Foodwaste ist ein grosses Problem. Allein in der Schweiz werden laut Zahlen des Bundes pro Jahr rund 2.8 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. Der Bund strebt bis 2030 eine deutliche Reduktion an. Dieses Ziel ist jedoch noch weit entfernt. Fast 40 Prozent der Lebensmittelverschwendung passiert in unseren Haushalten. Aber auch in der Landwirtschaft, der Lebensmittelproduktion, im Detailhandel und in der Gastrobranche bleiben täglich tonnenweise geniessbare Lebensmittel liegen.
Schwierige Nachfrage-Prognose
«Die Lebensmittelverschwendung ist für zehn Prozent der globalen Emissionen verantwortlich», sagt Matthieu Ochsner. Der 35-jährige Zürcher Betriebswirtschafter hat mit seinem Geschäftspartner Ferdinand von Hagen im Frischwaren-Handel und in Restaurants nachgeforscht, weshalb dort am Ende des Tages so viele Frischprodukte übrig bleiben. Das Fazit habe sie überrascht, sagt Ochsner: «Die meisten Betriebe haben uns gesagt, die Kundennachfrage sei schwer vorherzusagen.»
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Bild 1 von 4. Auf dem Kassendisplay erscheinen die Bestellprognose der KI, die Bestellung des Personals und die Verkaufsbilanz. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Linda Jenner, Ladenchefin in der Bäckerei Maier in Laufenburg, arbeitet seit drei Monaten mit dem neuen Prognose-Tool. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Matthieu Ochsner vom Zürcher Start-up «Go Nina» hat die KI entwickelt. David Giess, administrativer Leiter der Maier-Bäckereien, setzt sie ein. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Beim Personal stösst die KI bislang auf ein positives Echo. Bildquelle: SRF.
Mit ihrem Start-up «Go Nina» – der Name kommt vom kühlenden Klimaphänomen La Niña – haben Ochsner und von Hagen eine künstliche Intelligenz entwickelt, die dieses Problem lösen soll: Sie erstellt für einzelne Produkte tägliche Prognosen, wie viel davon bestellt werden müsste. Dies auf der Basis von aktuellen und früheren Verkaufsdaten. Die KI berücksichtige aber auch andere Faktoren wie Wetter, Feiertage oder Ferien, erklärt Ochsner.
Die aktuelle Bestellprognose für den Folgetag erscheint täglich im Laden auf dem Kassendisplay. Zusätzlich kann die Geschäftsleitung im Hintergrund eine umfangreichere Datenanalyse abrufen und so verfolgen, ob sich die Menge an Foodwaste verringert oder von welchen Produkten man mehr anbieten müsste.
Interessierte Betriebe können die KI kostenlos testen, danach bezahlen sie ein Abo. Es sei je nach Standort mit Abogebühren zwischen 200 und 300 Franken zu rechnen, so der Entwickler der Software. Bislang werde sie in rund 60 Betrieben eingesetzt, vor allem in Bäckereien und in einzelnen Restaurants.
Weniger Foodwaste in den Maier-Bäckereien
Seit Anfang Jahr setzt auch die Bäckereikette Maier die KI in ihren zehn Filialen in den Kantonen Aargau und Solothurn ein. Dafür verantwortlich ist der administrative Leiter David Giess. Vor der Einführung habe es einigen Erklärungsbedarf gegeben, erinnert er sich: «Ich habe dem Personal gesagt, dass die KI kein Roboter ist, der ihre Arbeit übernimmt, sondern einfach ein Programm im Hintergrund, das mit künstlicher Intelligenz herauszufinden versucht, wie viel bestellt werden soll.»
David Giess' Bilanz nach drei Monaten fällt positiv aus: «Der Foodwaste nimmt ab.» Gleichzeitig seien die Umsatzzahlen gleich geblieben oder gar gestiegen. Dies, weil die KI auch Hinweise auf beliebte Produkte liefere, deren Stückzahl bei der Bestellung erhöht werden könnte. Die Qualität der Prognosen schwanke aber noch. Die Verantwortlichen arbeiten deshalb im Hintergrund laufend an Verbesserungen.
So oder so werde es auch in Zukunft Personal brauchen, das die KI-Zahlen kritisch beurteile und allenfalls anpasse, so Giess: «Die KI ist eine Hilfe, wird aber nie eine Mitarbeiterin ersetzen.»