Aus dem Alltag eines Gefängnisarztes

Seine Patienten sind Dealer, Einbrecher und Mörder – und er behandelt sie alle gleich: Dr. Thomas Staub, leitender Arzt der Zürcher Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf. Wie sieht die medizinische Betreuung in einer Vollzugsanstalt aus?

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Krank im Knast

8:34 min, aus Puls vom 27.2.2012

Thomas Staub ist Internist und Rheumatologe – und seit 2002 Gefängnisarzt von Pöschwies. Geplant hatte er seinen Arbeitsort nicht von Beginn, doch nun ist aus der Arbeit eine Berufung geworden.

Trotz all den Jahren: Auch er muss sich nach wie vor an die diversen Sicherheitsvorkehrungen halten, etwa sein Handy beim Eingang in einem Schliessfach aufbewahren, da es ihm entwendet werden könnte. Handys sind in der Anstalt nämlich nicht erlaubt. Das Wichtigste für Thomas Staub ist allerdings, dass er die Justizvollzugsanstalt jederzeit verlassen kann.

Arztdienst rund um die Uhr im Einsatz

Mit 426 Plätzen ist die Justizvollzugsanstalt Pöschwies die grösste geschlossene Anstalt der Schweiz. Wer hier krank rein kommt oder krank wird, muss sich allerdings keine Sorgen machen: Der Arztdienst kümmert sich rund um die Uhr um die Gesundheit der Gefangenen. Die Praxis liegt im Herzen der Anstalt und wirkt auf den ersten Blick mit ihrem Sprechzimmer, dem Empfangs- und Wartezimmer sowie dem Röntgen- und Behandlungsraum ganz normal. Einzig die Gitter vor den Fenstern und die hohen Mauern erinnern an die spezielle Lage.

Es sind ganz banale Dinge, die hier behandelt werden, wie etwa eine Erkältung, Bauchschmerzen oder Migräne. Aber auch Diabetes, zu hoher Blutdruck oder eine Sportverletzung bis hin zu Krebserkrankungen kommen vor. «Die ärztliche Versorgung in Pöschwies ist beinahe besser als in Freiheit. Wir sind rund um die Uhr da und versuchen natürlich möglichst alles hier in der Anstalt zu behandeln. Ein Transport in ein Krankenhaus ist sicherheitstechnisch sehr aufwendig», erklärt Staub und fügt hinzu: «Wenn ein Insasse in seiner Zelle sterben würde, weil ich etwas bei der Untersuchung übersehen habe, dann hätten wir ein Problem.»

Deshalb ist von Thomas Staub ein breites Generalistentum verlangt. Das ist der Vorteil für die Gefangenen – der Nachteil liegt allerdings auf der Hand: In der Anstalt kann man seinen Arzt nicht einfach so wechseln wie in Freiheit. Wem Thomas Staub und sein Team nicht passen, hat Pech gehabt.

Mörder, Einbrecher, Dealer

Staubs Team umfasst zehn Mitarbeiter. Zusätzlich kommen Spezialisten wie Augenärzte oder Orthopäden regelmässig nach Pöschwies zur Sprechstunde. Der Andrang auf die Anstaltspraxis ist gross. In Spitzenzeiten melden sich bis zu 30 Patienten.

Eine Nationalfondsstudie hat gezeigt, dass Menschen in Haft schneller altern und schneller krank werden. Die Erfahrung von Thomas Staub zeigt, dass die Straftäter «schneller» Beschwerden entwickeln, dies sicherlich auch mangels Abwechslung.

Staub und seine Mitarbeiter sind für die Insassen somit nicht nur medizinische Anlaufstelle, sie bieten auch Abwechslung – und im Gegensatz zu den Aufsehern verkörpern sie sozusagen die «Good Guys», die «Guten». Hier können die Insassen auch mal ihr Herz ausschütten. «Ich bin an die ärztliche Schweigepflicht gebunden, aber die gilt nur solange die Aufsichtspflicht nicht verletzt wird. Also wenn mir ein Patient erzählen würde, dass er morgen jemanden in der Anstalt umbringen wolle», erklärt Thomas Staub.

«  Man muss immer auf der Hut sein, sich nicht instrumentalisieren zu lassen. »

Thomas Staub
Gefängnisarzt

Die Frage, ob es ihm etwas ausmache, auch Mörder zu behandeln, beantwortet er klar mit «Nein». Es gehört zum Profil eines Anstaltsarztes, dass er abstrahieren kann. Und so genau will er die Straftaten auch gar nicht wissen. Für ihn sind es einfach Patienten, die eine normale Behandlung verdienen.

Anders im Vergleich zu einer normalen Arztpraxis in Freiheit ist für Staub auch, dass er seinen Patienten letztlich nicht vertrauen kann. «Sie wollen meistens etwas von mir, sei es einen Urlaub vom Arbeitsdienst oder die Verlegung ins Krankenhaus. Da muss ich immer auf der Hut sein, mich nicht instrumentalisieren zu lassen.»

Die Patienten werden immer älter

Eine Besonderheit ist die Abgabe der Medikamente: Hier müssen spezielle Vorsichtsmassnahmen getroffen werden. Alle Medikamente werden unter Aufsicht rationiert abgegeben und eingenommen. Es darf nicht passieren, dass gefährlich Arzneien gehortet werden, sei es um einen Suizid zu verüben oder jemanden umzubringen.

Und noch eine Entwicklung betrifft den Arztdienst: Immer mehr Insassen bleiben länger im Vollzug und werden somit auch älter. Irgendwann werden auch sie pflegebedürftig, doch dafür sind die Anstalten nicht eingerichtet. In Pöschwies gibt es bereits die Abteilung für Sucht und Pensionäre. Doch wie man mit einer grösseren Zahl von Haft-Pensionären und ihren Alterbeschwerden umgeht, das bleibt die grosse Frage. Diverse Projekte sind bereits andiskutiert.

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