«Vamos, vamos – eins, zwei, drei mehr!» Die Stimme von Fufu schallt durch den Raum. Nicole Schmid hat ihre beiden Kinder gerade erst in die Kita gebracht. Jetzt schwitzt sie im Gym, angeleitet von ihrem unerbittlichen Fitnesscoach.
Der Begriff «Spielerfrau» werde gerade in der Schweiz als negativ angesehen. «Mir ist es aber relativ egal, ob mich jemand so nennt», erklärt die 31-jährige Partnerin von Ricardo Rodriguez. Seit 13 Jahren sind sie ein Paar.
Das erste Mal gesehen haben sie sich die beiden an einem Fussball-Grümpelturnier im Zürcher Oberland. Sie war 14, er 16. Heute leben sie gemeinsam mit ihren beiden Söhnen im spanischen Sevilla.
«Was die Leute über das Leben einer Spielerfrau wissen sollten: Es gibt immer zwei Seiten», sagt Nicole Schmid. Sichtbar sei vor allem die Seite des Fussballers: Glanz, Glamour und das Schöne. Dahinter stehe aber auch eine «normale Familie», die dieses Leben mittrage.
Es seien nicht nur das Geld und teure Kleidermarken, die das Leben einer Spielerfrau ausmachten, sagt Fufu beim Ausdehnen. Er trainiere viele Partnerinnen von Profifussballern und kenne ihr Leben: «Es gibt auch Tiefs – und viele Nächte, in denen sie allein sind.»
Ana López, auch sie ist eine Spielerfrau, fügt an: «Das Schlimmste ist, dass der Fussball dein Leben bestimmt.» Es sei zum Beispiel nicht klar, wo man in sechs Monaten leben werde. Auch sei es schwer, bleibende Freundschaften aufzubauen, weil man wisse ‹Entweder geht sie wieder oder ich›.»
Fitnesstrainer Fufu ergänzt: «Du hörst auf, dein Leben zu leben, um das deines Ehemannes zu leben.» Nicole Schmid stimmt zu und ergänzt: «Alle passen sich seinem Leben an. Auch deine Kinder, einfach alle.»
Das sei auch der Grund, weshalb sie sich vornehmlich mit anderen Spielerfrauen anfreundeten. Weil sie das gleiche Leben führen und die Umstände verstehen. Es sei aber ein Beklagen auf hohem Niveau: «Wir wissen, dass wir durch den Fussball ein privilegiertes Leben haben dürfen», fügt Nicole Schmid an.
Zwischen Luxus und Lego-Spielzeug
Nach dem Training fährt Nicole Schmid direkt weiter in den Supermarkt. Es stehen noch Lebensmittel auf der Liste – und ein Geschenk für einen Kindergeburtstag. Zwischen den Regalen bleibt sie kurz stehen, wägt ab, greift schliesslich zu: ein Lego-Spielzeug.
Viele nähmen das Leben einer Spielerfrau wohl so wahr, wie es auf Social Media gezeigt werde: «Viel Geld, immer Ferien. Eben das, was man von aussen sieht.» Natürlich gehöre das zum Leben der meisten Spielerfrauen. Logisch kaufe sie sich teure Dinge. Aber: «Das Leben dreht sich bei uns auch nicht nur darum.»
Zu Hause angekommen, erwartet Nicole Schmid vor allem Hausarbeit. Sie räumt die Küche auf, spült das Geschirr, verstaut die Lebensmittel und wischt noch kurz durchs Wohnzimmer. Dann packt sie das Spielzeug in Spiderman-Geschenkpapier ein.
Einsamkeit ist ihr Begleiter
Das Leben einer Spielerfrau könne sehr einsam sein – und das auf verschiedenen Ebenen. Man sei einsam, weil der Mann immer wieder weg sei und man oft allein zu Hause bleibe. Einsamkeit entstehe aber auch durch die Ortswechsel – immer wieder neue Städte, neue Länder, oft ohne vertrautes Umfeld. «Du hast deine Familie und deine Freunde nicht bei dir», sagt sie.
Darüberhinaus – auch das sei ein grosser Punkt – sei man einsam an Events: «Du bist einsam an Hochzeiten, du gehst allein an Geburtstage, an Feiern von Familienmitgliedern und gemeinsamen Freunden.» Man sei zu 99 Prozent allein dort, ohne den Partner.
Um 20 Uhr kehrt Nicole Schmid mit den beiden Kindern vom Geburtstag zurück. Zu Hause wartet Ricardo Rodriguez, der gerade von einem Auswärtsspiel in Griechenland zurückgekommen ist. Nach einer herzlichen Begrüssung tauscht sich die Familie kurz über den Tag aus, bevor sie sich gemeinsam aufs Sofa setzt und mit den Kindern spielt.
Dauernd diese Vorurteile
Das grösste Vorurteil gegenüber Spielerfrauen sei wohl, dass sie nicht arbeiteten, dass sie nicht arbeiten wollten. Dass sie «einfach nur Geld ausgeben», sagt Nicole Schmid. Die Leute verstünden jedoch nicht, wie schwierig es sei, unter diesen Umständen überhaupt einer geregelten Arbeit nachzugehen.
Man kommt in eine neue Stadt, in der man die Sprache womöglich nicht beherrscht. Vielleicht findet man einen Job auf Englisch, dann benötigt man aber ein hohes Mass an Flexibilität. Zudem ist immer unklar, ob der Aufenthalt von Dauer ist oder bereits nach einem halben Jahr der nächste Ortswechsel ansteht.
Ausserdem gebe es auch Spielerfrauen, die arbeiten würden: «Sie haben eigene Geschäfte, es gibt Frauen, die studieren.» Nicole Schmid selbst habe die meiste Zeit ihres Lebens gearbeitet. Dort warf man ihr vor, sie nehme jemandem den Job weg. Als Partnerin eines Profifussballers brauche sie doch keine Arbeit, bekam sie zu hören.
Schmids Fazit: «Tu das, was du willst. Die Leute haben sowieso etwas zu kommentieren.»
«Also harmonisch ...»
Jetzt muss Nicole kurz überlegen, bevor sie antwortet: «Warum ich mich in Ricardo verliebt habe? Weil es Liebe ist. Ich weiss es nicht. Kann man das beschreiben?» Sie schmunzelt leicht verlegen.
Ricardo sei lustig gewesen, habe sie zum Lachen gebracht. Das sei glücklicherweise bis heute geblieben. Als Paar seien sie unkompliziert und ein Team. Zudem herrsche Harmonie zwischen ihnen. Nach kurzem Nachdenken korrigiert sie und ergänzt amüsiert: «Also harmonisch ...»
So waren sie sich uneins darüber, ob sie sich an dieser Reportage beteiligen sollten. Ricardo selbst hätte darauf verzichtet: «Ich fühle mich vor der Kamera unwohl. Sobald ich spreche, habe ich das Gefühl, mich zu verlieren.» Deshalb beschränke er sich meist auf kurze Interviews – oder mache es Nicole zuliebe.
Die Kinder sind im Bett. Morgen steht ein gemeinsamer Tag an, sie wollen zu viert auf einen nahegelegenen Spielplatz gehen. Am Abend muss Ricardo Rodriguez bereits wieder ins Hotel, da seine Mannschaft am folgenden Tag ein Spiel hat. Für Nicole Schmid ist das nicht einfach. Ricardo müsse sowohl bei Auswärts- als auch bei Heimspielen jeweils im Hotel schlafen.
«Besonders am Anfang, als wir noch keine Kinder hatten, hatte ich grosse Mühe damit», sagt Nicole. Sie war ungern allein zu Hause. Auch heute mag sie es nicht: «Ich habe Angst. Aber jetzt, mit den Kindern, musst du halt schlafen. Und du schläfst auch, weil du müde bist.»
«Seit 13 Jahren macht sie das alles mit, was nicht einfach ist. Ich bin dankbar, dass sie das versteht.», sagt Ricardo Rodriguez. Weil sie so lange zusammen seien, habe er kein schlechtes Gewissen. Er wisse, dass sie es gut mache und dass sie ab und zu auch einsam sei. Aber, das habe sie gewusst.
Ein bisschen stolz ist sie schon
«Als wir zusammenkamen, war das Erste, was er mir sagte, dass es nicht einfach werden würde», erinnert sich Nicole Schmid lächelnd. Sie sei damals 18 Jahre alt gewesen und habe sich gedacht: «Ja, ja.» Ricardo habe jedoch schon damals genau gewusst, dass es für sie nicht einfach werden würde. Beide könnten sich noch sehr gut an dieses Gespräch erinnern.
«Ich glaube schon, dass es mir leichter gefallen ist, jemand anderem mehr Raum zu geben, weil ich unglaublich stolz bin, dass er seinen Traum leben und verwirklichen kann», sagt Nicole. Es träumten so viele Buben davon, und dass er es so weit geschafft habe, sei nicht selbstverständlich. Das erfülle auch sie mit Stolz.
«Wenn ich in diesen Jahren einen Traum oder ein Ziel gehabt hätte, hätte ich es irgendwie geschafft.» Sie glaube nicht, dass sie heute etwas anders machen würde.