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«Der Reiz am Gamen ist die klare Rollenverteilung.»
Aus DOK vom 12.03.2020.
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Computerspielsucht Gamen bis zum Umfallen

Online-Gamen ist ein Volkssport – drei von vier Jugendlichen in der Schweiz zocken laut wissenschaftlichen Erhebungen mindestens eine Stunde täglich. Bei Liby L. waren es am Ende 20 Stunden pro Tag.

Gescheitert beim Berufseinstieg oder an anderen Hindernissen im Leben verbarrikadieren sich unzählige, zumeist jugendliche Männer im digitalen Universum von Computerspielen. Gamesucht ist eine schleichende Krankheit. Wer darunter leidet, versucht dies zu verbergen. Nicht zuletzt vor sich selbst.

Gamen während 20 Stunden am Tag

So einzigartig Libys persönliche Suchtgeschichte ist, so symptomatisch sind doch die Folgen seiner Krankheit. Fast zehn Jahre lang war Liby L. bis zu zwanzig Stunden täglich am Gamen. Zuletzt konnte er sich praktisch nicht mehr bewegen und war kaum noch zu realem zwischenmenschlichem Kontakt fähig.

Gamsüchtiger Mann spielt am Computer
Legende: Seine Gamesucht führte Libby in die totale Isolation. SRF
Ich habe mich mehr und mehr ins Gamen geflüchtet. Und je mehr ich mich abgeschottet habe, desto fremder bin ich mir vorgekommen.
Autor: Liby L.Gamesüchtiger

Liby L. hat einen besonders weiten Weg in die soziale Isolation und wieder zurück hinter sich. Und er ist noch immer nicht am Ende seiner Reise.

Verwahrlosung vor dem Computer

Schon während seiner schwierigen Kindheit und Jugend hatte sich Liby von der Welt zunehmend abgekapselt. Vom dominierenden Vater erfuhr er keinerlei Wertschätzung, in der Familie fühlte er sich stark isoliert.

«Ich habe mich mehr und mehr ins Gamen geflüchtet. Und je mehr ich mich abgeschottet habe, desto fremder bin ich mir vorgekommen», erzählt er. Schliesslich begann er eine Lehre und brach nach schweren Konflikten den Kontakt zu seiner Familie ab.

Mein richtiges Ich gab es damals eigentlich nicht mehr. Ich war gewissermassen die Spielfigur.
Autor: Liby L.Gamesüchtiger

Nach der Ausbildung brachen weitere soziale Beziehungen ab und das Gamen am Computer wurde immer intensiver. Der 20-Jährige vegetierte in einem vom Sozialamt finanzierten Zimmer vor sich hin. Er ernährte sich von Chips und Cola, wusch sich kaum noch, wog fast 150 Kilogramm und machte wochenlang keinen Schritt mehr vor die Tür.

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«Meine sozialen Kontakte beschränkten sich auf die Sozialarbeiterin.»
Aus DOK vom 12.03.2020.
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«Mein richtiges Ich gab es damals eigentlich nicht mehr. Ich war gewissermassen die Spielfigur. Und als Spielfigur hatte ich alle meine Probleme nicht, ich war nicht übergewichtig, ich konnte mich bewegen – all das, was ich im richtigen Leben nicht mehr konnte», erinnert sich Liby an diese finstere Zeit, die etwa fünf Jahre dauerte.

Neue Chance auf dem Bauernhof

Irgendwann wurde er von der Sozialarbeiterin in seiner desolaten Mansarde aufgesucht. Angesichts der totalen Verwahrlosung zog sie die Notbremse und entschloss sich zu handeln. Zu diesem Zeitpunkt drohte Liby ständig zu kollabieren und konnte kaum noch normal sprechen.

Wie sagt man jemandem Hallo, wann gibt man jemandem die Hand, all diese Dinge musste ich ganz neu lernen.
Autor: Liby L.Gamesüchtiger

Durch das «Projekt Alp» kam Liby auf einen Bauernhof im Berner Oberland und wurde einem radikalen Entzug unterworfen. Erst hier merkte er, wie weit er sich von der «terrestrischen» Welt über all die Jahre entfernt hat.

Normales Sozialverhalten musste er von Grund auf neu lernen. «Wie sagt man jemandem Hallo, wann gibt man jemandem die Hand, all diese Dinge musste ich ganz neu lernen», erinnert er sich.

Hier lebt Liby noch heute, findet neuen Familienanschluss und erlebt womöglich zum ersten Mal wirklich, wie es ist, akzeptiert zu werden. «Zuerst dachte ich, ja den müssen wir jetzt einfach mal ein bisschen waschen und zurechtmachen, dann kommt das schon wieder gut», erinnert sich Bäuerin und Gastmutter Sandra Reusser.

Erst mit der Zeit wurde ihr klar, was für massive Probleme und Defizite der junge Mann hatte. «Er fand keinerlei Zugang zu seinen Gefühlen. Man wusste nie, ob er jetzt fröhlich war oder traurig. Sogar bei einer Beerdigung hatte er beim Kondolieren ein Lächeln im Gesicht», berichtet Sandra Reusser, die sich seiner wie eine Mutter annahm.

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Sandra Reusser: «Am Anfang konnten wir Libbys Mimik nicht deuten.»
Aus DOK vom 12.03.2020.
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Der lange Weg aus der Gamesucht

Doch auch in der neuen Umgebung machen sich immer wieder seine über die Jahre angelernten Vermeidungsstrategien bemerkbar. «Ich erzähle den Leuten, was sie hören wollen, dann lassen sie mich in Ruhe», gibt Liby zu.

So kommt es auch auf dem Bauernhof immer mal wieder zu Konflikten. Die Gefahr, wieder in alte Muster abzurutschen, scheint auch fünf Jahre nach dem radikalen Wendepunkt, nicht restlos gebannt.

Liby gibt schliesslich auch zu, dass er auf seinem Handy wieder öfters am Gamen sei. Niemals vergleichbar mit früher, aber es sind doch immer noch die gleichen Reflexe, die ihn zum Spiel treiben. Nach einigen tiefschürfenden Erlebnissen ist Liby L. schliesslich bereit, sich in der Suchtklinik Selhofen in stationäre Behandlung zu begeben.

Sandra Reusser, Libys Gastmutter fasst es so zusammen: «Libys Psychologe sagte uns einmal, die Genesung gehe doppelt so lange wie der Absturz. Wenn wir davon ausgehen, dass Libys Probleme anfingen als er 10-jährig war – mit 24 Jahren kam er zu uns…Ja, dann geht es noch einen Moment, bis er wieder wirklich gesund ist.»

In der Klinik Selhofen in Burgdorf ist eine Medien-Abstinenz während mindestens eines Monats vorgesehen, unter anderem um zu lernen, in der realen Welt wieder etwas mit sich anzufangen.

SRF sprach mit Angelika Schneider, Psychologin und Leiterin des Programms «log-in» der Klinik Selhofen zur Behandlung von Menschen mit Medien- und Onlinesucht.

SRF: Viele Menschen – gerade Jugendliche – gamen sehr häufig. Ab wann spricht man von einer Sucht?

Angelika Schneider: Gamesucht lässt sich nicht an der dafür investierten, aktiven «Gaming-Zeit» festmachen. Die Betroffenen sind durch ihr starkes Verlangen, sich ständig mit dem Gamen zu beschäftigen, absorbiert. Es kommt zum Kontrollverlust über ihren Alltag.

Sie erleiden einen Leistungseinbruch im Job oder in der Schule, ziehen sich zunehmend zurück und sind trotz negativer Konsequenzen nicht mehr in der Lage, ihren Game-Konsum einzuschränken. Kennzeichnend für einen typischen Suchtverlauf ist auch die zunehmende Toleranzentwicklung. Das heisst, am Anfang kann das im Game implementierte Belohnungssystem dem Spielenden relativ rasch Erfolg und Befriedigung verschaffen, doch schon bald reicht ihm dies nicht mehr aus. Es bedarf einer stärkeren «Spiel-Dosis», um das ursprüngliche Befriedigungslevel zu erreichen.

Welche Ursachen können hinter einer Gamesucht stecken?

Die Konflikte liegen oft tiefer, sodass das Gamen eher eine Flucht darstellt, eine Möglichkeit, ursprüngliche seelische Verletzungen zu überdecken. Diese können Gefühle der Einsamkeit beinhalten, eine schlimme Mobbing-Erfahrung oder familiäre Konflikte, aber auch psychische Erkrankungen wie ADHS oder Depressionen, denen man so auszuweichen versucht.

Für Menschen, die im realen Leben Kontakt-Schwierigkeiten haben oder nicht genügend Halt und Wertschätzung erfahren, kann das Gamen besonders attraktiv sein. Für sie ist es auf diesem indirekten Weg einfacher, alles unter Kontrolle zu halten und sich zum Beispiel durch eine Spielfigur eine Identität zu erschaffen, die sie im realen Leben nicht haben.

Wie sehen Behandlungsmöglichkeiten aus?

Eine erfolgreiche Therapie ist ein Prozess, der Zeit braucht und davon abhängt, ob an dem gearbeitet werden kann, wovon die betroffene Person in der realen Welt zu flüchten versucht. Grundvoraussetzung ist auch, dass beim Betroffenen eine gewisse Einsicht vorhanden ist, dass im eigenen Verhalten etwas nicht stimmt.

Gerade bei jugendlichen Gamesüchtigen sind es oft die Erwachsenen, die etwas verändern wollen an der Situation. Aber es ist wichtig, auch die Jugendlichen selbst ins Boot zu holen.

Dann geht es auch um die Frage, ob ambulante Begleitung reicht oder ein stationärer Aufenthalt nötig ist. Bei uns in der Klinik Selhofen ist eine Medien-Abstinenz während mindestens eines Monats vorgesehen, unter anderem um zu lernen, in der realen Welt wieder etwas mit sich anzufangen. Psychoedukation ist dabei wichtig, also die schrittweise, systematische Vermittlung von Wissen über die Sucht. Sehr hilfreich kann auch die Gruppentherapie sein, weil im Austausch mit anderen Betroffenen erkannt werden kann, dass man nicht alleine ist mit den Schwierigkeiten.

Ist nach erfolgreichem Entzug wieder ein kontrollierter Umgang mit Online-Medien oder gar Games möglich?

In unserer heutigen Lebenswelt ist die völlige Abstinenz von Online-Medien praktisch unmöglich. Es gilt, einen guten, kontrollierten Umgang damit zu finden. Dazu gibt es ein schlüssiges Ampel-Modell, auf das sich Betroffene beziehen können: Der rote Bereich umfasst beispielsweise Games, die im Mittelpunkt des Suchtverhaltens gestanden haben. Weniger zentrale Online-Games, Offline Games oder vielleicht die sozialen Medien, können dann der orangen Ampelschaltung zugeordnet werden und bedürfen besonderer Aufmerksamkeit und Vorsicht, während sich Tätigkeiten wie E-Mail-Schreiben für den Patienten womöglich im grünen, also harmlosen Bereich, befinden.

Den richtigen Umgang mit Online-Medien zu finden, ist sicherlich etwas, das uns alle betrifft, nicht nur die unmittelbar von Gamesucht Betroffenen. Und dabei kommen auch immer wieder neue Fragen auf uns zu, gerade wenn wir an Phänomene wie den E-Sport-Bereich denken, in den zur Zeit Milliarden investiert werden.

7 Kommentare

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  • Kommentar von Irtimid Wonnoque  (Irtimid W.)
    Zur Umfrage: nie. Und das schon seit gut 10 Jahren.
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  • Kommentar von Christian Ammann  (staibogg)
    Sehr spannender und berührender Film, allerdings meines Erachtens mit einem völlig falschen Titel. Das "Gamen" ist in diesem Fall wahrscheinlich nur ein Symptom. Denn wer von seinem Vater gesagt bekommt, er werde ihn erschiessen, wenn er nicht gehe, leidet bestimmt unglaublich. Ausserdem können wir nur, oder überhaupt nicht, erahnen, was davor alles gewesen sein muss, damit es so weit kommen konnte.
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  • Kommentar von Franz Albin  (Redbandit)
    Ich bestreite nicht, dass es Spiel(Game)süchtige gibt, jedoch ist diese DOK nicht repräsentativ. Vor allem jedoch wird in diesem, vom Steuer- respektive Serafezahler finanzierten DOK ein völlig überzogenes Bild wiedergegeben.
    Fälle wie Libbi sind wohl eher der Einzelfall. Er spielt nur sogenannte Rollenspiele wie WoW, Herr der Ringe online etc.
    Nicht berücksichtigt werden in diesem DOK Gamer welche Ego-Shooter, Strategiespiele und nicht Rollenspielbasierte Spiele, auch jassen, spielen.
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