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DOK Revolverstaat USA: Wo Gewalt mit Waffen bekämpft wird

Schon wieder... Eine Schiesserei in Texas, 9 Menschen sind tot. Rivalisierende Rocker-Gangs gingen schwerbewaffnet aufeinander los. Seit Jahren versucht US-Präsident Barack Obama die Waffengesetze zu verschärfen und ist gescheitert. Eine Einschätzung von Karin Bauer, frühere US-Korrespondentin.

Legende: Video Kill Zone USA – Spurensuche in einer waffenverrückten Nation abspielen. Laufzeit 53:04 Minuten.
Aus DOK vom 20.05.2015.

Es war ein regnerischer Samstagmorgen im Jahr 2013, nicht mal zwei Monate nach der Tragödie an der Primarschule «Sandy Hook», wo ein Attentäter 28 Menschenleben, darunter jenes von 20 Kindern, innert Minuten mit einem Sturmgewehr auslöschte.

Mein Kameramann und ich fuhren einer gesichtslosen Shoppingmeile entlang im konservativen Bundesstaat North Carolina. Neben einem Hundesalon hören wir Schüsse: Ein Dutzend Lehrerinnen und Lehrer üben in einem Waffentrainingsraum mit Plastikpistolen. Der Hintergrund aber ist todernst: Diese Lehrer werden künftig im Klassenzimmer Waffen tragen. In North Carolina muss man nicht mehr als acht Stunden Training vorweisen, um Waffen verdeckt tragen zu dürfen. Die Logik der Lehrer:

Ein hypothetischer Gewaltakt kann nur mit Gewalt bekämpft werden.

Verfassungsmässiges Recht auf Waffen: Wie zur Siedlerzeit

Legende: Video Texas: Lehrer tragen Waffen im Schulhaus. abspielen. Laufzeit 02:18 Minuten.
Aus DOK vom 20.05.2015.

Kindergärtnerin Jessa, eine zierliche Frau anfangs 20, macht die Schussübungen mit Feuereifer. Bereits heute bewache ein bewaffneter Sicherheitsmann ihre Schule. Aber das reiche ihr nicht. Auf meine Frage, ob es nicht besser wäre, Waffen zu verbieten, sieht sie mich verständnislos an: «Wie sollen wir uns dann beschützen?» Die Stimmung kippt.

Waffentrainer Jason Mitchell schaut mich finster an. Die Frage nach dem Sinn von Waffen stelle sich nicht. Er frage sich vielmehr, warum jemand das verfassungsmässige Recht auf Waffenbesitz einschränken wolle.

Inmitten dieser schiesswilligen Lehrer fühle ich mich über 200 Jahre zurückversetzt. Als wären wir noch im Jahr 1791, als die USA unabhängig und der Zusatzartikel zur Verfassung geschaffen wurde, damit die Siedler Land, Frau und Kinder gegen die Ureinwohner des Landes, die Indianer, «verteidigen» konnten.

Legende: Video Blutbad an der Schule «Sandy Hook». Mitschnitt des Polizeifunks. abspielen. Laufzeit 02:21 Minuten.
Aus DOK vom 20.05.2015.

Die Barbiepuppe des US-Bürgers

Das Recht auf Waffenbesitz hält die Mehrheit der Amerikaner auch zwei Jahre nach dem Amoklauf an der Primarschule «Sandy Hook» in Newtown, Connecticut für wichtiger als Gesetze, die eine strengere Kontrolle von Waffen fordern.

Nach dem Massaker von Newtown wollte US-Präsident Obama den Besitz von privaten Sturmgewehren verbieten, scheiterte aber im Parlament. Ein Maschinengewehr scheint zur DNA des männlichen Amerikaners zu gehören. «Sie ist unsere Barbiepuppe», sagte mir Logan Knott, Student und achtfacher Waffenbesitzer auf einer Schiessrange.

Wir können Gewalt nicht gesetzlich regeln, sie passiert einfach.

Auf meine Nachfrage, ob man damit Massenschiessereien in Kauf nehme, sagt er: «Es ist furchtbar, das so zu sagen, aber es ist so.»

«Wenn Sie Leute umbringen, ist das Ihr Problem»

Waffenmesse der National Rifle Association in Nashville (2015).
Legende: Waffenmesse der National Rifle Association in Nashville (2015). Keystone

Schockiert hat mich die Unverfrorenheit des 19-jährigen Waffenhändlers Justin Mask, den ich auf einer Waffenshow in South Carolina kennen lernte.

Ich gab vor, mich für ein halbautomatisches Sturmgewehr vom Typ AR-15 zu interessieren. Dieselbe Waffe, die der Attentäter von Newtown verwendet hatte. «Ich verstehe aber absolut nichts von Waffen», sagte ich. Ich hätte auch keinen Strafregisterauszug. Kein Problem, meinte Justin und hatte Recht: 40 Prozent der Waffen in den USA werden ohne Sicherheitsprüfung verkauft.

Gemäss Gesetz müssen nur registrierte Waffengeschäfte so genannte «Background Checks» einfordern. «Aber ich weiss wirklich nicht, wie mit der Waffe umgehen», insistierte ich. Justin winkte ab. «Ich mache diesen Job fürs Geld, wenn Sie damit Menschen umbringen, dann ist das Ihr Problem.»

Die gesetzliche Lizenz zum Töten

Trayvon Martin und George Zimmerman
Legende: Der 17-jährige Trayvon Martin (links) wurde von George Zimmerman erschossen. Keystone

Ich war noch keine drei Monate in den USA, als der Fall Trayvon Martin landesweit Schlagzeilen machte: Der unbewaffnete junge schwarze Mann mit dem Kapuzenpulli war in Florida vom weissen Nachbarschaftswächter George Zimmermann erschossen worden. Notwehr sei es gewesen, sagte Zimmermann und berief sich auf das so genannte «Stand your Ground»-Gesetz.

Es erlaubt dem Waffenbesitzer, vor einem mutmasslichen Angreifer nicht zurückzuweichen, ja, ihn zu erschiessen, wenn der Waffenträger sich bedroht fühlt.

Ein Ermessensentscheid, Kritiker sprechen von einer Lizenz zum Töten. Eine Mehrheit von 30 Staaten kennt das «Stand your Ground»-Gesetz. Florida war der erste Staat, der es vor zehn Jahren einführte.

Mitverfasserin war die damalige Präsidentin der National Rifle Organisation (NRA). Und die NRA ist eine der mächtigsten Lobbyorganisationen in Washington DC: Für den letzten Präsidentschaftswahlkampf gab sie über 18 Millionen Dollar aus.

Zukunft: Mehr Waffenkontrolle in den Bundesstaaten

Der Präsident hat vor dem Thema Waffenkontrolle indes kapituliert. Das untrügliche Zeichen dafür ist, dass Barack Obama das Thema an seiner diesjährigen «State of the Union»-Rede nicht einmal mehr erwähnte.

Kein Wunder, haben die Republikaner im letzten Herbst nach dem Repräsentantenhaus auch die Mehrheit im Senat gewonnen und dominieren somit das Parlament.

Dafür gibt es Bewegung in den Bundesstaaten: Seit dem «Sandy Hook»-Massaker wurden 99 Gesetze erlassen, die die Waffenkontrolle verschärfen. Im Staat Washington zum Beispiel sind jetzt auch Strafregisterauszüge bei Verkäufen an Waffenshows Pflicht. Und in Kalifornien können Familienmitglieder einen Richter auffordern, Waffen aus einem Haushalt zu entfernen, wenn der Besitzer ihnen gefährlich erscheint.

Nur: In 88 anderen Fällen seit 2012 wurde die Waffenkontrolle gelockert. Im Land mit der Wildwestmentalität bleibt Waffenkontrolle Sisyphusarbeit.

Seit dem Massaker an der «Sandy Hook»-Schule wurde an amerikanischen Schulen 100 mal geschossen. Jedes Jahr sterben in den USA 30'000 Menschen durch Schusswaffen.

«DOK» am Mittwoch

«DOK» am Mittwoch

«Kill Zone USA», Mittwoch, 20. Mai, 22.55 Uhr, SRF1.

Zur Autorin

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Während drei Jahren war Karin Bauer Korrespondentin in New York. Die Reporterin arbeitet seit 1994 bei SRF. In ihren Dokumentarfilmen und Reportagen geht sie politischen und gesellschaftlichen Fragen auf den Grund.

32 Kommentare

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  • Kommentar von Dominique Egerter, Florida
    Ob die Reportage oder die Texte von K.B. entsprechen keiner professioneller journalistischer Arbeit sondern einseitige Berichterstattung um die Zuschauer auf zu hetzten. 30'000 Tote durch Schusswaffen, stimmt aber davon 2/3 Selbstmörder also nur 10'000 davon wie viele Kriminelle Tätigkeiten sind ist nicht bekannt. Das Schweizerfernsehen sollte sich von solche Reportagen (für mich ist das keine Dok) distanzieren und professionelle Dok unterstützen.
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    1. Antwort von Jens Heutschi, Grenchen
      Hey Dominique Egerter Ihr Kommentar wurde tatsächlich nicht zensuriert (Verweis auf Ihren Kommentar ganz unten) - und sogar ein Feedback liegt drin . Für mich ist die Reportage auch etwas einseitig. Was meiner Meinung nach jedoch wirklich fragwürdig ist, sind die US "Gunshows" welche es ohne jegliche Kontrolle ermöglichen eine Schusswaffe zu erwerben. Möchte ich in der Schweiz so nicht haben - zum Autofahren mache ich auch eine Prüfung und wenn ich nicht geeignet bin kriege ich keine Erlaubnis.
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    2. Antwort von Dominique Egerter, Florida
      Liebes SF DOK Team selbstverständlich ist es mir klar das der Film von Helmar Büchel ist aber der Text der genau gleich Einseitig ist wurde von K:B geschrieben. N:B War Kameramann und habe bei einigen Doks mitgearbeitet.
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  • Kommentar von Daniel Küchler, Bern
    Die Existenzberechtigung der sogenannten stolzen, weissen Amerikaner wird seid Anbeginn des Landraubs und des Genozids der Indianer mit Waffen legitimiert und konsequent in allen Bereichen der Politik und Wirtschaft bis zum heutigen Tag mit imperialistischer, militärischer Expansion unter der Flagge der der sogenannten "Freiheit" weitergepflegt.
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  • Kommentar von Karl Meier, Thun
    Dieser Artikel schlägt in die übliche Kerbe und dient einzig dem Lager der WaffengegnerInnen wie Ch. Galladé und Co.. Es geht letztlich nur darum, den Waffenbesitz generell als schlecht hinzustellen und in der CH schärfere Gesetze einzuführen. Dass dieser Artikel kurz nach der Ablehnung der Pflicht zur Nachregistrierung von Schusswaffen auftaucht, erachte ich nicht als Zufall sondern als Propaganda.
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