Was ist Dark Tourism? «Es ist der Tourismus, der mit dem Tod zu tun hat», sagt Tourismusforscher Rafael Matos-Wasem, der mehrere Artikel zum Phänomen publiziert hat. Die Vielfalt der Destinationen ist breit – und das «Dark» in Dark Tourism ist nicht immer gleich dunkel: «Friedhöfe zu besuchen ist hellgrau. Ein Besuch in Fukushima ist dunkler. Richtig schwarz sind Reisen an aktuelle Kriegsfronten.» Doch Dark Tourism ist kein geschützter Begriff. Kulturanthropologe Konrad Kuhn von der Universität Basel wählt eine engere Definition. «Es geht um historische Orte, nicht um gegenwärtige Krisenherde.» Beispiele für Dark-Tourism-Destinationen sind für ihn die archäologische Stätte von Pompeji oder die Schlachtfelder der Weltkriege.
Ist Dark Tourism ein neues Phänomen? Das Konzept taucht in der Forschung zwar erst 1996 auf, doch das Phänomen ist viel älter. «Denken Sie an Gladiatorenkämpfe oder an öffentliche Hinrichtungen. Die lockten Menschen an», sagt Matos-Wasem. Auch die Grabstätten von Helden und Heiligen seien immer beliebte Reiseziele gewesen. Und Schlachtfelder: «Bei der Napoleons Schlacht in Waterloo 1815 gab es schon sogenannte ‹War-Watchers›. Sie bezahlten dafür, das Gemetzel aus sicherer Entfernung zu beobachten.» Ein weiteres Beispiel: «Bereits 1917, inmitten des ersten Weltkriegs, publizierte Michelin einen ersten Reiseführer zu Kriegsschauplätzen und zerstörten Dörfern in Frankreich.»
Was sind die Motive der Reisenden? Vom Adrenalinkick bis zur Freude am Gruseln gebe es allerlei Motive, sagt Rafael Matos-Wasem. «Im Allgemeinen kann man sagen, dass da eine Faszination für den Tod ist. Der ist zwar ein Tabuthema, aber er verursacht dennoch starke Emotionen und ein Interesse.» Konrad Kuhn hingegen hält diese Todes-Sehnsucht für keine weiterführende Begründung. Er hat Kommentare auf Reiseplattformen analysiert. Es gehe oft um ein Gedenken. «Oft ist es eine diffus ausgedruckte ethische Verantwortung gegenüber dem Reiseland. Dass man sich nicht nur schöne Dinge anschauen sollte. Die Auseinandersetzung mit dem Krieg sei wichtig, um den Frieden und die Demokratie zu schätzen.»
Ethische Fragen: Es gebe viele ethische Fragen, die man sich stellen könne. Was ist ok, was nicht? Vieles hänge von der Einstellung der Personen ab, findet Matos-Wasem. «Möchte man sich nur amüsieren, handelt es sich um puren Voyeurismus? Oder möchte man nachdenken, was tatsächlich passiert ist, bei der Schoah zum Beispiel?» Ein Argument in der Beurteilung sei immer die historische Distanz. Heikler ist es, wenn es noch Direktbetroffene gibt.
Spannungsfelder vor Ort: Konrad Kuhn erwähnt zwei mögliche Spannungsfelder. Erstens, unser Verhalten: «Glace schlecken? Selfies schiessen? An Dark-Tourism-Destinationen sollten wir uns nicht wie am Strand verhalten.» Zweitens stelle sich die Frage, wohin das Geld fliesse. «Tourismus ist kommerziell. Millionen von Gästen müssen übernachten und essen. Ist es moralisch und ethisch vertretbar, mit toten Soldaten Geld zu verdienen?»