«Bartleby der Schreiber» von Herman Melville

Wall Street 1850. In der Kanzlei eines Anwalts erscheint Bartleby, ein blasser junger Mann. Er erhält Schreibarbeiten, die er still erledigt. Bald aber beginnt er sich zu verweigern, «möchte lieber nicht mehr». Nichts bringt ihn davon ab. Schliesslich möchte er lieber nicht mehr essen.

Ein Mann mit Hut steht vor einer Backsteinwand. Nur der Rücken ist ersichtlich
Bildlegende: Bartleby, der Schreiber. Flickr/Organic Theater Company

Bartleby, dieser negative Held, ist eine Existenz des Neins bis zu seinem sanften Abschied vom Leben. Melvilles Text von 1853 gehört durch das tastende, hin- und hergerissene Erzählen des Anwalts und Notars Mr. Tucker zu den berührendsten Monologen der Weltliteratur. Matthias von Spallart hat den Text fürs Radio eingerichtet und mit Wolfgang Reichmann als unvergleichlichem Erzähler inszeniert. Die Produktion wurde zu einer seiner wichtigsten Regiearbeiten. Die sorgfältig umgesetzten Szenensplitter zeichnen die enge Welt der Schreibstube mit den schrulligen Angestellten scharf nach, und mit seinen wenigen kümmerlichen Sätzen porträtiert Wolfgang Forester den armen Bartleby so genau, dass man ihn nicht mehr vergessen kann.

Mit: Wolfgang Reichmann (Anwalt und Notar Mr. Tucker), Wolfgang Forester (Bartleby),Rudolf Hofmann (Turkey), Volker Spahr (Nippers), Walter Kiesler (Broadbent), Jürgen Cziesla (Hauswirt), Heinz Günter Kilian (Wärter)

Aus dem Amerikanischen von Karl Lerbs - Hörspielfassung und Regie: Matthias von Spallart - Tontechnik: Ernst Neukomm, Schnitt: Vreny Palm-Rupp - Produktion: SRF 1976 - Dauer: 77'

Herman Melville, 1819 in New York geboren, stammte aus einer zunächst wohlhabenden, dann durch Bankrott und Tod des Vaters verarmten Kaufmannsfamilie. 1839 wurde er Matrose, unter anderem auf Walfangschiffen. Ab 1944 arbeitete er als freier Schriftsteller. Auf weiteren Reisen besuchte er England, das Mittelmeer und das damalige Palästina. 1863 liess er sich wieder in New York nieder, wo er 1891 starb.

Matthias von Spallart, 1944 in Klagenfurt geboren, floh noch im selben Jahr mit seinen Eltern, der Schauspielerin Milena von Eckhardt und dem Schauspieler Johannes von Spallart, vor dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz. Nach einem Studium der Malerei und Grafik an der Kunstgewerbeschule Basel und einer Ausbildung am «Bühnenstudio Zürich» war er als Schauspieler tätig, u.a. an der Komödie Basel. Er absolvierte eine Film- und Fernsehausbildung an der London School of Film Technique. Ab 1975 arbeitete er bei Schweizer Radio SRF als Hörspielregisseur und weitete sein Tätigkeitsgebiet auch auf das Feature aus. Vor Fertigstellung seines Brasil-Features starb er 1981.

Redaktion: Claude Pierre Salmony