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Moldau am ESC Wie wurde aus einer Juryentscheidung eine politische Affäre?

Jedes Jahr wird diskutiert, ob sich Nachbarländer und befreundete Staaten beim Eurovision Song Contest gegenseitig Punkte zuschanzen. In Moldau hatte das Voting aber aussergewöhnliche Folgen: Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders musste zurücktreten, nachdem die Jury Rumänien nur wenige und der Ukraine gar keine Punkte gegeben hatte. ESC-Forscher Irving Wolther erklärt, warum aus einem Juryentscheid eine politische Affäre wurde.

Irving Wolther

Sprach- und Kulturwissenschaftler

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Irving Wolther (geb. 1969) promovierte 2006 an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover über den Eurovision Song Contest. Deswegen wird er oft als «Dr. Eurovision» bezeichnet. Seit 2008 unterrichtet er Public Relations für Musikwettbewerbe im Rahmen des Hannover Song Contests «Hören!».

Foto: IMAGO / Henning Scheffen

SRF News: Wie wurde aus einer Juryentscheidung eine politische Affäre?

Irving Wolther: Es ist keine Neuigkeit, dass der ESC politisch ist. Aber hier nimmt es eine neue Dimension an: Der Druck im Internet und der Shitstorm haben so hohe Wellen geschlagen, dass am Ende der Chef des moldauischen Fernsehens zurücktreten musste. Allein die Meinung des Publikums in Social-Media-Foren dürfte ihn aber kaum dazu bewogen haben. Da kam wohl auch von höherer politischer Stelle ein entsprechendes Signal.

Auffällig ist die Abweichung zwischen Publikum und Jury. Das Publikum gab Rumänien zwölf Punkte, die Jury nur drei. Die Ukraine erhielt von der Jury gar keine Punkte. Ist das ungewöhnlich?

Nein, solche Unterschiede sind beim ESC eher die Regel.

In solchen Entscheiden steckt oft auch ein Funke Unabhängigkeitswille.

Gab es solche Fälle schon früher?

Ja. 2013 gab Aserbaidschan keine Punkte an Russland, aber die vollen zwölf Punkte an die Ukraine. Das zeigte, dass sich Aserbaidschan vom grossen Bruder Russland ein bisschen zurückzieht. Ob das tatsächlich rein politisch gemeint war, kann man anzweifeln. Aber in solchen Entscheiden steckt oft auch ein Funke Unabhängigkeitswille.

Gibt es Länder, bei denen das Juryvoting stark davon abhängt, mit wem sie befreundet sind?

Eher sieht man das Gegenteil: Das Juryvoting hängt eher davon ab, mit wem ein Land nicht befreundet ist. Aserbaidschan verweigert Armenien konsequent Punkte und umgekehrt. Die Namen der Jurorinnen und Juroren sind öffentlich bekannt. Angesichts der angespannten Lage zwischen den beiden Ländern wäre es in der Vergangenheit riskant gewesen, sich als Jurymitglied für den Beitrag des jeweils anderen Landes auszusprechen.

Wenn eine demokratische Entscheidung einer Jury dazu führt, dass jemand seinen Hut nehmen muss, ist das ein schlechtes Zeichen.

Historisch hat Moldau Rumänien beim ESC regelmässig eine hohe Punktzahl gegeben. Welche Rolle spielen geopolitische und kulturelle Loyalitäten im Fall Moldau?

Das Votum entsprach nicht dem politischen Signal, das in Moldau offenbar gewünscht ist: Näher an Rumänien und vor allem die EU heranzurücken. Vielleicht erklärt das den Unmut über die Juryentscheidung bezüglich Rumänien und auch der Ukraine.

Was sagt der Rücktritt über die politische Unabhängigkeit des Senders aus?

Den TV-Chef von Moldau wegen dieses Entscheids zum Rücktritt zu drängen, ist eher kontraproduktiv. Damit zeigt der Sender, dass er politisch nicht unabhängig ist. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) ist bemüht, die Unabhängigkeit ihrer Mitgliedsanstalten zu unterstützen. Wenn eine solche politische Einmischung dazu führt, dass der Fernsehchef nicht im Amt bleibt, kann das auch innerhalb der EBU-Senderfamilie für Diskussionen sorgen.

Sehen Sie darin einen Regelverstoss?

Nicht zwingend. Aber es ist ein alarmierendes Signal für den Zustand unserer Gesellschaften in Europa. Öffentlich-rechtliche Sender stehen vielerorts ohnehin unter Druck. Wenn eine demokratische Entscheidung einer Jury dazu führt, dass jemand seinen Hut nehmen muss, ist das ein schlechtes Zeichen. Es kann der Eindruck entstehen, dass ein Shitstorm im Internet dazu geführt hat, dass der Senderchef zurückgetreten ist. Und das ist das Gegenteil von Demokratie.

Das Gespräch führte Sofia Fässler.

SRF 4 News, 20.05.2026, 6:46 Uhr ; 

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