Abzocke am Telefon: Die Tricks der Schwindler

Die Schweiz ist ein Eldorado für Schwindlerfirmen. Hier dürfen Finanzbetrüger Leuten am Telefon straflos Ramschaktien für ein paar Rappen andrehen. «Kassensturz» deckt auf, wie clever Gauner den Wert von Schrottpapieren künstlich aufpumpen und so Klein-Anleger um ihr Erspartes bringen.

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Abzocke am Telefon: So wollen Betrüger an Ihr Geld

9:05 min, aus Kassensturz vom 12.4.2016

Vor sechs Jahren hatte der studierte Philosoph und Musiker Aldo Crotti sein gesamtes erspartes Geld und das Familienerbe in Aktien angelegt. Die Aktien hat er noch immer. Aber sie sind keinen Rappen mehr wert. Eineinhalb Millionen Franken haben sich in Luft aufgelöst. Eine internationale Gaunerbande hat ihn reingelegt.

Crottis Unglück begann, als ihm der vermeintliche Bündner Finanzexperte Dimitri Ceccarelli einen Job anbot: Crotti solle im Callcenter in Lugano Aktien der aufstrebenden Firma Spirit on Media verkaufen. Spirit on Media entwickelte digitale TV-Kanäle, Tochterfirmen betrieben TV-Shopping, einen Pferderennen-Kanal sowie Internetplattformen für Pferde-Wetten. Dafür suchte Spirit on Media Investoren.

Gefälschte Pressmeldungen

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Bildlegende: Der gefälschte Artikel. SRF

Crotti suchte die Firma im Google und fand nur positive Meldungen. Die renommierte «Süddeutsche Zeitung» berichtete, dass Spirit on Media den deutschen Sender «Das Vierte» kaufen wolle. In Internetforen wurde der Spirit-on-Media-Aktie grosses Potential bescheinigt. Schliesslich kam tatsächlich eine Pressemeldung, dass Spirit on Media den Sender für mehrere Millionen gekauft hatte. Was Crotti damals noch nicht ahnte: Diese Pressemeldung war gefälscht.

Crotti, mehr Philosoph als Finanzexperte, war begeistert, nahm den Job als Aktienverkäufer an und kaufte in den nächsten Monaten auch selber Aktien für mehrere hunderttausend Franken. «Vom Hauptsitz in Frankfurt kamen immer wieder positive Signale», sagt Crotti. «Ständig wurde von neuen Übernahmen und Investoren geredet. Es hiess, die Credit Suisse und die UBS wollen auch einsteigen. Mit grossen Namen hat man versucht, Glaubwürdigkeit zu schaffen.»

800 Kleinanleger betroffen

Dimitri Ceccarelli, Chef des Callcenters in Lugano, bearbeitete seinen Angestellten Crotti, bis der sein ganzes erspartes und geerbtes Vermögen von eineinhalb Millionen investiert hatte. Für Crotti noch schlimmer: Mit dem Verkauf der Ramschaktien hat er auch andere Menschen ins Verderben gestürzt hatte. Das macht ihm heute noch zu schaffen.

Als die Sache aufflog, hatten in Europa rund 800 Anleger insgesamt 50 bis 60 Millionen verloren. Die Schwindler hatten ein kompliziertes Firmenkonstrukt aufgebaut mit Firmen in Frankfurt, Hamburg, Amsterdam, London, Lugano, Hongkong und Bangkok. Involviert war auch ein Schweizer Anwaltsbüro.

Wohin das Geld floss und wer wirklich die führenden Köpfe waren lässt sich heute, 6 Jahre nach dem Crash, kaum mehr nachvollziehen. Aldo Crotti: «Es wurden diverse Scheinfirmen gegründet. Ich hätte nie glauben können, dass die Betrügerei so perfide organisiert ist.»

Verbot für Cold Callings

So tricksen die Betrüger

1:13 min, aus Kassensturz vom 12.4.2016

In der Schweiz profitierten die Schwindler von einer Gauner freundlichen Gesetzgebung: Denn in der Schweiz dürfen - im Gegensatz zum Beispiel zu Deutschland - Aktien mit einem lächerlichen Wert von einem Rappen verkauft werden. Und auch Cold Callings, also Aktienverkäufe via Callcenter, sind in Deutschland verboten.

Monika Roth, Professorin für Finanzmarktrecht, fordert ein Verbot: «Ich bin der gleichen Meinung wie die deutsche Finanzmarktaufsicht, die das Cold Calling verboten hat. Das ist eine Form von Anlegerschutz, den man schnell einführen könnte.»

Staatsanwaltschaft überfordert

Der Fall Spirit on Media liegt seit 6 Jahren bei der Tessiner Staatsanwaltschaft. Es gab ein paar Einvernahmen, doch sonst ist nichts geschehen. Alto Crotti fühlt sich von der Staatsanwaltschaft im Stich gelassen. Aldo Crotti: «Das die Banditen mich um mein Geld betrogen haben ist schlimm. Schlimm ist aber auch, dass die Staatsanwaltschaft überhaupt nichts macht.»

Vor über einem Jahr hatte "Kassensturz" die Staatsanwaltschaft per Brief nach den Stand der Ermittlungen gefragt und nachher mit Mails nachgehakt. "Kassensturz" hatte nicht einmal eine Antwort erhalten.

Auch Dimitri Ceccarelli, der Chef des Spirit-on-Media-Callcenters in Lugano wollte hat trotz hartnäckiger Nachfrage nie auf die Vorwürfe reagiert.

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