Genau betrachtet, ist der Weg von Steven Patrick Morrissey, diesem melancholischen Poeten der Aussenseiter und Sonderlinge zum verbitterten Wutbürger, gar nicht so ungewöhnlich. Schon seine frühen Songs mit den Smiths trugen eine grosse Portion Groll in sich. Er hat sich auch schon in jungen Jahren rassistisch geäussert: «Ich hasse Pakistaner nicht, aber ich mag sie überhaupt nicht», sagte er zu Beginn seiner Karriere als Sänger.
Vom Tierrechtsaktivisten zum Rassisten
Parallel zu Morrisseys Aktivismus für Tierrechte in den frühen 80ern, aus dem auch das Smiths-Album «Meat is Murder» entstand, bekamen seine Aussagen einen immer giftigeren Charakter. Zum Umgang der chinesischen Bevölkerung mit Tieren äusserte er den Satz: «Die Chinesen sind eindeutig eine Unterart.»
Auch seine Tirade gegen eine englische Musikshow irritierte. «Offensichtlich muss man heutzutage per Gesetz schwarz sein, um zu ‹Top of the Pops› zu kommen», sagte er in einem Interview mit dem Musikmagazin «Melody Maker».
Nationalismus als Konstante
Später kamen Aussagen dazu wie «England den Engländern» und Hitler sei ein Linker gewesen. Auch bekannt ist sein Hass auf Londons Bürgermeister Sadiq Khan, der indischer Abstammung ist und deshalb mitschuldig am von Ausländern geprägten Strassenbild Londons.
Nationalismus war immer schon Teil von Morrisseys Geschichte.
Scharfsinniger Beobachter
Trotz all der unappetitlichen Dinge, die er in den letzten Jahren äusserte und für die er sich einsetzt, war Morrissey auch einer der grössten Sänger seiner Generation.
Als Frontmann der Smiths war er ein Künstler von tiefgründigem Witz und scharfsinniger Beobachtungsgabe. Einer, der ein besonderes Talent dafür besass, Gefühle von unerwiderter Liebe, sozialer Ausgrenzung und Entfremdung in melancholische Songs zu verpacken.
Künstler und Werk trennen
Viele seiner früheren Fans haben sich inzwischen von ihm abgewandt. Aber nicht alle. Auch bei Morrissey gilt, was in der jüngsten Vergangenheit bei Rammsteins Till Lindemann oder Marilyn Manson zu beobachten war. Viele Leute interessieren sich nur begrenzt für private Verwerfungen oder politische Positionen ihrer Idole.
Sie trennen den Künstler von seinem Werk. Morrisseys Konzert am Samstag, 7. März in Zürich ist beinahe ausverkauft. An seinem neuen Album kann es nicht liegen. Denn dieses ist allerhöchstens Mittelmass: steriler Sound, plumpe Texte, gespickt mit Verschwörungstheorien.
Plumpe Songs und Verschwörungstheorien
Im Song «Notre Dame» greift Morrissey die Theorie auf, die von rechtsradikalen Kreisen schon kurz nach dem Brand des Pariser Wahrzeichens 2019 in die Welt gesetzt wurde. Dass (muslimische) Terroristen dieses abendländische Kulturdenkmal in Brand gesteckt haben, obwohl die Ermittlungen keine Hinweise auf Brandstiftung ergaben.
«Notre Dame, we know who tried to kill you», singt er. Die Textzeile «Before investigations they said, ‹It's not terrorism›» (vor den Ermittlungen sagten sie, es sei kein Terrorismus) hat er inzwischen geändert.
Morrissey ist nicht nur ein verbitterter, älterer Mann. Er ist musikalisch wie textlich irrelevant geworden.