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Literaturbranche im Wandel KI-generierte Bücher: Das müssen Sie wissen

Bücher unter KI-Verdacht häufen sich im Schweizer Online-Buchhandel. Die Branche reagiert, eine Deklarationspflicht gibt es jedoch nicht. Darauf sollten Sie achten.

Peter Penkalla legt Wert auf ein gutes Kinderbuch, wenn er seiner achtjährigen Tochter vorliest. Beim Stöbern im Schweizer Buchhandel stiess er auf Titel wie «Weil du ein wunderbares Mädchen bist».

Solche Bücher, die Kinder Mut machen sollen, dominieren derzeit den Online-Markt und finden den Weg bis in die Auslagen grosser Buch-Filialen wie Orell Füssli oder Lüthy. Doch ihre Inhalte werden von Branchenkennern qualitativ angezweifelt und verdächtigt, KI-Erzeugnisse zu sein. Solche Werke erscheinen meist im Selbstverlag und werden auch auf Schweizer Buchhandel-Websites verkauft.

Fehlerhafte Bilder und hohle Phrasen

SRF-KI-Experte Guido Berger hat bei Exlibris und Orell Füssli bestellte Bücher analysiert. Sein Urteil ist klar: «Gerade bei den Bildern ist der Einsatz von KI zum Teil sehr offensichtlich.» Er verweist auf anatomische Fehler – etwa Hände mit falsch platzierten Fingern – und einen sterilen Grafikstil, der typisch für Algorithmen sei.

Checkliste: So erkennen Sie KI-generierte Bücher

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  • Illustrationen genau prüfen: Achten Sie auf anatomische Fehler, wie ein fehlender Daumen, Gliedmassen, die fehlen oder zu viel sind. Auch eine holzschnitzartige Ästhetik oder unlogische Details können Hinweise sein.
  • Autorinnen-Biografie checken: Viele KI-Bücher werden unter Pseudonymen veröffentlicht. Fehlen im Netz glaubwürdige Informationen zur Person oder wirkt das Porträtfoto ebenfalls KI-generiert, ist Vorsicht geboten. Auch wohlklingende Allerweltsnamen wurden schon für KI-erzeugte Werke verwendet.
  • Leseprobe: Auf den Schreibstil achten, wenn Leseproben vorhanden sind. Wirkt der Text sehr oberflächlich und voller leerer Floskeln? Wiederholen sich Sätze? Fehlt ein klarer roter Faden oder eine innere Logik?
  • Verlag unter die Lupe nehmen: Grosse, etablierte Verlage haben ein Lektorat, das Qualität garantiert. Bei reinen Self-Publishing-Plattformen oder unbekannten Kleinstverlagen ohne Website und glaubwürdigen Beschreibungen der Autorinnen oder Illustratoren ist das Risiko für ungeprüfte KI-Inhalte höher. «Print on demand» ist ein Hinweis für einen Selbstverlag. Aber: nicht alle Bücher aus dem Selbstverlag sind KI-generiert oder qualitativ minderwertig.  
  • Hohe Publikationsfrequenz: Publiziert eine Autorin, ein Autor oder ein Verlag viele Bücher in sehr kurzer Zeit, kann das ein Hinweis sein.
  • Rezensionen hinterfragen: Wirken die Bewertungen auf Verkaufsplattformen stereotyp («Tolles Buch!», «Super Geschenk!») könnte es sich um Fake-Reviews handeln.

Bei den Texten sei KI zunehmend schwierig zu erkennen, dennoch gebe es Indizien. Während KI-Tools wie ChatGPT zwar immer raffinierter würden, verrieten sie sich durch eine mangelnde innere Logik oder endlose Abschnitte voller Floskeln, so Berger. Bei Unterhaltungsliteratur ist das ein Ärger – bei Sachbüchern kann es auch gefährlich werden: In internationalen Medien wird bereits vor KI-generierten Pilz- oder ADHS-Ratgebern gewarnt. 

Die Branche wehrt sich

Traditionshäuser wie der Schweizer Kinderbuchverlag Nordsüd setzen weiterhin auf Handarbeit. Verleger Herwig Bitsche betont, dass KI die Tiefe und Detailreiche einer menschlichen Illustration derzeit noch nicht erreiche.

Um die Qualität zu sichern, verankert der Verlag mittlerweile KI-Verbote im Vertrag mit Kunstschaffenden. Auch andere grosse Verlage regeln den KI-Einsatz mittlerweile vertraglich. Meist ist der Einsatz von KI nur für Inspiration und Recherche erlaubt. Der Loewe-Verlag geht in die Offensive und hat ein eigenes Logo für KI-freie Bücher lanciert.

Das sagen die Buchhändler

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  • Amazon Deutschland verweist auf seine Richtlinien und schreibt: «Unabhängig davon, ob Inhalte mit oder ohne Unterstützung von KI erstellt wurden, lassen wir keine Inhalte zu, die irreführend sind, eine unzureichende Qualität haben oder Kund:innen eine schlechte Nutzerfahrung bieten.»
  • Ex Libris: «Es ist korrekt, dass einige Bücher auf exlibris.ch möglicherweise KI-generierte Inhalte oder Titelbilder enthalten. (…) Eine spezielle Prüfung jedes Buches auf KI-generierte Inhalte oder Fehler erfolgt durch Ex Libris nicht. Wir verstehen uns grundsätzlich als eine Anbieterin für ein Vollsortiment. Sollten jedoch Kunden solche Fehler bemerken und melden, nehmen wir diese Anliegen ernst und gehen ihnen nach. (…) Derzeit besteht leider noch keine Verpflichtung für Verlage, den Einsatz von KI bei der Erstellung von Büchern offenzulegen.»  
  • Orell Füssli: «Wir schliessen grundsätzlich keine Bücher aufgrund ihrer Inhalte, Titel, persönlichen Meinungen der Autoren oder Leser aus unserem Sortiment aus. (…) Da es keine Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte gibt und wir keinen Einfluss auf die Erstellung oder Bearbeitung von Büchern und deren Inhalten haben, können wir als Buchhändler nicht überprüfen, ob ein Text mithilfe von künstlicher Intelligenz erstellt wurde – oder ob solche Bücher in unserem Sortiment vertreten sind. Eine manuelle Kontrolle aller Bücher, die wir stationär und online anbieten – eine zweistellige Millionenanzahl – ist schlicht nicht möglich. (…) Wir würden (...) mehr Transparenz und eine klare Kennzeichnung seitens der Verlage begrüssen, damit wir unsere Kundinnen und Kunden noch besser dabei unterstützen können, informierte Kaufentscheide zu treffen.»
  • Buchhaus Lüthy: «Aktuell fehlt in der Branche noch eine eindeutige Klassifikation von KI-generierten Büchern. Dies würde uns erlauben, entsprechende Titel aus dem Angebot unserer Webshops zu entfernen respektive für die Kunden zu kennzeichnen. Dabei gilt es zu unterscheiden zwischen KI-generiert und KI-assistiert. Diese Unterscheidung ist aktuell noch nicht trennscharf. In der Branche sind entsprechende Bemühungen im Gange, diese sind aber noch nicht umgesetzt.»
  • Digitec Galaxus: «Galaxus möchte keine Selfpublishing- und KI-Bücher im Sortiment haben. Wir scannen deshalb unser Büchersortiment laufend nach solchen Werken und bekannten KI-Verlagen und deaktivieren ihre Angebote in unserem Onlineshop.»
  • Pisionary (z.B. «Weil du ein wunderbares Mädchen bist»): Der Verlag, der bisher fünf Bücher herausgegeben hat, bestreitet den Einsatz von KI und teilt schriftlich mit: «Alle Texte und Illustrationen im Innenteil der Bücher sind ohne KI entstanden». Die Texte seien zudem vor Ende 2022 publiziert worden, also bevor der Öffentlichkeit KI-Text-Tools der Öffentlichkeit zugänglich waren.

Für den Handel ist die Lage komplex: Pro Monat fluten geschätzt Zehntausende mutmasslich KI-erzeugte Werke den Markt, meist über Selbstverlags-Plattformen wie Amazon. Exlibris und Orell Füssli erklären auf Anfrage, dass eine lückenlose Prüfung bei Millionen von Titeln im Onlinehandel kaum möglich sei, solange keine gesetzliche Kennzeichnungspflicht bestehe.

Einen anderen Weg schlägt der Onlinehändler Galaxus ein: Das Unternehmen möchte auch keine Bücher aus dem Selbstverlag im Sortiment führen. «Wir scannen unser Sortiment laufend nach solchen Werken und bekannten KI-Verlagen und deaktivieren ihre Angebote», so Galaxus. 

Hohe Frequenz publizierter Titel

Nicht nur bei Kinderbüchern, auch bei der Unterhaltungsliteratur für Erwachsene wächst das Misstrauen. Viel-Leser Lorenz Bräm investierte rund 600 Franken in eine Krimi-Reihe – nur um festzustellen, dass sich Sätze ständig wiederholten und die angebliche Autorin unter verschiedenen Pseudonymen Bücher in einer Frequenz veröffentlicht, die für einen Menschen kaum machbar scheint.

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Solange die Herkunft nicht klar deklariert werden muss, bleibt den Konsumentinnen und Lesern nur der genaue Blick ins Impressum. Oder der Griff zu Klassikern, deren Inhalte im Kopf echter Autorinnen und Autoren entstanden sind.

Kassensturz, 28.4.2026, 21:10 Uhr ; 

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