Post-Chefs sorgen mit Produktivitäts-Rangliste für miese Stimmung

Bei den Postangestellten brodelt es: Die Chefetage verunsichert sie mit fragwürdigen Leistungszielen und setzt die einzelnen Poststellen mit einer «Produktivitätsrangliste» unter Druck.

Der Leistungsdruck sei immens geworden, sagt ein Postangestellter, der seit über 30 Jahren im Unternehmen tätig ist, gegenüber dem SRF-Konsumentenmagazin «Espresso». Als Briefträger müsse er täglich bis zu 1000 Haushalte bedienen, mehr als doppelt so viele wie in früheren Jahren.

Leistung, Effizienz, Profit seien heutzutage in erster Linie gefragt: «Jeden Monat reiben sie uns diese Liste unter die Nase», erklärt der Briefträger. Gemeint ist die sogenannte «Produktivitätsrangliste» – diese soll abbilden, wie gut oder wie schlecht die einzelnen Poststellen abgeschnitten haben. Die Post führt sie seit gut einem Jahr. Sie wird fortlaufend angepasst und monatlich publiziert. «Espresso» liegt eine solche Liste vor.

Syndicom: «Sprachlos»

Bei der Gewerkschaft Syndicom, die für die Post zuständig ist, hält man das Gebaren der Post für äussert fragwürdig: «Ich bin sprachlos, dass sich die Schweizerische Post nicht anders verhält wie ein gewinnorientiertes, privates Unternehmen», sagt Gewerkschaftssekretär Roland Lamprecht.

Das System ist perfid: Ist eine Poststelle zu wenig produktiv, muss der betreffende Poststellenleiter handeln. Und weil sich ja in einer Post der Umsatz nicht beliebig steigern lasse, setze er den Hebel bei den Ressourcen an, erklärt der Gewerkschaftssekretär. Die Syndicom habe erfahren, dass bereits einzelnen Mitarbeitern die Pensen gekürzt worden seien.

Post: «Betrieb nach betriebswirtschaftlichen Kriterien»

Post-Sprecherin Léa Wertheimer verteidigt die Massnahmen: Die Post müsse effizient arbeiten und sich an betriebswirtschaftlichen Kriterien halten. Denn letztlich gehe es darum, das Unternehmen fit zu machen für die Zukunft und das Defizit im Zaum zu halten. Die Produktivität sei aber nur eine von mehreren Messgrössen. Dabei gehe es nicht um die erzielten Gewinne, sondern um die Auslastung der einzelnen Mitarbeiter, so Wertheimer weiter. Wenn diese zu wenig ausgelastet seien, bestehe unter Umständen Handlungsbedarf.

Angestellte und Gewerkschaften fürchten auch, dass jene Poststellen, die in der «Produktivitätsrangliste» weiter hinten platziert sind, als nächste geschlossen werden. Die Wirtschaftlichkeit sei nur einer von mehreren Faktoren, entgegnet die Postsprecherin. Daneben gebe es viele weitere Kriterien wie zum Beispiel die Kundenzahlen, Mietkosten oder das Entwicklungspotenzial einer Poststelle.

Gespräche sollen Situation verbessern

Die Post habe aber auch Verständnis für die Verunsicherung beim Personal. Man bemühe sich deshalb um den direkten Dialog mit den Angstellten und Poststellenleitern, um letztlich die Situation zu verbessern.

Der langjährige Briefträger, mit dem «Espresso» gesprochen hat, macht sich keine Hoffnungen mehr, dass sich die Situation des Postpersonal je wieder bessert. «Früher war ich noch stolz, dass ich für die Post arbeiten durfte. Heute bin ich es nicht mehr.»

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