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Gesundheitswesen Gesund unters Messer

Wer krank ist, erhält meist irgendwann vom Arzt eine Diagnose. Aber ist auch jeder, der eine Diagnose erhält, wirklich krank? Nein, denn es gibt das Phänomen der so genannten Überdiagnostik in der Medizin, also dass ein Mensch, der eine Diagnose erhält, gar nicht krank ist.

Legende: Audio Gesund trotz Diagnose abspielen. Laufzeit 28:18 Minuten.
28:18 min, aus Kontext vom 25.09.2013.

Genaue Zahlen, wie viele Gesunde für etwas behandelt werden, das sie gar nicht haben, gibt es nicht – aber es ist wohl gar nicht so selten. Denn Überdiagnostik tritt an vielen unterschiedlichen Orten auf.

Berühmtes Beispiel ist der Prostatakrebs, den das PSA-Screening im Visier hat, ein Bluttest bei an sich gesunden, beschwerdefreien Männern. Ob der PSA-Routine-Test wirklich Leben rettet, ist umstritten, denn es sieht so aus, als würde das PSA-Screening an sich nichts an den Heilungschancen ändern. Als unschöne Nebenwirkung des Screenings erhalten jedoch viele Männer eine Krebsdiagnose, die sonst gar nie erfahren hätten, dass in ihnen ein Krebsherd schlummert – weil sie einen sehr kleinen und langsam wachsenden Krebs haben.

Leider kann die Medizin heute nicht mit absoluter Sicherheit gefährliche von ungefährlichen Tumoren unterscheiden. Deshalb werden auch diese Männer oft relativ aggressiv behandelt – und müssen mit den psychischen Folgen einer Krebsdiagnose leben.

Überempfindliche Tests

Ein grosses Problem sind auch Hightech-Tests, die derart feine Messungen machen, dass sie viel zu häufig Alarm schlagen. Ein Beispiel hierfür ist die Ultraschall-Untersuchung der Schilddrüse. Sie wird immer häufiger auch ohne Verdacht auf Schilddrüsenkrebs eingesetzt. Und weil die Ultraschall-Geräte heute so empfindlich sind, finden die Ärzte damit auch die winzigsten Wucherungen. Um auf Nummer sicher zu gehen, wird dann oft operiert, also die ganze Schilddrüse entfernt.

Dass das zu viel des Guten ist, zeigt ein Blick in die Statistik: Die Diagnose Schilddrüsenkarzinom wird heute mehr als doppelt so häufig gestellt wie vor zehn Jahren. Doch diese Flut an Diagnosen – und Behandlungen – hat unter dem Strich nichts an der Todesrate geändert. Es sterben heute gleich viele Menschen an Schilddrüsenkrebs wie vor zehn Jahren.

Über die Gründe für die Diagnoseflut und was man dagegen tun könnte, haben sich der Arzt Nicolas Rodondi und der Gesundheitsökonom Klaus Eichler in der Sendung «Kontext» auf Radio SRF 2 unterhalten.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Xaver Reichart, Kaiseraugst
    Es gibt klare Zahlen: Je dichter die Versorgung eines Gebietes mit Ärzten ist, desto mehr Kranke gibt es. Das kann Ihnen jede Krankenkasse bestätigen. Der Schluss liegt also nahe, dass Ärzte krank machen. Mein Vorschlag: Bezahlt den Hausärzten bessere Löhne als den Fachärzten und entlohnt nach dem wahren Erfolgsprinzip: Die Löhne der Ärzte steigen, wenn es in einer Region weniger Kranke gibt. Das fördert die Vorsorge und senkt ganz schnell die Gesundheitskosten. Viel Spass dabei ;-) X. R.
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