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Russische Bedrohung Wie der Ukrainekrieg Moldau verändert

Der russische Angriff auf die Ukraine war für Moldau ein Schock. Das Land fühlt sich bedroht.

Der Schock sitzt immer noch tief bei Bauer Viorel, als er erzählt, wie im Januar eine Drohne direkt neben seinem Haus abgestürzt ist. «Wir sind mitten in der Nacht durch ein lautes Geräusch aufgewacht.»

Am nächsten Morgen erfährt er, eine russische Kamikaze-Drohne, bestückt mit 50 Kilogramm Sprengstoff, ist nur wenige Meter unterhalb seines Hauses eingeschlagen. Sie hätten Glück gehabt, sei sie hier am Dorfrand von Crocmaz in die Büsche gestürzt und nicht auf die Häuser.

Mann im Freien zeigt auf Bäume.
Legende: Viorel zeigt auf die Stelle, wo die mit Sprengstoff beladene Drohne abgestürzt ist. Die Stelle ist nur ein paar Schritte von seinem Haus am Dorfrand von Crocmaz entfernt. srf

Der Krieg in der Ukraine ist hier im Südosten Moldaus ganz nah, zur Grenze sind es nur ein paar Kilometer.

In der Nacht hörten sie manchmal den Gefechtslärm. Erst vor ein paar Tagen sei im Nachbarsdorf erneut eine Drohne abgestürzt. Er könne nicht mehr richtig schlafen vor Angst, sagt Viorel. Zur stetigen Angst komme die Armut dazu. Alles sei teurer geworden. «Das Leben ist seit dem Angriff auf die Ukraine wirklich hart geworden.»

Schock des Angriffs

Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat in Moldau Schockwellen ausgelöst. Viele fürchteten, das nächste Opfer zu sein, sollte es Russland gelingen, den Süden der Ukraine einzunehmen. Diese Angst nährt sich auch aus der Geschichte. Lange war Moldau unter russischer Herrschaft, später dann auch Teil der russisch dominierten Sowjetunion.

Eine Folge davon war eine Abhängigkeit von Russland, die auch nach der Unabhängigkeit fortdauerte. Eine Abhängigkeit, die Moldau seit dem russischen Angriffskrieg drastisch reduziert hat. Bezog man 2022 noch den Grossteil der Energie aus Russland, wird der Bedarf nun ausschliesslich über die EU gedeckt. Auch wirtschaftlich mussten neue Exportrouten gesucht werden. Wenn auch bemerkenswert, so gelang dies nur um den Preis einer zeitweise hohen Inflation. Und weiterhin bleibt Moldau verletzlich.

Wir müssen verhindern, dass Russland weiter Einfluss auf Moldau ausüben kann.
Autor: Adrian Balutel Parlamentsabgeordneter

Ein von russischen Geschossen getroffenes Kraftwerk in der Ukraine verschmutzte den gemeinsamen Grenzfluss. In mehreren Städten und Gemeinden wurde im März das Wasser für einige Tage abgestellt. Zur selben Zeit musste die Regierung einen Energienotstand ausrufen, nachdem Russland Stromleitungen zwischen Rumänien und Moldau bombardiert hat.

Regierung will in die EU

Für den Parlamentsabgeordneten Adrian Balutel ist klar, diese Angriffe sind kein Zufall. Russland wolle auch die Republik Moldau destabilisieren, da es das Land weiterhin als Teil der eigenen Einflusszone sieht.

Mann im Anzug sitzt an Schreibtisch mit europäischer und nationaler Flagge im Hintergrund.
Legende: Der Parlamentarier Adrian Balutel in seinem Büro. Es sitzt für die regierende PAS-Partei im aussenpolitischen Ausschuss. srf

Deshalb will seine Partei, die Regierungspartei PAS, nun schnellstmöglich der EU beitreten. Dies sei zwar schon immer ein Grundpfeiler der Partei gewesen, doch die geopolitischen Verschiebungen hätten eine neue Dringlichkeit gegeben. «Wir müssen verhindern, dass Russland weiter Einfluss auf Moldau ausüben kann.»

Mit der Präsidentin, der Regierung und dem Parlament kontrolliert die dezidiert pro-europäische PAS sämtliche Entscheidungsebenen. Aus Brüssel gibt es regelmässig Bestnoten für den Reformkurs. Bis 2030 soll der Beitritt vollzogen sein, heisst es optimistisch von beiden Seiten.

Ein ehrgeiziges Ziel, wie auch der Parlamentarier einräumt. Doch man habe nun schon mehrfach bewiesen, dass man bereit sei zu liefern. Gleichzeitig zeige sich auch die EU offen, neue Mitglieder aufzunehmen. Und doch wäre vor dem Ukrainekrieg ein EU-Beitritt Moldaus in so kurzer Zeit noch undenkbar gewesen.

Politik hofft auf friedliche Lösung eines alten Konflikts

Der Ukrainekrieg könnte indirekt auch den weiterhin ungelösten Konflikt rund um Transnistrien lösen, hofft Parlamentarier Balutel. Den Konflikt um jene Region Moldaus also, die sich vor über dreissig Jahren gewaltsam vom Rest des Landes abspaltete und seither faktisch unabhängig ist. Russland verfügt im Landstreifen über grossen Einfluss. Soldaten der russischen Armee sind weiterhin dort stationiert. Transnistrien gilt daher als Sicherheitsrisiko.

Das international von niemandem anerkannte Land kämpft jedoch mit grossen wirtschaftlichen Problemen, ausgelöst durch den Ukrainekrieg. Transnistrien sei daher auf lange Zeit nicht überlebensfähig, ist der Politiker überzeugt. In absehbarer Zukunft werde es sich über die Wirtschaft zurück in den Resten Moldaus integrieren lassen.

Transnistrien

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Entstanden ist Transnistrien Anfang der 1990er-Jahre, als die Sowjetunion zerbrach. Im Unterschied zum Rest des Landes, wo die Menschen mehrheitlich Rumänisch sprechen, leben in Transnistrien mehrheitlich slawischsprachige Ukrainerinnen und Russen. Sie fürchteten sich vor einem unabhängigen Moldau, in dem sie plötzlich die Minderheit wären. Als die Unabhängigkeit Tatsache wurde, spaltete sich das Gebiet mit der Unterstützung Russlands gewaltsam ab. Während Russland die Separatisten militärisch unterstützte, vermittelte es auf politischer Ebene den Status Quo, der bis heute Bestand hat. Der Konflikt gilt als eingefroren.

Transnistrien ist seither de facto unabhängig. Das Land hat etwa eine eigene Währung, eine Hymne und eigene Sicherheitskräfte. Die Sowjetunion wird hier weiter hochgehalten. Ihre Embleme wie Hammer und Sichel sind vielerorts sichtbar. Das Gebiet wirkt wie aus der Zeit gefallen, auch weil die Infrastruktur veraltet ist. Während die Republik Moldau eine rechtsstaatliche Demokratie ist, sind die Menschenrechte in Transnistrien eingeschränkt. Es gibt politische Gefangene, freie Meinungsäusserung ist nicht möglich. Das Gebiet ist eng mit Russland verbandelt, so operiert der russische Geheimdienst im Gebiet. Weiterhin sind auch russische Soldaten präsent.

Das Dorf Varnita liegt an der Grenze zu Transnistrien. Eine Grenze, die es völkerrechtlich gesehen nicht geben sollte, die aber trotzdem sehr real ist. Heute stauen sich die Autos in beide Richtungen.

«Transnistrien existiert auf keiner Karte»

Die Menschen kommen aus Transnistrien hierher, um Alltägliches wie einen Bankbesuch zu erledigen. In Transnistrien läuft der ganze Zahlungsverkehr über russische Banken. Wegen den westlichen Sanktionen sind sie vom internationalen Zahlungssystem ausgeschlossen.

Ein junges Paar ist heute über die Grenze gefahren, um Pakete von der Post abzuholen. «Transnistrien existiert auf keiner Karte», erklärt die Frau. Wenn sie etwas online bestellen, müssten sie es sich erst hierher bestellen lassen.

Menschen stehen vor einem Geldautomaten einer Bank.
Legende: Der Geldautomat in Varnita. Die Menschen aus Transnistrien können hier Geld abheben und andere alltägliche Dinge erledigen. Aus Angst vor der Repression in Transnistrien wollen sie nur anonym Auskunft geben. srf

Die beiden geben gerne Auskunft, wollen aber ihre Namen nicht nennen. Aus Angst vor der Repression in Transnistrien. Beide sagen, die wirtschaftlichen Probleme würden immer grösser. Die Preise seien zuletzt stark gestiegen, die Löhne blieben tief. Dazu die Energiekrise: Letzten Winter hätten sie ganz ohne Heizung verbracht. «Schritt für Schritt wird alles immer schlimmer», sagt die blonde Frau, während ihr Mann nickt.

Die angesprochene Wirtschafts- und Energiekrise in Transnistrien hängen zusammen. Lange hatte der quasi-Staat gratis Gas aus Russland bezogen und dieses dann weiterverkauft, auch in die Republik Moldau. Mit diesem Geld wurden die Ausgaben gedeckt. Doch wegen des Krieges in der Ukraine kann Russland das Gas nicht wie früher liefern.

Gemischte Meinungen zur Wiedervereinigung

Während der junge Mann für eine Wiedervereinigung mit Moldau ist, bleibt sie skeptisch. Sie spreche nur Russisch und fürchte in der mehrheitlich rumänischsprachigen Republik Moldau Nachteile.

Ein älterer Mann ist strikt gegen eine Wiedervereinigung. Die Regierung Moldaus wolle das Land nur in einen Krieg ziehen, so wie in der Ukraine, die selbst Schuld am Krieg habe. Er sagt dies, obwohl er selbst ursprünglich aus der Ukraine stammt und jeweils den Sommer auf seiner Datscha verbringt, die in Moldau liegt.

Solche Aussagen sind wohl die Folge der pro-russischen Propaganda, die in Transnistrien allgegenwärtig ist. Es gibt daher auch skeptische Stimmen, was eine mögliche Wiedervereinigung anbelangt. Schliesslich sind die beiden Gebiete nun doch schon über dreissig Jahre getrennt. Die Propaganda sitzt daher tief.

Weiterhin viele Fragen offen bis zum EU-Beitritt

Ob ein EU-Betritt auch ohne Lösung des Transnistrienkonflikts möglich wäre, muss sich weisen. Das Beispiel Zypern zeigt, dass ein Land auch mit einem ungelösten Konflikt Teil der EU werden kann. Doch auch abgesehen davon, ist Moldaus Zukunft weiterhin offen.

«Die Frage ist, ob die EU uns will», sagt Tatiana Arama lachend. Denn am Ende wird dafür ein einstimmiges Votum nötig sein. Erst dann zeigt sich, ob die EU wirklich bereit ist, das weiterhin arme Land aufzunehmen.

Tatiana Arama betreibt mit ihrem Mann ein kleines Gasthaus im letzten Dorf vor der Grenze zur Ukraine. Sie hat hier die grossen Flüchtlingsströme zu Beginn des Krieges miterlebt. Auch wenn sich die Lage stabilisiert hat, könne von Normalität keine Rede sein, sagt sie. Wegen des nahen Krieges kämen weiterhin viel weniger Gäste als früher in das idyllische Dorf, das direkt am Delta des Grenzflusses Dnister liegt.

Frau steht vor einem Gebäude mit zweiflügeliger Tür.
Legende: Tatiana Arama hat gemeinsam mit ihrem Mann das kleine Gasthaus an der Grenze zur Ukraine vor ein paar Jahren eröffnet. Wegen der Nähe zum Krieg bleiben die Gäste aus. srf

Tatiana Arama ist vom EU-Beitritt überzeugt. Neben der Reisefreiheit vor allem aus geopolitischen Überlegungen. Als kleines Land müsse sich Moldau entscheiden: «Ohne die EU sind wir alleine», sagt sie. Es gäbe daher keine Alternative zum eingeschlagenen Weg, auch wenn das Ende ungewiss ist.

International, 26.4.2026, 7 Uhr;weds

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