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DOK Das schwierige Verhältnis der Schweiz zu Carl Lutz

Carl Lutz rettete während des 2. Weltkriegs Zehntausende von ungarischen Juden vor dem sicheren Tod. Zurück in der Schweiz erwartete ihn statt Dank eine Rüge wegen Kompetenzüberschreitung. Warum tut sich die Schweiz so schwer mit Persönlichkeiten, die ihrem Gewissen statt ihrem Pflichtenheft folgen?

Legende: Video Die grosse Enttäuschung abspielen. Laufzeit 01:27 Minuten.
Aus DOK vom 28.08.2014.

Car Lutz' humanitäre Aktion gilt als grösste zivile Rettungsaktion für Juden während des Holocausts. Der eher ängstlich und schwächlich veranlagte Lutz riskiert während seiner Schutzaktion mehrmals sein Leben, indem er und seine Frau Gertrud sich zwischen bedrohte Juden und ihre faschistischen Häscher stellen.

Anerkennung nur im Ausland

Während seiner Rettungsaktion verliebt sich der verheiratete Vize-Konsul zudem in die junge Jüdin Magda Grausz, eine seiner Schutzbefohlenen. Nach Kriegsende lässt er sich scheiden, heiratet in Budapest Magda und zieht mit seiner zweiten Frau und deren Tochter nach Bern. Statt des Danks der Heimat erwartet ihn dort eine Rüge wegen Kompetenzüberschreitung und Spesenrittertums. Lutz’ Berichte über seine Rettungsaktion werden von seinen Vorgesetzten ignoriert, er selbst wird in subalterne Stellung im Aussenministerium abgeschoben.

Im Ausland wird Lutz’ Leistung dagegen schnell anerkannt. Israel ernennt ihn als ersten Schweizer zu einem «Gerechten unter den Völkern», die Bundesrepublik Deutschland verleiht ihm ihre höchste Auszeichnung, das Grosse Bundesverdienstkreuz, die Vereinigten Staaten ehren ihn bereits drei Jahre nach dem Krieg mit der «Liberty Medal» für besonderen Mut. In der Schweiz wird Lutz zu Lebzeiten jede offizielle Anerkennung versagt bleiben. Mit einer Ausnahme: 1963 ernennt ihn seine Heimatgemeinde Walzenhausen in Appenzell Ausserrhoden zu ihrem Ehrenbürger.

Verbittert und und enttäuscht

Die fehlende Anerkennung in seiner Heimat wird tragischerweise zur eigentlichen
Obsession des «späten» Carl Lutz. Bis zu seinem Tod wird er verbittert und vergeblich für seine «Rehabilitierung» kämpfen. Über Mittelsmänner versucht er, sich anfang der Siebzigerjahre sogar für den Friedensnobelpreis vorschlagen zu lassen. Vergeblich. 1975 stirbt Lutz einsam und unversöhnt mit jener Heimat, die ihm so wichtig war.

Erst 1995, zwanzig Jahre nach seinem Tod, wird Carl Lutz zusammen mit dem St.Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger von Parlament und Bundesrat offiziell «rehabilitiert». Wohl nicht zufällig in jenem Moment, in dem die Schweiz international in die Kritik wegen der sogenannt nachrichtenlosen jüdischen Vermögen auf Schweizer Bankkonti geraten war. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, in dem sich auch die offizielle Schweiz gerne «ihrer» Helden erinnerte, die in einem Akt der Zivilcourage ihrem Gewissen mehr Gewicht als der sturen Pflichterfüllung gegeben hatten.

Zum Autor

Daniel von Aarburg

Daniel von Aarburg arbeitet als Redaktor, Produzent und Autor auf der Kulturredaktion des Schweizer Fernsehens. Seit 2000 ist er freischaffender Filmemacher.

2 Kommentare

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  • Kommentar von andreas furrer, prilly
    mir hinterliess der film einen zwiespältigen eindruck. ich habe auch nicht recht verstanden, was lutz betroffen machte in palästina (dass die juden dort nicht willkommen waren von der ortsansässigen bevölkerung?). hier die kultivierten juden (die noch schnell strawinsky reinziehen), dort die primitiv steinewerfenden palästinenser. interessant sind die bilder alleweil (jene aus den bädern z.b.), ihre montage (inkl. der tonspur) überzeugt weniger.
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  • Kommentar von Eric Cerf, Basel
    Hr. Lutz&Grüninger folgten im Weltkreg zwo nur ihrem Gewissen und nicht den engherzigen Vorschrften aus Bern.Die Folgen: bestraft und ausgestossen, weil ein menschliches Gewissen in Bern nie zählte. Hr. Grüninger wurde "armengnössig" wie damals die Soz.Hilfe hiess.Erst vor rund zwölf Jahren setzte das Umdenken in BE/SG ein, die Bankenkrise um verschollene jüdische Gelder erzwang einen anderen, gerechteren Blickwinkel um die damaligen Ereignisse.
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