Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Solarstrom Strom aus dem Quartier: Günstige Solarenergie vom Nachbarn

Besitzerinnen und Besitzer von Solaranlagen können ihren Strom an Quartierbewohner verkaufen, die keine Solarpanels haben.

Lokale Elektrizitätsgemeinschaften, sogenannte LEG, ermöglichen seit 2026 den Verkauf von Solarstrom im Quartier beziehungsweise in der Gemeinde. Die Vorteile: Für die Stromproduzenten wird der Strom günstiger, die Produzenten von Solarstrom erhalten einen höheren Preis als beim Elektrizitätswerk (EW). «Mit einer LEG kann ich die Investition in meine Solaranlage rascher amortisieren», bringt es der Baselbieter Hauseigentümer Dominic Wyler auf den Punkt.

LEG sind auch für Mieterinnen oder Stockwerkeigentümer ohne eigene Solarpanels auf dem Dach interessant. So für Andreas Winzeler. Der Schaffhauser möchte über eine LEG Sonnenstrom aus der Nachbarschaft zukaufen: «So kann ich mein Auto mit Solarstrom laden und muss nicht über das EW gehen. Der Strom bleibt im Quartier.» LEG könnten in Zukunft das überregionale Stromnetz entlasten. Heute sorgen Atom- und grosse Wasserkraftwerke für ein stabiles Netz.

Ab 2033 gehen die Atomkraftwerke nach und nach vom Netz und der Solarstrom soll einen Grossteil davon kompensieren. Doch wenn hunderttausende von Solaranlagen gleichzeitig Strom liefern, ist das problematisch für das Stromnetz.

Hier könnten LEG entlasten, erklärt Photovoltaik-Professor Christof Bucher von der Berner Fachhochschule (BFH). «Wer Strom lokal braucht, kann Geld sparen – da man weniger von der Infrastruktur braucht und darum eben auch weniger an die Infrastruktur zahlen muss.»

Zentrale Rolle der Elektrizitätswerke

Der lokale Stromaustausch läuft über das Netz des Netzwerkbetreibers beziehungsweise des regionalen Elektrizitätswerks. Da LEG das Netz weniger belasten, werden die Netzgebühren um bis zu 40 Prozent reduziert. So kann der LEG-Strom zu attraktiven Preisen angeboten werden.

«Kassensturz» ist an Ihrer Meinung interessiert

Box aufklappen Box zuklappen

Die Netzwerkbetreiber spielen deshalb bei der Lancierung und Abrechnung des neuen Stromproduktes eine zentrale Rolle. Eine Stichprobe von «Kassensturz» zeigt jedoch: LEG werden nicht von allen Netzbetreibern gleich stark gefördert. So werden beispielsweise für die Gründung einer LEG Einrichtungsgebühren von mehreren hundert Franken verlangt.

Netzbetreiber sind unterschiedlich LEG-freundlich

Andere Netzbetreiber verzichten auf solche Gebühren und betreiben sogar eigene solcher Elektrizitätsgemeinschaften. So verspricht das Stadtwerk Winterthur seinen Stromkundinnen und -kunden eine Reduktion von 15 % auf den regulären Strompreis, wenn sich diese für ein LEG-Modell anmelden. IWB aus Basel gewährt einen Rabatt von 1 Rp./kWh.

Die Elektrizitätswerke von Kanton und Stadt Zürich (EKZ/EWZ) versprechen dank LEG lokaleren, nachhaltigeren Strom zum herkömmlichen Preis. Andere Elektrizitätswerke beziehungsweise Netzwerkbetreiber haben aktuell noch keine eigenen LEG-Modelle im Angebot. Dazu gehören unter anderem BKW, CKW und Repower.

Stromspeicher – günstige Alternative und Ergänzung zu LEG

In der Schweiz wird zeitweise derart viel Solarstrom produziert, dass ihn die Elektrizitätswerke nicht mehr abnehmen können. Gerade im Sommer zahlen EW oft nur noch minimale Tarife für den PV-Strom. Nebst den LEG können hier auch Stromspeicher helfen, indem sie überschüssigen Strom speichern.

Die Akkupreise sind in den letzten Jahren massiv gesunken. Christophe Ballif, Photovoltaik-Experte an der EPF Lausanne, hat beobachtet: «Batteriespeicher kosten heute noch etwa einen Zehntel im Vergleich zum Preis vor 15 Jahren.»

Fragen und Antworten mit Prof. Christof Bucher, BFH

Box aufklappen Box zuklappen

SRF: Für welches Problem sind LEG die Lösung?

Prof. Christof Bucher: Photovoltaikanlagen und Elektromobilität sind zwei der wichtigsten neuen Elemente einer nachhaltigen und einheimischen Energieversorgung. Beide haben den Nachteil, dass sie eine enorme Belastung für die Netzinfrastruktur werden können. Die LEG sind die Basis dafür, diese Zusatzbelastung tief zu halten. Das passiert in der LEG nicht automatisch, deshalb finden gewisse Fachpersonen auch, dass eine LEG das Problem nicht lösen würde. Sie haben teilweise recht: Die LEG löst das Problem nicht automatisch; sie ist aber ein mögliches Fundament für eine Lösung.

Wer einfach günstigen Strom will, für den sind LEG nicht das Richtige?

Ja und nein: Die Stromkosten setzen sich aus Netzgebühren, Abgaben und dem Energiepreis zusammen. Die Abgaben bleiben in der LEG unverändert. Die Netzgebühren sinken um 20–40%. Es kommt nun also darauf an, zu welchen Konditionen der Solarstrom verkauft wird. Darauf soll der Netzbetreiber keinen Einfluss haben: Der Preis des Solarstroms ist eine vertragliche Vereinbarung zwischen Produzentin und Konsument. So ist es möglich, dass LEG-Strom das billigste Stromangebot überhaupt wird.

Wer profitiert?

Längerfristig profitieren wir alle, weil wir weniger Netzausbau für die Energiewende brauchen. Kurzfristig ist das nicht so, kurzfristig steigen die Kosten für die Netzbetreiber. Profitieren tun kurzfristig die Stromkonsumentinnen in der LEG (sie bezahlen weniger Netzabgaben) sowie die Solarstromproduzenten, denn sie haben einen neuen Absatzmarkt für Solarstrom.

Haben die Stromproduzentinnen mehr finanzielle Vorteile als die Stromkonsumenten?

Ja, für die Produzenten dürften die LEG noch wichtiger sein als für die Konsumentinnen. Sie durften den Strom zwar schon vor den LEG frei verkaufen, konnten jedoch keine Käufer finden. Mit den LEG ist es ihnen möglich, den Strom im Quartier zu verkaufen. Weil die Haushalte 20–40% weniger für die Netzgebühren zahlen, haben sie eine höhere Zahlungsbereitschaft für den Energieteil. Wer Strom in eine LEG verkauft, dürfte somit mehr Geld verdienen, als wer den Strom auf dem freien Markt absetzt.

Für die Haushalte ist das Sparpotenzial bescheiden mit maximal ca. 200 CHF pro Jahr. Warum profitieren Haushalte nicht mehr?

Unser Energiesystem hat lange Zeit auf «Raubbau» basiert: Wir verbrennen Erdöl und Erdgas, was nicht ewig zur Verfügung steht und mit dem Klimawandel enorme Folgekosten verursacht. Bis heute war das kaum in den Energiekosten eingepreist. Mit der Energiewende wird die Energie wohl teurer werden – doch die Energiewende nicht zu machen, würde noch viel teurer und insbesondere unsicherer. Lokalen Solarstrom zu verbrauchen, ist insbesondere auch eine Versicherung gegen explodierende Energiepreise: Als Folge des Krieges in der Ukraine haben sich die Strompreise in gewissen Gemeinden verdreifacht. Die aktuelle politische Lage zeigt, dass das wieder geschehen kann. Nicht so beim LEG-Strom: Der wird unabhängig von Krisen nicht viel teurer werden können, denn die Sonne stellt keine Rechnung. Der Preis muss aber die Kosten für die PV-Anlagen finanzieren, sonst baut niemand mehr PV-Anlagen.

Schonen LEG das Netz? Das ist teilweise stark gefordert mit den vielen PV-Anlagen, die ins Netz einspeisen.

Zunächst einmal sind LEG nur eine neue Verrechnungsmethode, davon hat das Netz nichts. Wenn aber die LEG in Zukunft aktiv geregelt werden, wird genau das passieren: Die Elektroautos im Quartier werden dann geladen, wenn im Quartier überschüssiger Solarstrom verfügbar ist. Weder die Elektroautos noch die PV-Anlagen fallen dann dem Transformator und den höheren Netzebenen zur Last.

Bei Solarstrom-Spitzen helfen Speicher oder LEG. Was ist wichtiger?

Beides ist wichtig. Die LEG hilft, Solarstrom im Quartier von einem Ort zum anderen zu transportieren. Speicher helfen, Solarstrom von einem Zeitpunkt zu einem anderen zu verschieben. Erst die Kombination der beiden hat das Potenzial, richtig viel Solarstrom in unser Energiesystem zu integrieren.

Ist Solarstrom in der Produktion der günstigste Strom?

Schaut man nur auf die PV-Module und die Wechselrichter, so stimmt das absolut. Man muss aber immer auch die Installationskosten sowie künftig die Kosten zur Systemintegration, also typischerweise Speicher- oder Lastmanagementkosten berücksichtigen. Ich persönlich glaube nicht, dass Solarstrom unsere Stromkosten unter dem Strich stark günstiger machen wird. Aber genauso bin ich überzeugt, dass jede Alternative noch sehr viel teurer wäre.

SRF1, Kassensturz, 26.5.2026, 21:10 Uhr; wilh

Meistgelesene Artikel