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Etikettenschwindel? Coop: «Schinken-Irrsinn» wegen Schweinefleisch-Überschuss

Ein original spanischer Rohschinken von Coop sorgt für Wirbel. Hergestellt wird er mit Schweinefleisch aus der Schweiz.

Legende: Audio Spanischer Schinken aus der Schweiz abspielen. Laufzeit 06:41 Minuten.
06:41 min, aus Espresso vom 13.08.2018.

Verschiedene Coop-Kundinnen und Kunden haben beim Kauf des Jamón Serrano Reserva genauer hingeschaut und auf der Etikette folgenden Vermerk entdeckt: «Original spanischer Rohschinken, luftgetrocknet». Im Kleingedruckten steht: «Hergestellt in Spanien – mit Schweizer Fleisch».

«Ein ökologischer Blödsinn»

Kein Verständnis dafür hat ein Coop-Kunde aus dem Kanton Luzern. Er schreibt dem SRF-Konsumentenmagazin «Espresso»: «Wie muss ich mir das vorstellen? Schweizer Fleisch wird nach Spanien transportiert, um zu reifen, und wird dann wieder zurücktransportiert um zu schneiden und abzupacken?» Wenn kein Etikettenschwindel, dann sei das im Minimum ein «ökologischer Blödsinn».

Etikette auf Rohschinken-Verpackung.
Legende: Die Deklaration ist klein gedruckt, aber korrekt. zvg

Test mit Naturafarm-Fleisch

Auf die Fragezeichen der Kundinnen und Kunden angesprochen, erklärt Coop, man führe derzeit einen Test durch. Man nehme hochwertiges Schweizer Naturafarm-Fleisch aus tierfreundlicher Haltung und veredle dieses in Spanien zu Rohschinken. Ein Etikettenschwindel ist es für Coop nicht. Die Richtlinien für den Jamón Serrano Reserva enthielten keine Vorgaben zur Herkunft des Fleisches (siehe Box). «Und es ist auf der Etikette klar als Schweizer Fleisch ausgezeichnet», sagt Coop-Sprecherin Alena Kress.

«Legaler Ettikettenschwindel»

Erlaubt ist das Vorgehen von Coop deshalb, weil es sich beim Jamón Serrano um ein sogenanntes IGP (Indication Géographique Protégée) Produkt handelt – ein Produkt mit geschützter geografischer Herkunft.

Solche Produkte müssen im Gegensatz zu den viel strenger gehandhabten AOP-Produkten (Appellation d’Origine Protegée) lediglich entweder die Zutaten aus der Region beziehen oder in der Region hergestellt werden.

Das Gleiche gilt übrigens fürs Bündnerfleisch. Auch dort kommt das Fleisch häufig aus Südamerika oder der EU. Oft wird es nur noch im Bündnerland getrocknet.

Bereits vor einem Jahr hat Coop einen solchen «Test» durchgeführt. Damals hiess es auf Anfrage der Zeitung «Blick», man habe einige negative Rückmeldungen erhalten, deshalb werde der Test nicht wiederholt. Eine Lüge?

Zweiter «Test» wegen Schweinefleisch-Überschuss

Coop-Sprecherin Alena Kress antwortet: «Es ist tatsächlich so, dass wir den genau gleichen Test vor einem Jahr schon mal gemacht haben. Es ist auch richtig, dass wir uns wegen negativen Rückmeldungen entschieden, den Test nicht zu wiederholen.»

Das viele überschüssige Schweinefleisch («Espresso» berichtete) habe Coop nun aber zum Umdenken bewogen. Die Veredlung zu spanischem Rohschinken sei eine gute Möglichkeit, das überzählige Schweizer Naturafarm-Fleisch doch noch zu verwerten.

An sich keine schlechte Idee. Doch ökologisch sei der Hin- und Rücktransport tatsächlich nicht, räumt Coop ein. Sprecherin Alena Kress: «In diesem Fall kamen wir aber zum Schluss, dass diese Vorgehensweise durch den Überschuss gerechtfertigt wird.»

Ob Coop den Test ein drittes Mal wiederholt, ist offen. Der schweizerische Jamón Serrano steht auf jeden Fall derzeit noch im Regal.

Reaktionen von «Espresso»-Hörerinnen und -Hörern:

«Ich bin enttäuscht!»

  • Kontra

    Viele Hörerinnen und Hörer haben sich nach dem Beitrag beim Konsumentenmagazin «Espresso» gemeldet. Die Mehrheit findet das Vorgehen von Coop beim Schweizer Schinken «Made in Spain» fragwürdig und findet deutliche Worte. Zwei Gründe sind es, die viele Konsumenten verärgern: 1. Die Ökologie: Dass Schweinefleisch aus der Schweiz nach Spanien zum Lufttrocknen gekarrt wird und dann wieder zurück, das habe mit der viel propagierten Nachhaltigkeit des Detailhändlers nichts zu tun. 2. Dass man nur versteckt im Kleingedruckten erfährt, was Coop unter «original spanischer Rohschinken» versteht, wird von vielen Hörern als «Etikettenschwindel» bezeichnet. Selbst wenn die geltenden Richtlinien eingehalten werden.

  • Pro

    Vereinzelt haben sich aber auch Hörer und Hörerinnen gemeldet, die die Aufregung nicht verstehen. «Hackt doch nicht auf solchem Zeugs rum. Rufschädigung ohne die Vorschriften zu kennen, wie Rohschinken hergestellt werden muss», schreibt einer. Und ein anderer: «Haben Sie schon Mal Schweinehorden im Schwarzwald gesehen? Die Art macht es aus, nicht die Herkunft. Ist ja auch beim Wein und Olivenöl so…» Ausserdem, so ein Dritter, mache die Globalisierung selbstverständlich nicht Halt auf dem Teller.

16 Kommentare

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  • Kommentar von Rosemariw Zesiger (zesiro)
    Serrano Schinken oder alles im Ausland verarbeitetes Fleisch wäre somit ökologischer Unsinn Bin oft in Spanien und habe auf einem riesigen Bauerhof gesehen was die Tiere fressen müssen und wie sie gehalten wurden. Der Bauer selber hält ie Tiere zum eigenen Gebrauch getrennt! Lachensagte er mir, er würde nie Fleisch von den anderen Tieren essen. Seitdem nehme ich Schweizer Fleisch mit nach Spanien. Nun bin ich froh, Serrano Schinken mit gutem Gewissen aus der Schweiz essen zu können
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  • Kommentar von Werner Caviezel (Angemeldet)
    "Original spanischer Rohschinken" ist in diesem Falle wohl schon etwas frech. Schlussendlich kommt es auf die Herstellungsart an und nicht unbedingt um die Herkunft der Zutaten sonstg gäbe es keine Schweizer Schokolade oder Biscuits. Das sollte man schin im Hinterkopf behalten, genau wie das Beipiel mit dem Bündner-Fleisch. Das "Gewusst wie" ist genauso wichtig wie die Herkunft.
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  • Kommentar von Werner Caviezel (Angemeldet)
    Ein viel schlimmeres Beispiel: Rahm aus der Schweiz wird tonnenweise nach Italien gekarrt um dort in Schlagrahm-Spraydosen verarbeitet zu werden. Dann wird er wieder zurückgekarrt. Geschmacklich ist das Ganze ohnehin jenseits von Gut und Böse, der Schaum zerfällt umgehend. Mit Schlagrahm hat das nichts mehr zu tun und UHT ist ohnhin ein Nogo. Diese Dosen sollte man verbieten. Übrigens: "Schweizer Schokolade" wird auch aus ausländischen Zutaten hergestellt.
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