Vor der Wahl 2024 waren politische Diskussionen schon heikel. Heute, eineinhalb Jahre später, sind die Unterschiede in der Familie Winzenried in Cody, Wyoming, noch deutlicher: Politik wird zunehmend weniger als Meinungsfrage verhandelt, sondern als Ausdruck von Identität und moralischem Standpunkt. Für manche ist US-Präsident Donald Trump der Richtige, für andere ein Symptom eines kaputten Systems.
Was sich verändert hat, ist nicht nur die politische Landschaft, sondern das Gefühl von Sicherheit, darüber, was selbstverständlich ist und was nicht. Gespräche über Politik werden gemieden. Einige zweifeln an Trump, andere unterstützen ihn. Für die Progressiven gilt: Wer nicht aktiv widerspricht, ist mitverantwortlich für eine als gefährlich empfundene Politik.
Die Progressiven
Die beiden progressiven Mitglieder der Winzenrieds, Hanna und Jason, wirken müde. Als hätten sie den Glauben verloren, dass politische Debatten noch zu echten Veränderungen führen. Sie sprechen von Angst, von schleichender Normalisierung autoritärer Tendenzen und von einer Gesellschaft, in der rote Linien immer weiter verschoben werden. «Ich halte ihn für einen Faschisten», sagt Jason Winzenried. «Er ist ein autokratischer Möchtegerndiktator.»
Die Thematik mit seinen Eltern, Geschwistern und Schwagern anzusprechen, fällt ihm schwerer denn je. Die Mehrheit in der Grossfamilie wählt republikanisch. Jason meint, er sei immer davon ausgegangen, dass in seiner Familie grundsätzlich alle das Beste für das Land wollen. Man streite sich einzig über den richtigen Weg dorthin.
Spätestens mit Trumps «Project 2025», das bereits vor den Wahlen öffentlich war, falle es ihm jedoch schwer, an diese gemeinsame Grundannahme zu glauben.
Schwester Hanna lebt in der demokratischen Hochburg Denver. Der Mutter von Zwillingen ist es wichtig, dass sie in einer diversen Umgebung lebt, die politisch ihrer Einstellung entspricht. Bei Diskussionen in der Familie fühle sie sich oft als «Aussenseiterin». Um Missverständnissen vorzubeugen und im Wissen drum, dass sie in der Minderheit ist, hält sie sich bei politischen Diskussionen in der Grossfamilie oft zurück. «Ich merke, dass ich Gefühle verletze, wenn ich mich frei äussere.»
Die Maga-Bewegung
Katie Winzenried, die Älteste der Geschwister, bezeichnet sich als «rechts der Mitte» und ist mehrheitlich zufrieden mit Trumps Politik. «Jeder Präsident macht Dinge, die man mag, und Dinge, die man nicht mag.» Ihr Mann Chris unterstützt Trump und die Maga-Bewegung. Das, obwohl die Politik von Trump sein Geschäft im letzten Jahr 1.5 Millionen US-Dollar gekostet hat. Chris meint: «Was gut fürs Land ist, muss nicht zwingend gut für dich sein.»
Für Chris ist klar: Wer Trumps Politik unterstützt, tut dies aus Überzeugung, nicht aus Hass. Ein Gedanke, den viele in Europa schwer nachvollziehen könnten, meint er. Wer sich als «far right» (rechts aussen) bezeichne, werde in Europa sehr schnell als «Nazi» wahrgenommen. Gegen dieses Bild wehrt er sich und ist deshalb vorsichtig, sich als «far right» zu bezeichnen.
Die Konservativen
Die konservativen Familienmitglieder sehen sich selbst nicht als radikal. Die Eltern, Jay und Valerie Winzenried, empfinden sich als pragmatisch und bodenständig, ebenso die mittlere Tochter Kirsten. Sie seien staatsskeptisch, aber nicht extrem. In ihrem Verständnis bedeutet konservativ vor allem Ordnung, Eigenverantwortung und Misstrauen gegenüber einem übermächtigen Staat.
Trump wird nicht geliebt, aber als das kleinere Übel akzeptiert. «Das Problem ist, dass wir alle in diese Box gedrängt werden: Wir können entweder für den einen oder den anderen Idioten stimmen», sagt Jay Winzenried.
Vorsichtiges Manövrieren
Trotz der tiefen politischen Differenzen hält die Familie Winzenried zusammen. Diskussionen über Trump oder die Politik der USA werden bewusst umgangen und Gefühle unterdrückt, um den Frieden zu wahren. Kleine Gesprächsgruppen, sorgfältiges Ausweichen und gegenseitige Rücksichtnahme helfen, Familientreffen möglich zu machen. Gespräche über Trump und Politik werden oft «auf Zehenspitzen» geführt. Ein permanentes «tiptoeing» durch heikles Terrain.
Die Mutter, Valerie Winzenried, übernimmt bei Familientreffen die Rolle der «Kreuzfahrtdirektorin»: Sie sorgt dafür, dass Stimmung und Gespräche im Zaum bleiben und politische Konflikte möglichst gar nicht erst aufflammen. In diesem zerrissenen Bild von Meinungen zeigt sich, dass Zusammenhalt manchmal bedeutet, Differenzen still zu akzeptieren, statt sie auszutragen.
Zwischen Fatalismus und Hoffnung
Jason Winzenried ist zutiefst frustriert über die politische Lage in seinem Land und meidet seit der Wahl Donald Trumps politische Gespräche in der Familie. Was ihn beunruhigt, ist weniger eine einzelne politische Entscheidung als die Richtung: das Tempo, die Rhetorik, die Menschen, die Macht erhalten. «Es ist nicht mehr meine Heimat», sagt er. Die Entwicklungen lassen ihn an Amerika zweifeln. «Wir bewegen uns schrittweise in eine Autokratie». Er spielt mit dem Gedanken, auszuwandern.
Sein Vater Jay hingegen glaubt daran, dass man im eigenen Land für Veränderung kämpfen muss. «Vielleicht bin ich naiv», sagt Jay, «aber ich glaube an unsere 250 Jahre alte Geschichte der Demokratie». Zwischen Jasons Frust und Jays Optimismus spiegelt sich die tiefe Spannung der Familie, die trotz allem zusammenhält. Jay beschreibt es so: «Die Familie ist politisch sehr gespalten. Es gibt Angst, aber auch die klare Zuversicht, dass die Bindungen halten.»