Kinderfreundliche Behandlung auf dem Vormarsch

Wenn Kinder ins Spital müssen, ist das oft mit Ängsten verbunden. Infusionen legen, röntgen oder gipsen wird zur Belastungsprobe. Es ist logisch, dass Kinder in dieser Situation Sicherheit bei den Eltern suchen. Dieser Reflex soll nun am Inselspital Bern ausgenützt werden.

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Kinder im Spital – Angst lass nach!

6:41 min, aus Puls vom 11.1.2016

Ein wenig unsicher und scheu betreten Vater und Sohn das Behandlungszimmer im zweiten Stock der Kinderklink am Inselspital Bern. Noch weiss der fünfjährige Rafael nicht, was ihn erwartet. Ganz im Gegenteil zu seinem Vater Patrick Bürgisser, der seine Nervosität nicht ganz verstecken kann. Er weiss nämlich, dass eine schmerzhafte Behandlung auf dem Programm steht. Die Pflegefachfrau Mirjam Zindel versucht, die angespannte Situation zu lockern: «Kommt nur rein, wir schauen uns mal alles in Ruhe an.»

Schmerzhafte Behandlung

Rafael brach sich vor ein paar Wochen den Ellbogen – ein unglücklicher Sturz im Kindergarten. Der Knochenbruch erforderte mehr als nur einen Gips. Die Ärzte bohrten während der Operation zwei gut fünf Zentimeter lange Drähte in die Knochen hinein, die garantierten, dass der Bruch korrekt zusammenwuchs. Doch genau diese beiden Drähte stecken jetzt, gut vier Wochen später, immer noch in Rafaels Arm und müssen raus. Eine schmerzhafte Behandlung, die man aber dank starker Schmerzmittel oder Lachgas einem Kind ohne Vollnarkose zumuten kann.

Vorsichtig schneidet Zindel den Gips auf. Noch ist Rafael ruhig. Die Neugier überwiegt. Doch als er die Drähte entdeckt, die aus seinem Arm ragen, beginnt er zu weinen. Sein Ellbogen schmerzt ihn noch kaum, doch die Angst vor der unbekannten Situation überwiegt. Die Neugier und Offenheit gegenüber dem medizinischen Personal schwindet, jetzt will er einfach nur zu seinem Vater.

Verschiedene Sujets illustrieren wie Mutter und Kind die Comfortpositionen einnehmen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Comfort-Positionen: Die Bilder geben eine Vorstellung, wie die Kinder bei den verschiedenen Verrichtungen positioniert werden können. Inselspital Bern

Comfort-Positionierung

In diesem Moment kommt das neue Konzept zum Einsatz. Für die eigentliche Behandlung darf Rafael seinem Vater ganz nahe sein. Patrick Bürgisser sitzt nicht neben der Untersuchungsliege und hält nur die Hand. Mirjam Zindel hilft den beiden, sich auf der Liege einzurichten. Rafael sitzt dazu auf dem Schoss seines Vaters, welcher ihn von hinten umarmt. «Die Nähe zwischen dem Kind und der elterlichen Bezugsperson fördert die kindliche Entspannung und limitiert gleichzeitig seine Mobilität. So können Verrichtungen auch in spezieller Position sicher und erfolgreich durchgeführt werden», sagt die Pflegeexpertin Brigitte Wenger Lanz. Sie hat das Konzept während gut einem Jahr am Inselspital auf Herz und Nieren getestet. Natürlich sei es nichts Neues, dass Eltern ihre Kinder mit Nähe unterstützen, wenn diese medizinisch betreut werden, sagt Wenger Lanz. Mit der systematischen Anwendung der Comfort-Positionierung gehe man aber einen Schritt weiter. Diese Art von Positionierung werde nicht mehr rein intuitiv, sondern standardisiert angewendet.

Konkret heisst das, dass viele schwierige Behandlungen wie zum Beispiel Infusionen legen oder Wunden nähen in solchen Positionen durchgeführt werden können. Also Behandlungen, die bei einem unruhigen oder zappeligen Kind eine Fixation durch das Pflegepersonal zur Folge hätte. Neu können Eltern ihr Kind aktiv unterstützen, ruhig zu halten. «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Eltern, die gerade bei schmerzhaften Behandlungen oft auch gestresst sind, die Situation besser meistern, wenn sie eine klare Aufgabe erhalten», sagt Wenger Lanz. So verhindere die Positionierung auch ein Stück weit, dass Eltern ihre eigenen Ängste auf ihre Kinder übertragen, so die Expertin. Damit spricht sie ein Phänomen an, das in der pädiatrischen Behandlung bestens bekannt ist.

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Brigitte Wenger Lanz

Brigitte Wenger Lanz

Die Pflegeexpertin hat im Rahmen ihres Abschlusses des Master of Advanced Studies in Pädiatrischer Pflege an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) die Comfort-Positionierung als Praxisentwicklungsprojekt an der chirurgischen Kinderpoliklinik eingeführt.

Keine Neuerfindung

Für Brigitte Wenger Lanz und ihr Team ist aber wichtig, dass nicht sie die Comfort-Positionierung erfunden haben. Die Ursprünge des Konzepts liegen in den USA. Wissenschaftlich ist das Thema erst wenig erforscht. Die Datenlage, die die Wirksamkeit der Comfort-Positionierung belegen, sei spärlich, sagt Wenger Lanz. «Das Konzept beruht zum grössten Teil auf unseren Erfahrungen, als wir die Positionen erarbeitet und in der Praxis getestet haben», sagt die Expertin. Für das Projekt haben Wenger Lanz und ihr Projektteam dann auch den zweiten Rang des Berner Pflegepreises 2015 gewonnen.

Überbewerten will sie die Positionierung aber nicht. «Das prozedurale Schmerz- und Angstmanagement bei der Behandlung von Kindern umfasst weit mehr als nur die Comfort-Positionierungen. Sie ergänzen lediglich die bestehenden Massnahmen bei Behandlungen, wie sie beispielsweise Rafael machen muss. So werden trotz Comfort-Positionierung starke Schmerzmittel an Rafael verabreicht. Gleichzeitig versucht ihn der Vater mit einer Geschichte aus einem Buch abzulenken.

Weitere Spitäler ziehen nach

Der Arzt Andreas Bartenstein schreitet zur Tat. Rafael ist gut vorbereitet. Langsam beginnt der Kinderchirurg mit der Zange die Drähte herauszuziehen. Rafael scheint fast nichts davon mitzubekommen. Die Massnahmen wirken: Während des schmerzhaftesten Teils der Behandlung vergiesst der Knabe keine einzige Träne. «Die Pflege hat hier wirklich einen Beitrag dazu geleistet, dass wir kindgerechter und angenehmer Behandlungen durchführen können, dass wir weniger traumatisierend sind und weniger Medikamente geben müssen», sagt Andreas Bartenstein, nachdem er die Drähte entfernt hat. Auch Patrick Bürgisser findet: «Ich bin dank meiner Aufgabe selber abgelenkt gewesen, so konnte ich mir nicht zu sehr Gedanken machen, wie fest es meinen Sohn geschmerzt hat.»

Ein Kind in der Comfort-Positionierung während eines Eingriffs. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Festhalten und ganz nah sein: Gerade für Kinder ist das bei der Behandlung wichtig. SRF

Die Kinderklinik des Inselspitals Bern hat unterdessen das ganze Personal auf das neue System geschult – als erste Klinik in der Deutschschweiz. Doch nicht nur in Bern setzt man auf die Comfort-Positionierung bei schmerzhaften Interventionen. Die Kinderspitäler in der Schweiz organisieren sich in einer Arbeitsgruppe, um die «nichtmedikamentöse Schmerztherapie in den Kinderkliniken der Schweiz» zu standardisieren. Dazu gehöre auch die Einführung der Comfort-Positionierung, sagt Andrea Ullmann-Bremi vom Kinderspital Zürich. Sie leitet dort den Bereich Pflegeentwicklung und führt das Konzept auch ihn Zürich ein: «Das Konzept überzeugt auf der ganzen Linie. Es lässt sich sehr einfach und kostengünstig in den pflegerischen Alltag einbauen und ergänzt optimal die bereits bestehenden medikamentösen Konzepte.» Erste Umsetzungen sind bereits angelaufen. Zurzeit erfolgen die Abklärungen, wie und wo das Kinderspital die Comfort-Positionierung im Gesamtbetrieb einführen kann. Brigitte Wenger Lanz vom Inselspital Bern hat man jedenfalls für eine Weiterbildung im April 2016 eingeladen, um von ihren Erfahrungen und ihrem Wissen profitieren zu können.

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