Am Meniskus wird zu häufig operiert

Die Anzahl der Meniskus-Operationen hat sich im letzten Jahrzehnt fast verdoppelt. Gleichzeitig erschienen in dieser Zeitspanne immer wieder Studien, die den Nutzen des weit verbreiteten Eingriffs in Frage stellten, vor allem bei degenerativen, altersbedingten Meniskus-Schäden.

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Meniskus - Zu häufig operiert

15 min, aus Puls vom 10.3.2014

Hat der Patient Knieschmerzen und ist auf dem MRI-Bild ein Riss im Meniskus zu sehen, dann scheint es angebracht, im Rahmen einer Gelenkspiegelung das schadhafte Meniskusgewebe zu entfernen. Allerdings weisen seit mehreren Jahren verschiedene Studien darauf hin, dass die Operation besonders bei altersbedingten Schäden nicht immer etwas nützt.

Die neueste Untersuchung stammt aus Finnland und wurde Ende 2013 im renommierten «New England Journal of Medicine» veröffentlicht: 146 Patienten mit degenerativem Meniskusriss, aber ohne Arthrose im Gelenk, erhielten eine Gelenkspiegelung. Die Hälfte wurde tatsächlich operiert. Bei der anderen Hälfte wurde die Meniskus-Behandlung lediglich simuliert. Es zeigte sich, dass sich die Schmerzen oftmals auch ohne Eingriff verbesserten oder aber eine Scheinoperation das gleiche Resultat brachte wie ein echter Eingriff.

Obwohl Experten der Studie gewisse methodische Mängel in Bezug auf die Patientenauswahl vorwerfen, sind sich die Fachleute einig, dass die Untersuchung ein echtes Problem thematisiert.

Zunahme der Operationen

Dass teilweise unnötigerweise zum Messer gegriffen wird, darauf deuten auch die Zahlen des Bundesamtes für Statistik hin. So wurden laut der Medizinischen Statistik der Krankenhäuser im Jahr 2002 in Schweizer Spitälern 10'417 Teil- oder Komplettentfernungen von Menisken vorgenommen, im Jahr 2012 waren es bereits deren 18'903.

Laut Bernhard Christen, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie, kann die medizinische Notwendigkeit diese Zunahme der Eingriffe nicht allein erklären. Vielmehr sieht er als Ursache eine Bagatellisierung des Eingriffs. Denn die Verlockung, zu operieren, ist sowohl für die Ärzte als auch für die Patienten gross. Schliesslich hat der Arzt auf dem MRI-Bild mit dem Meniskusriss die scheinbar naheliegende Ursache für die Schmerzen entdeckt. Und die Hemmschwelle für die Patienten, dem Eingriff zuzustimmen, ist gering, da die Operation ambulant und arthroskopisch – also mittels Schlüssellochchirurgie – durchgeführt wird.

Altersbedingte Abnützung

Doch gerade bei älteren Menschen weisen die beiden halbmondförmigen Menisken infolge jahrelanger Abnützung häufig altersbedingte Schäden auf. Oft machen diese Risse jedoch nicht einmal Beschwerden. So zeigt eine amerikanische Studie, dass im Kernspintomogramm zwar bei jeder fünften Frau zwischen 50 und 59 und bei mehr als jedem zweiten Mann zwischen 70 und 90 eingerissene oder gar zerstörte Menisken zu sehen sind. Bei sechs von zehn untersuchten Personen verursachte der Schaden jedoch keine Schmerzen.

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4:41 min, aus Ratgeber vom 07.03.2014

MRI-Bilder eignen sich deshalb nicht als einzige Entscheidungsgrundlage für eine Operation. Seriöse Orthopäden klären bei Knieschmerzen mit Verdacht auf verschleissbedingten Meniskusriss immer ab, ob beispielsweise nicht auch Kniearthrose, muskuläre Probleme oder Entzündungen der Sehnenansätze für die Probleme verantwortlich sein können.

Zudem spielt der Verlauf der Schmerzen über die Zeit eine wichtige Rolle, denn altersbedingte Meniskus-Beschwerden können selbstständig wieder abklingen. Wenn bei älteren Personen ein degenerativer Meniskusriss festgestellt wird, dann sollte deshalb zuerst immer konservativ behandelt werden.

  • Schonung des Knies durch Entlastung (Reduktion der Aktivitäten bis hin zur Stockentlastung), regelmässiges Hochlagern und Auflegen von Eis oder Coldpacks, respektive die Applikation von Wickeln (z.B. Quark, Heublumen, etc.).
  • Zusätzlich können entzündungshemmende Schmerzmittel helfen.
  • Gezieltes Muskeltraining mittels Physiotherapie kann das Knie stärken und helfen, dass die schmerzhafte Entzündung wieder abklingt.
  • Manchmal hilft auch der Einsatz knorpelaufbauender Medikamente in Tablettenform.

Erst wenn diese konservativen Therapiemöglichkeiten erfolglos ausgeschöpft sind, kann eine Operation Sinn machen.

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