marr (2.v.r.)
Legende: The Smiths mit Morrissey (2.v.l) und Johnny Marr (2.v.r.) Imago/Paul Cox

Gemeinsam mit dem Gitarristen Johnny Marr gründete Morrissey 1982 in Manchester The Smiths. Diese wurden zu einer der prägenden Rockbands der 80er-Jahre. Allerdings nur für kurze Zeit: Mit Marr überwarf sich Morrissey schon früh, auch wegen politischer Differenzen. 1987 lösten sich die Smiths auf und Morrissey lancierte eine wechselhafte, aber erfolgreiche Solokarriere.

Künstler und Werk trennen

Viele seiner früheren Fans haben sich inzwischen von ihm abgewandt. Aber nicht alle. Auch bei Morrissey gilt, was in der jüngsten Vergangenheit bei Rammsteins Till Lindemann oder Marilyn Manson zu beobachten war. Viele Leute interessieren sich nur begrenzt für private Verwerfungen oder politische Positionen ihrer Idole.

Sie trennen den Künstler von seinem Werk. Morrisseys Konzert am Samstag, 7. März in Zürich ist beinahe ausverkauft. An seinem neuen Album kann es nicht liegen. Denn dieses ist allerhöchstens Mittelmass: steriler Sound, plumpe Texte, gespickt mit Verschwörungstheorien.

Plumpe Songs und Verschwörungstheorien

Im Song «Notre Dame» greift Morrissey die Theorie auf, die von rechtsradikalen Kreisen schon kurz nach dem Brand des Pariser Wahrzeichens 2019 in die Welt gesetzt wurde. Dass (muslimische) Terroristen dieses abendländische Kulturdenkmal in Brand gesteckt haben, obwohl die Ermittlungen keine Hinweise auf Brandstiftung ergaben.

«Notre Dame, we know who tried to kill you», singt er. Die Textzeile «Before investigations they said, ‹It's not terrorism›» (vor den Ermittlungen sagten sie, es sei kein Terrorismus) hat er inzwischen geändert.

Morrissey ist nicht nur ein verbitterter, älterer Mann. Er ist musikalisch wie textlich irrelevant geworden.

Radio SRF 3, 6.3.2025, 15.40 Uhr

Meistgelesene Artikel