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Reisegrund Gletscherschwund Noch einmal das Eis sehen: Die Folgen von «Last Chance Tourism»

Das Verschwinden der Gletscher ist zu einem Absatzmarkt für die Reisebranche geworden. Die Folgen sind weitreichend.

Das ist «Last-Chance-Tourismus»: Massenhaft Menschen wollen die Gletscher noch sehen, bevor diese aufgrund der Erwärmung ganz verschwinden. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Lausanne beschreibt dieses Verhalten in der Fachzeitschrift «Nature Climate Change». Jährlich besuchen über 14 Millionen Personen die zehn bekanntesten Gletscherstandorte weltweit. «Das Bewusstsein für den Klimawandel hat Gletscher als Touristenattraktion in einem Ausmass befördert, wie es Jahrhunderte des Tourismus nie getan haben», schreiben die Forschenden.

Menschen auf einer Aussichtsplattform in den Alpen. Sie betrachten den Aletschgletscher im Sommer.
Legende: Der Aletschgletscher erstreckt sich vom Berner Oberland bis ins Wallis und gehört zu den Hotspots des «Last-Chance-Tourismus». Er ist der längste Gletscher der Alpen. keystone / Anthony Anex

Der Teufelskreis: Die Forschenden warnen davor, dass die Gletscher von den Besuchermassen «zu Tode geliebt» werden könnten. Das gesteigerte Interesse führe zu einer schnelleren Zerstörung der Eislandschaften. Wenn das Eis an einem Ort geschmolzen sei, ziehe der Tourismusstrom zum nächsten angesagten Ziel weiter. Während früher vor allem die Schönheit im Fokus stand, dienen heute Infotafeln vor Ort oft der Aufklärung über den rasanten Rückzug der Eismassen.

Die Infrastruktur: Um den Tourismusbetrieb trotz Schmelze aufrechtzuerhalten, greift die Branche zu technischen Anpassungen. Neue Stege, Treppen und Seilbahnen sowie Helikopterflüge ermöglichen weiterhin den Zugang zum schwindenden Eis. Gleichzeitig wird versucht, die Schmelze künstlich zu bremsen. Zum Einsatz kommen etwa Geotextilien zum Abdecken der Gletscherzungen oder das sogenannte «Snowfarming», bei dem Schnee über den Winter für die Nutzung im Sommer konserviert wird.

Kritische Folgen: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnen vor Fehlanpassungen, die kurzfristig helfen können, langfristig aber neue Umweltprobleme verursachen würden. Die verwendeten Abdeckvliese könnten zur Verschmutzung durch Mikroplastik führen, während Helikopterflüge den CO₂-Fussabdruck weiter vergrösserten. Die Forschenden kritisieren, dass solche profitorientierten Lösungen die eigentlichen Ursachen des Klimawandels nicht anpacken würden. Zudem würden oft externe Akteure von den Gewinnen profitieren, während lokale Gemeinschaften die ökologischen Risiken tragen müssten.

Gletscher als Klimasymbole: Neben den ökologischen Risiken löse die Konfrontation mit schwindenden Gletschern bei vielen Menschen starke Emotionen aus, schreiben die Forscherinnen und Forscher. Sie betonen, dass sich Gletscher auf globaler Ebene zu starken politischen Symbolen für den Klimaschutz entwickelten. Als Beispiele werden etwa die «Gletscher-Initiative» in der Schweiz oder eine Petition in Indien genannt, die ein Kletterverbot an einem Berg durchsetzte. Der Verlust solcher Landschaften führe auch zu ökologischer Trauer. In der Schweiz, Island und anderen Staaten sei es zu rituellen «Gletscher-Beerdigungen» gekommen.

Forderungen aus der Wissenschaft: Es sei unklar, ob das Bewusstsein um die schwindenden Gletscher dauerhaft zu umweltfreundlicherem Verhalten führe. Die Entwicklung des Gletschertourismus müsse sorgfältig beobachtet werden. Darüber hinaus brauche es mehr Forschung, um gerechte und nachhaltige Lösungen für betroffene Regionen zu finden.

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Regionaljournal Zentralschweiz, 6.1.2026, 12 Uhr ; 

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