Aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft lernen

Gemeinsam mit Disziplinen wie der Biologie, Geschichte oder Anthropologie zurückblicken und so neue Blickwinkel für die heutige und zukünftige Medizin gewinnen, das macht die evolutionäre Medizin. Dabei behandelt sie Fragen wie «Warum werden wir krank?» oder «Warum werden wir immer grösser?»

«Der menschliche Körper aber auch unsere Umwelt, die Krankheitserreger, die Bevölkerungsdichte verändern sich laufend», erklärt Frank Rühli, Leiter des Instituts für evolutionäre Medizin der Universität Zürich. «Unseren Rücken können wir nur verstehen, wenn wir wissen, wie wir uns vor Jahrtausenden aufgerichtet haben. Um Krankheitserreger zu verstehen, müssen wir nicht ganz so weit zurück. Diese verändern sich jährlich.»

Dass der menschliche Körper nicht statisch ist, lernen die Medizinstudenten am Institut für evolutionäre Medizin in Zürich. «Wer sich heute als Arzt ausbilden lässt und danach 50 Jahre praktiziert, wird in dieser Zeit bereits Veränderungen am menschlichen Körper feststellen.» Denn dieser ist auch in Zukunft der Evolution und der Selektion ausgesetzt.

«Wenn wir unseren medizinischen Blick auch in die Vergangenheit richten, verschiebt sich unsere Vorstellung von normal und abnormal.» Frank Rühli macht ein Beispiel: In den letzten 130 Jahren sind die jungen Schweizer bei der Aushebung im Durchschnitt um 15 Zentimeter grösser geworden. War ein junger Mann damals 178 Zentimeter gross, galt er als abnormal gross – heute ist er bloss Durchschnitt.

Seit 2014 gibt es das Institut für evolutionäre Medizin an der Universität Zürich. Dass sich weltweit immer mehr Mediziner mit diesem Fachbereich beschäftigen, zeigt die erste europäische Konferenz für evolutionäre Medizin Ende Juli 2015 in Zürich.