Krieg, der Motor der Prothetik

Neben Millionen von Toten produzierte der Ersten Weltkrieg auch über zwanzig Millionen Verletzte. Viele trugen fortan Prothesen, damals einfache Ersatzgliedmassen aus Holz. «10vor10» über die Evolution der Prothetik seit dem Ersten Weltkrieg.

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Moderne Medizin dank Millionen von Kriegsopfern

6:05 min, aus 10vor10 vom 13.8.2014

Der Erste Weltkrieg ist mit seinen Millionen Verwundeter und Kranker eine gigantische medizinische Überforderung. Keine der Kriegsparteien ist auf eine solche Flut von Patienten vorbereitet. Und an der Front ist die medizinische Versorgung oft gar nicht gewährleistet.

Wer Glück hat, wird in ein Lazarett transportiert und verblutet nicht einfach auf dem Schlachtfeld. Doch oft sind zerschossene Gliedmassen nicht mehr zu retten – und müssen amputiert werden.

Reiche Patienten erhalten eine Prothese, individuell auf ihren Beinstumpf angepasst. Die Übrigen müssen mit künstlichen Standardgliedmassen zurechtkommen und Alltäglichkeiten wie das Gehen wiedererlernen. Alles mit dem Ziel, verkrüppelte Soldaten wieder als nützliche Mitglieder in die Zivilgesellschaft zu integrieren. Doch nicht Wenige, die Arme und Beine für Ehre und Vaterland geopfert haben, landen am Ende auf der Strasse. Als Bettler, Hausierer, Ausgestossene.

Bahnbrechende Entwicklung an der Uni Zürich

An der Uni Zürich revolutioniert Ferdinand Sauerbruch 1916 dann die Prothetik. Der deutsche Arzt entwickelt während seiner Zeit als Professor für Chirurgie eine Armprothese, die die Hand willkürlich schliessen und zugreifen lässt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, der abermals Millionen von Krüppeln produziert, werden die ersten Prothesen mit Elektromotoren entwickelt.

Ende der 1960er Jahre setzen sich dann myo-elektrische Systeme durch: Elektroden auf der Haut messen die elektrischen Nervenimpulse und geben ein Signal an den Motor weiter, der die Prothese bewegt.

Künftig besser als das Original?

Heutzutage profitieren selbst Paraplegiker von Entwicklungen aus der Prothetik-Forschung. So unterstützt der Lokomat der Uniklinik Balgrist Patienten beim Gehtraining. Und im Labor für Sensomotorische Systeme der ETH Zürich tüfteln Forscher schon an der nächsten Generation des Lokomaten. Hier entstehen auch neue, experimentelle Hightech-Beinprothesen.

Künftig würden Prothesen direkt an und in den Körper eingepasst. So, dass es fast keinen Unterschied mehr zu normalen Gliedmassen gäbe. Mehr noch: Die Prothese gereicht dem Träger vielleicht zum Vorteil. Solche Aussichten hatten die Amputierten nach dem Ersten Weltkrieg nicht. Für viele wäre nicht bloss ein Holzbein, sondern ein wenig gesellschaftliche Anerkennung für ihr Opfer schon viel wert gewesen.

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